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Mao und Stalin am 1. Mai

Die anderen Ewiggestrigen

Meinung / von Lukas Sustala / 05.05.2016

Beim „Tag der Arbeit“ zum 1. Mai waren sie mit dabei. Josef Stalin und Mao Tse-tung wurden hochgehalten als Lichtgestalten der internationalen Proletarier. In Wien. 2016. Man möchte den Genossen ja sagen: Lernen Sie Geschichte.

Auch wenn ich mich von der Echtheit des Bildes nicht selbst überzeugen konnte, da ich am Sonntag nicht auf dem Ring oder dem Rathausplatz war, die Sichtung von Mao und Stalin zum 1. Mai in Wien hat eine gewisse Tradition.

So wie bei Rechtsextremen der Autobahnbau unter Hitler als gute Wirtschaftspolitik ins Feld geführt wird, sind es bei Mao Zedong oder Josef Stalin die Industrialisierung und die Ablehnung des westlichen Kapitalismus. Mit dem jeweils genehmen Wirtschaftsprogramm werden dann Menschenrechtsverletzungen und Millionen von Toten verharmlost. Argumente verhallen meist ungehört.

Denn die Linksextremisten sind genauso geschichtsvergessen wie ihre politischen Widersacher. „Mao war der einzige Millionär, den Maos China hervorgebracht hat.“ Dieser Satz von Jung Chang und Jon Halliday in ihrem großen Werk „Mao: The Unknown Story“ wirft passend zu der Floskel vom „Großen Sprung nach vorn“ die Frage auf: „Für wen denn?“

Moderne Mao-Versteher

Warum aber wollen sich sozialistische Fahnenträger auch heute noch mit der Schreckensherrschaft von Mao und Stalin identifizieren, während sie klarerweise den nationalen Sozialismus der Nazis allumfassend ablehnen? Ein Grund mag ideologisch sein: Die Nazis verfolgten eine rassistische Ideologie, während der Sozialismus eine Ideologie der Klassen propagierte. Und die scheint im Zeitalter des Thomas Piketty gar nicht so weit weg vom Mainstream.

Ein zweiter Grund ist wiederum eine Form von Rassismus. Die Bestürzung über die Millionen Opfer von Maos Schreckensherrschaft mag nicht nur wegen dem zeitlichen Abstand verblassen, sondern für den typischen Mitteleuropäer auch wegen der geografischen Distanz. Nähe aber schafft ein wichtiges Maß an Emotionalität, das aus trockenen Zahlen Betroffenheit macht. So klingt der Einstiegssatz von Chang/Halliday zwar dramatisch: „Mao Tse-tung, who for decades held absolute power over the lives of one-quarter of the world’s population, was responsible for well over 70 million deaths in peacetime, more than any other twentieth century leader.“ Aber diese Fakten berühren offenbar einige selbsterklärte Sozialisten so wenig, dass sie Maos Konterfei für ihre Sache nutzen wollen.

Dass die linksextreme Ideologie vom lenkenden, allwissenden Staatsapparat, der Planwirtschaft des 20. Jahrhunderts in der Realität keinem Belastungstest standhielt, scheint nicht zur Kenntnis genommen zu werden – eine der hartnäckigsten intellektuellen Irrungen. Wer das Scheitern des Kommunismus in der Geschichte zu beweisen versucht, bekommt gerne Ausflüchte präsentiert, die zeigen sollen, dass es nur „diese Form des Kommunismus“ war, die scheiterte.

Die Wahrheit ist: Mao und Stalin haben mit den heutigen Problemen, mit denen man sich als Sozialist identifizieren mag, von Wohnbau über Umverteilung bis Gesundheitspolitik, nichts zu tun. Sie waren Diktatoren.

Bei der Nicht-Ablehnung von Totalitarismus gibt es leider so manche links-rechte Verirrung. Gerade deswegen sind liberale Alternativen, die die Freiheit des Einzelnen ins Zentrum stellen, so wichtig. Sie sind die einzig sichere Umfahrung für die beiden Wege in die Knechtschaft.


Erratum: In einer ersten Version der Geschichte stand im Auszug, dass Stalin und Mao beim „Maiaufmarsch der SPÖ“ gesichtet wurden. Das war falsch. Ihre Konterfeis wurden bei einer nicht von der SPÖ organisierten Demo am Ring hochgehalten.