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Wirtschaftsprognose

Der Währungsfonds malt schwarz

von Martin Lanz / 13.04.2016

Der Zustand der Weltwirtschaft sei fragil, meint der Währungsfonds. Das Wachstum wird 2016 schwach ausfallen. Wirtschaftspolitische Reformen sind dringend notwendig.

Es sind keine guten Vorzeichen, unter denen der Internationale Währungsfonds (IMF) diese Woche zu seiner Frühjahrstagung lädt. Nicht nur haben die Washingtoner Ökonomen ihre Wachstumsprognosen für dieses und nächstes Jahr erneut nach unten korrigiert. Sie weisen auch warnend darauf hin, dass es wegen zunehmender Risiken noch schlimmer kommen könnte.

Globale Wachstumsschwäche

Solch schwaches Wachstum bedeute weniger Raum für Fehler, sagte IMF-Chefökonom Maurice Obstfeld bei der Präsentation des Weltwirtschaftsausblicks. Ein neuerlicher negativer Schock, und man werde sich in einer sehr ungemütlichen Situation finden, meinte auch dessen Chefin, Christine Lagarde. Laut den angepassten Prognosen wird die Weltwirtschaft 2016 um 3,2 Prozent und nächstes Jahr um 3,5 Prozent zulegen. Noch im Januar waren die IMF-Ökonomen davon ausgegangen, dass das Weltwirtschaftswachstum dieses Jahr 3,4 Prozent erreiche. Von Negativ-Revisionen sind praktisch alle massgebenden Volkswirtschaften betroffen.

Die Industrieländer dürften demnach 2016 nur noch um 1,9 Prozent zulegen, die Schwellen- und Entwicklungsländer noch um 4,1 Prozent (je –0,2 Prozentpunkte gegenüber den Januar-Prognosen). Das ist für beide Ländergruppen weit unter dem jeweiligen Durchschnitt der Jahre 1980–2015, der für die Industrieländer 2,4 Prozent und die Schwellen- und Entwicklungsländer 4,6 Prozent betrug.

Scharfe Prognose-Korrekturen erfuhren Nigeria, Russland und Japan, aber auch Italien, Grossbritannien und Brasilien. Während Nigeria trotzdem noch ein positives Wachstum aufweisen wird, dürften die Rezessionen in Russland und Brasilien nun noch schwerer ausfallen als bisher gedacht. Neuerdings sagt der IMF auch Japan eine Rezession voraus; die dortige Wirtschaft soll 2017 um –0,1 Prozent schrumpfen. Zugeschrieben wird das dem erwarteten Inkrafttreten einer Mehrwertsteuererhöhung.

Leicht positiver als bisher sieht der IMF die Lage in China und in den Europäischen Schwellen- und Entwicklungsländern. Unverändert erfreulich – nämlich mit einem prognostizierten Wachstum von 7,5 Prozent – beurteilt die Washingtoner Organisation die Entwicklung in Indien. Weitere Lichtblicke sind laut dem Fonds die Asean-5-Volkswirtschaften, also Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Thailand und Vietnam. In Lateinamerika profitiert Mexiko von den relativ stabilen US-Verhältnissen.

Weil das Wachstum insgesamt relativ schwach sei – die von der Weltwirtschaft prognostizierten 3,2 Prozent liegen unter dem langjährigen Durchschnitt von 3,5 Prozent –, seien auch die Negativ-Risiken ausgeprägter, sagt der IMF. So könnten die Finanzmarktturbulenzen zurückkehren und das Vertrauen der Anleger erneut in Mitleidenschaft ziehen. Oder eine lange Periode niedriger oder gar erneut sinkender Erdölpreise könnte die Aussichten der Rohstoffexporteure weiter eintrüben. Auch eine stärker als erwartet ausfallende Wachstumsverlangsamung in China hätte weltweit negative Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen und Rohstoffpreise. Nicht auszuschliessen seien zudem Schocks, die nicht ökonomischer Natur sind, wie geopolitische Konflikte, politische Zerwürfnisse, Terrorismus, Flüchtlingsströme oder globale Epidemien, meint der Währungsfonds.

Die anhaltend trüben Aussichten riefen nach einer unmittelbaren, proaktiven Antwort der Wirtschaftspolitik, meinte Obstfeld. Um das Wachstum zu stützen und sich gegen die Negativ-Risiken zu wappnen, brauche es einen potenten Massnahmen-Cocktail. Dieser besteht laut dem IMF aus struktur-, fiskal- und geldpolitischen Schritten, die sich gegenseitig unterstützten.

Ohne Reformen geht es nicht

Die Notwendigkeit von Strukturreformen und der Spielraum für solche seien besonders gross, schreiben die Ökonomen des Währungsfonds. Arbeits- und Produktmarktreformen hätten in den Industrieländern mittel- und langfristig ein besonders hohes Potenzial, vor allem, wenn sie mit einem fiskalischen Stimulus, beispielsweise durch die Reduktion von Steuern, die den Faktor Arbeit belasten, oder mit höheren öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung oder für Ausbildungsmassnahmen gekoppelt würden.

Produktmarktreformen, die den Wettbewerb unter Firmen stimulieren und das Geschäfts- und Investitionsklima verbessern, sind zudem gemäss den IMF-Analysen selbst unter schwachen makroökonomischen Bedingungen dem Wachstum förderlich, ohne dass sie den Staatshaushalt belasten. In vielen Ländern bliebe zudem eine lockere Geldpolitik unabdingbar, nicht zuletzt, um die Inflationserwartungen anzuheben.