Daniel Reinhardt / EPA

Deutschlands Grossbanken in der Krise: Rosskur bei der Commerzbank

von Christoph Eisenring / 29.09.2016

Was machen, wenn man kein Geld verdient? Die Commerzbank und die Deutsche Bank kommen um eine Schrumpfkur nicht herum. Die Europäische Zentralbank taugt nicht als Sündenbock für die Ertragsschwäche.

Deutsche Bankaktien und solche von Startup-Firmen haben etwas gemeinsam: Wer sie besitzt, darf derzeit nicht auf Dividenden hoffen. Doch im Gegensatz zu den Startups fehlt es bei den Grossbanken an „Wachstumsphantasie“. Vielmehr kommen die Deutsche Bank und die Commerzbank nicht darum herum, Tausende von Stellen zu streichen, um auch in einem garstigen Umfeld wieder Geld zu verdienen. Bei der Commerzbank muss man von einem Kahlschlag sprechen: 9600 von 45 000 Stellen will das Institut einsparen. Über die Zeit sollen auch wieder 2300 Jobs in „Wachstumsfeldern“ dazukommen, hofft man in Frankfurt. Die Deutsche Bank hatte schon angekündigt, 4500 der weltweit 100 000 Stellen abzubauen.

Teilverstaatlichtes Institut

Zweifellos machen die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) den Banken das Leben schwer. Die Margen im Kreditgeschäft schmelzen, was gerade die Commerzbank spürt. Doch sie ist seit Jahren ein Sorgenkind. Das gelbe Institut hat sich an der Übernahme der Dresdner Bank vor acht Jahren – kurz vor dem Kollaps von Lehman Brothers – verschluckt. Statt Synergien gab es Milliardenverluste. Der Staat sprang dem Institut in der Finanzkrise bei. Noch immer ist er mit 15 Prozent beteiligt. Würde Berlin seine Aktien zum jetzigen Kurs verkaufen, müssten sich die Steuerzahler 4 Milliarden Euro ans Bein streichen.

Im letzten Jahr lieferte der damalige Bankchef, Martin Blessing, der mittlerweile zur UBS gewechselt hat, zwar einen Gewinn von einer Milliarde Euro ab. Doch das war eine Scheinblüte. Sein Nachfolger Martin Zielke greift jetzt unter dem Rubrum „Commerzbank 4.0“ durch. Natürlich ist dies eine Anlehnung an den Begriff „Industrie 4.0“, der die Digitalisierung und Automatisierung des zweiten Sektors umschreibt. Zielke will 80 Prozent der Prozesse digitalisieren. Doch das kostet zunächst viel Geld, weshalb es bei der Commerzbank – wie bei der Deutschen Bank auch – vorderhand keine Dividende gibt.

Die EZB-Politik taugt auch deshalb nur bedingt als Entschuldigung, weil skandinavische Banken oder etwa die UBS trotz Negativzinsen gut wirtschaften. Zudem haben beide deutschen Institute beim Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht mässig abgeschlossen. Die Commerzbank landete auf Platz 43 von 51 Instituten, die Deutsche Bank auf Rang 41. Immerhin fiel die harte Kernkapitalquote bei den „Belastungstests“ nicht unter die als kritisch angesehene Marke von 7 Prozent. Trotzdem zeigen die Resultate, dass die Institute höhere Kapitalpuffer brauchen.

Albtraum nationaler Champion

Wie will der neue Chef die Commerzbank in die Zukunft führen? Sie wird ihr Geschäft auf zwei Kundengruppen ausrichten: Da ist zum einen die Betreuung grosser Firmen und Konzerne, die mit dem Rest des Investment Banking fusioniert wird. Zum anderen werden gewerbliche Kunden künftig dem Retail-Banking zugeschlagen. Damit hat die Commerzbank dann die Kunden ähnlich gruppiert wie die Deutsche Bank.

Die Deutsche Bank und die Commerzbank sollen früher im Jahr über eine Fusion nachgedacht haben. Da ist es gut, dass jedes Institut jetzt mit seinen Hausaufgaben beschäftigt ist. Wer von einem „nationalen Champion“ träumt, sollte sich jedenfalls die desaströsen Erfahrungen der Commerzbank mit der Dresdner Bank vergegenwärtigen. Und die Deutsche Bank wurde mit der Postbank auch nie glücklich und würde sie gerne loswerden. Im Banking gibt es Grössenvorteile, doch ist höchst fraglich, ob es dazu Rieseninstitute braucht.

Vielmehr hatte nicht nur in Deutschland der Finanzsektor vor der Krise wohl ein zu grosses Gewicht in der Volkswirtschaft. Er schrumpft jetzt auf „gesunde Proportionen“. In diesem Prozess sei die Zunahme der Marktmacht von Grossbanken kein Königsweg, mahnte jüngst Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Vielleicht brauche man nicht weniger Banken, sondern einfach kleinere. Deutsche Bank und Commerzbank begeben sich auf diesen Weg.