AFP PHOTO / YASUYOSHI CHIBA

Olympische Spiele

Der vierjährliche Stadtwechsel – ein Anachronismus

von Bernhard Schinwald / 06.08.2016

Mit Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro steht Brasilien vor einer großen Prüfung. Das Land hat den Zuschlag für die Spiele im Jahr 2009 als hoffnungsvolles und aufstrebendes Schwellenland bekommen und muss sie nun inmitten einer Staatskrise und einer wirtschaftlichen Rezession austragen.

Auch auf fiskaler Ebene ist Olympia in Rio eine Herausforderung. Der amerikanische Sportökonom Andrew Zimbalist schätzt die Kosten für die Spiele in Rio auf rund 20 Milliarden Dollar und erwartet unmittelbare Einnahmen in Höhe von 4,5 Millliarden Dollar.

Olympia wird immer mehr ein Kostenrisiko. Dieser Trend zeichnete sich bereits seit Peking 2008 (rund 40 Milliarden Dollar) und Sotschi 2014 (über 50 Milliarden Dollar) ab.

In München, Hamburg und Wien scheiterten in den vergangenen Jahren Volksbefragungen bereits bei der Frage, ob überhaupt eine Bewerbung eingereicht werden soll. Boston beendete seine Mühen um die Sommerspiele 2024, nachdem es sich bereits in der US-internen Vorausscheidung gegen Washington D.C. und Los Angeles durchgesetzt hatte.

Auch Oslo hat seine favorisierte Bewerbung um die Winterspiele 2022 aus Kostengründen wenige Monate vor der Entscheidung zurückgezogen. Übrig blieben die Bewerbungen aus zwei weniger vorzeigbaren Demokratien: China und Kasachstan. Länder also, deren Regierungen sich vor ihrem Volk nicht für die kostspieligen Spiele zu rechtfertigen haben.

Olympia-Enthusiasten argumentieren, dass eine Stadt von der neuen Infrastruktur, die in der Olympia-Vorbereitung entsteht, profitiert und durch Wochen in der Weltöffentlichkeit auch unbezahlbare Werbung für potentielle Touristen macht. Tatsächlich nachgewiesen wurde dieser Effekt allerdings noch nicht. Als profitabelste Spiele gelten jene von Los Angeles im Jahr 1984. Die Stadt musste damals allerdings kaum Sportstätten neu bauen und war in der Vermarktung bei weitem nicht jenen Reglements unterworfen, die das IOC seither installierte.

Auch der Einwand, die Spielstätten würden künftig Touristen anziehen, rechtfertigt den Aufwand nur bedingt. Das Vogelnest beispielsweise, jenes Stadion in Peking, in dem 2008 die Feierlichkeiten und Leichtathletik-Bewerbe stattfanden, kann heute um 20 Dollar per Segway abgefahren werden. Der Beitrag zur Amortisierung des 400 Millionen Euro teuren Stadions bleibt damit überschaubar. Ansonsten ergibt es sich einem ähnlichen Schicksal, wie viele Sportstätten in den verschiedenen Austragungsorten, die nach den Spielen kaum mehr genutzt werden – und wenn, dann finden dort andere Massenveranstaltungen statt, wie Konzerte oder religiöse Feste.

London hat für Olympia 2012 bei der Konzeption der Sportstätten ihre Verwendung nach den Spielen mit eingeplant und damit ein strukturschwaches Stadtviertel weiterentwickelt. Das Olympia-Stadion wird heute jedenfalls vom Fußball-Klub West Ham United regelmäßig bespielt. Und immerhin: Auch in den Spielorten in Rio gibt es fertige Rückbauungs- und Entwicklungskonzepte für die Spielstätten.

Dennoch wirft auch die diesjährige Auflage der Spiele in Rio neuerlich eine zentrale Frage auf: Ist es noch zeitgemäß, dass alle vier Jahre eine andere Stadt auf der Welt Milliarden in Sportstätten, olympische Dörfer, Pressezentren und dergleichen mehr steckt? Ist es zu rechtfertigen, wenn dabei zunehmend nur mehr oder weniger demokratische Länder zum Zug kommen, die sich für die finanziellen Eskapaden vor niemandem rechtfertigen müssen?

In den vergangenen Jahren fand die alte Forderung immer mehr Anhänger, den Olympischen Sommerspielen ein dauerhaftes Zuhause zu geben. Eine Stadt, die über die gesamte notwendige Infrastruktur verfügt und sie lediglich alle vier Jahre auf den neuesten Stand holt.

Je mehr die Kosten für die Austragung der Olympischen Spiele steigen und je weniger demokratische Länder bereit sind, dafür in die Tasche zu greifen, desto intensiver wird uns diese Frage noch beschäftigen.