Forderungen aus den USA

Deutsche Bank im Dauerstress

von Christoph Eisenring / 16.09.2016

Die USA wollen von der Deutschen Bank 14 Mrd. $ für angebliche Verfehlungen am Hypothekenmarkt. Die Zahlung dürfte letztlich weit niedriger sein, doch es gibt Zweifel, ob die Rückstellungen reichen.

Deutsche Medien nennen die Deutsche Bank in ihren Berichten gerne den Branchenprimus. Gewiss ist die Bank mit einer Bilanzsumme von 1,8 Bio. € in Deutschland ein Riese. Doch angesichts der ernüchternden Resultate handelt es sich auf den zweiten Blick um einen Scheinriesen. International rangiert die Bank von ihrem Börsenwert her «unter ferner liefen». Es hapert an allen Ecken und Ende. Letztes Jahr hatte die Bank einen Verlust von 6,8 Mrd. € geschrieben. Und im ersten Halbjahr 2016 hat sie gerade einmal 20 Mio. € verdient. In diese Misere platzte in der Nacht auf Freitag die Nachricht, das amerikanische Justizministerium fordere von der Bank 14 Mrd. $ für seine Rolle bei der Verbriefung von mit Hypotheken basierten Wertschriften.

Reicht das Kapital?

Die grossen Rechtsstreitigkeiten im laufenden Jahr abzuhaken, hat sich Firmenchef John Cryan ganz oben auf die Traktandenliste gesetzt. Die kolportierte Forderung zeigt, dass Bank und Behörden bei diesem gewichtigsten Fall für die Bank noch weit auseinanderliegen. Das Geldhaus teilte denn auch postwendend mit, man beabsichtige auf keinen Fall, eine Summe zu bezahlen, die auch nur annähernd den 14 Mrd. $ entspreche. Laut «Wall Street Journal» haben Anwälte der Deutschen Bank bisher mit einer Vergleichssumme von 2 Mrd. bis 3 Mrd. $ kalkuliert. Die Bank hatte bereits 2013 wegen des angeblich missbräuchlichen Verkaufs von mit Hypotheken besicherten Wertpapieren 1,9 Mrd. $ an amerikanische Aufsichtsbehörden bezahlt.

Die Aktie der Deutschen Bank ging am Freitag mit einem Abschlag von gut 6% in den Handel. Dies entspricht einem Verlust an Börsenkapitalisierung von gut 1 Mrd. € gegenüber dem Vortag. Die Deutsche Bank hat für alle Rechtsstreitigkeiten laut Halbjahresbericht 5,5 Mrd. € zurückgestellt. Die Börsenreaktion zeigt, dass die Anleger zwar zweifeln, ob diese Summe reicht. Gleichzeitig rechnen sie aber auch nicht mit einer Zahlung, die nur annähernd an die 14 Mrd. $ der Amerikaner heranreicht. Goldman Sachs hatte sich in einem ähnlichen Fall im Januar auf eine Zahlung von 2,4 Mrd. $ geeinigt. Laut «Handelsblatt» hatte das Justizministerium zunächst 15 Mrd. $ gefordert.

Nach der jüngsten Nachricht fragt man sich erneut, ob die Kapitaldecke der Bank reicht. Die harte Kernkapitalquote liegt derzeit bei 10,8%. Laut der DZ Bank verringert jede Milliarde Euro Busse, die über die bereits gemachten Rückstellungen hinausgeht, die Kernkapitalquote um einen Viertel Prozentpunkt. Bei einer hohen Strafzahlung wäre somit eine Kapitalerhöhung wahrscheinlich. Laut Bankchef John Cryan soll die Quote bis Ende 2018 auf 12,5% steigen – und zwar aus eigener Kraft.

Mitten im Sparprogramm

Die Leverage Ratio, vereinfacht gesagt das Verhältnis des Kernkapitals zur Bilanzsumme, lag Mitte Jahr bei 3,4%. Ein Verlust im Umfang von 3,5% der Bilanzsumme würde damit das gesamte Kernkapital auffressen. Diese Kennzahl will die Bank bis Ende 2018 auf 4,5% verbessern, auch indem sie die Bilanz verkürzt. Auch der Stresstest der EU-Bankenbehörde hat die Anleger nicht beruhigt. Zwar landete die Eigenkapitalquote im härtesten Szenario des Stresstests mit 7,8% immer noch über der kritischen Marke von 7%. Doch mit diesem Wert befand sich die Bank unter den schwächsten zehn der geprüften 51 Institute. Das hängt mit der ungünstigen Ausgangslage zusammen.

Ein Gradmesser für das Vertrauen in eine Bank ist auch das Verhältnis von Marktkapitalisierung zu Buchwert, also dem in der Bilanz ausgewiesenen Vermögen. Es beträgt lediglich gut einen Viertel. Zwar liegt bei vielen Banken derzeit der Börsen- unter dem Buchwert, doch bei der Deutschen Bank ist das Missverhältnis besonders stark. Darin drückt sich ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Geschäftsmodell aus. Wo sind die Ertragsquellen, dank denen die Bank ihre Eigenkapitaldecke bis 2018 wie geplant stärken kann?

Cryan ist derzeit voll damit beschäftigt, die vor Jahresfrist angekündigten Sparpläne umzusetzen. Demnach will die Bank weltweit 9000 Stellen streichen. Etwas Luft erhoffte sich die Bank auch durch den Verkauf der Postbank, doch ist dafür im Moment kein vernünftiger Preis zu erzielen. Die Unruhe um die Deutsche Bank zeigt, wie wichtig ein grosser Puffer beim Eigenkapital ist. Die Deutsche Bank ist zwar vergleichsweise gut durch die Finanzkrise gekommen und musste keine Staatshilfe in Anspruch nehmen. Man wiegte sich danach möglicherweise in falscher Sicherheit. Seit Anfang Jahr hat sich der Aktienkurs fast halbiert, was auch mit den ständigen Spekulationen um eine Kapitalerhöhung zu tun hat.