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3 Angriffe gegen Cash

Bargeld auf der Anklagebank

von Michael Rasch / 10.11.2015

Bargeld ist einigen Entscheidungsträgern zunehmend ein Dorn im Auge. An einer Konferenz in Zürich wurde dem Bargeld nun der Prozess gemacht. Die NZZ-Redakteure Michael Ferber und Michael Rasch haben dem „Schauprozess“ beigewohnt.

„Geld ist geprägte Freiheit“, lautet ein Zitat des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski. In letzter Zeit ist Bargeld aber – wohl gerade deswegen – bei vielen Zentralbankern, Politikern und linken Ökonomen in Ungnade gefallen. So haben viele Länder, etwa Italien, Frankreich und Dänemark, Restriktionen gegen den Einsatz von Bargeld erlassen oder planen sie.

Zudem gibt es eine Diskussion über eine Steuer auf oder gar ein Verbot von Bargeld. Die Universität Zürich bzw. The European Money and Finance Forum (Suerf) und das Liberale Institut haben jüngst eine originelle Konferenz in Form eines Prozesses veranstaltet, bei dem über verschiedene Anklagepunkte gegen das Bargeld debattiert wurden – es gab natürlich Ankläger und Verteidiger sowie Geschworene und einen Richter.

Drei Anklagepunkte

In dem Schauprozess in Miller’s Studio in Zürich gab es im Wesentlichen drei Anklagepunkte: Bargeld spiele bei vielen kriminellen Aktivitäten eine bedeutende Rolle, sei eine ineffiziente Form der Bezahlung und hindere Zentralbanken daran, eine optimale Geldpolitik umzusetzen. Durch die Existenz von Bargeld können Notenbanken nämlich die Nullzinsgrenze kaum umgehen, da eine zu starke Senkung der Zinsen unter null die Sparer und Investoren dazu veranlasse, das Geld von der Bank abzuheben und daheim zu lagern. Im schlimmsten Fall würde es sogar zu einem Bank-Run kommen.

Dass Bargeld in den vergangenen Jahren bei den Bürgern bereits deutlich an Popularität gewonnen hat, zeigt eine Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Laut dieser waren Ende 2014 rekordhohe 40,54 Millionen 1.000-Franken-Noten im Umlauf. Hier ist die Tendenz wegen Finanzkrise und Notenbankpolitik ebenso steigend wie im Euro-Raum die Nachfrage nach 500-Euro-Scheinen.

Anklage 1: Bargeld fördert Kriminalität

Oft wird behauptet, Bargeld begünstige Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und andere kriminelle Machenschaften wie Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel. Laut Friedrich Schneider, Professor an der Universität Linz, kommt Bargeld zwar in vielen Bereichen der Kriminalität nach wie vor eine Rolle zu, schließlich hinterlasse es keine Spuren.

Restriktionen für Bargeld könnten kriminelle Aktivitäten reduzieren helfen, da dadurch die Transaktionskosten stiegen. Da die „Margen“ der kriminellen Aktivitäten aber auch danach noch sehr hoch wären, dürfte die Eindämmung sehr bescheiden sein. Schneider schätzt, dass sich kriminelle Aktivitäten maximal um zehn bis 20 Prozent zurückdrängen ließen. Zudem verwies er darauf, dass auch heutzutage schon sehr große Teile der Transaktionen nicht mit Bargeld, sondern digital durchgeführt würden. Insofern erscheint das Kriminalitäts-Argument als vorgeschoben. Ferner äußerte Schneider die Ansicht, dass bei manchen Verbrechen, wie etwa dem Drogenhandel, eine Liberalisierung und Legalisierung viel besser geeignet wäre, um den Sumpf organisierter Kriminalität auszutrocknen.

Anklage 2: Bargeld ist ineffizient.

Harry Leinonen vom finnischen Finanzministerium vertrat die Meinung, Bargeld sei ein ineffizientes Zahlungsmittel. Es schaffe Kosten der Sicherung bzw. Aufbewahrung, und es entstünden der Gesellschaft Kosten durch Steuerhinterziehung, Schwarzmärkte und Raub. Zudem behauptete er, die Preistransparenz bei digitalen Transaktionen sei größer als bei Bargeldtransaktionen. Er sprach sich für die Abschaffung von 500-, 200- und 100-Euro-Noten aus. Diese würden zumindest in Finnland sowieso kaum genutzt.

Vor allem große Scheine stehen in der Kritik.
Credits: imago/teutopress

Nicht zur Sprache kam hingegen, dass für Bargeld quasi nie Werbung stattfindet, wohingegen Firmen wie Mastercard und Visa global enorm viel Reklame für digitales Bezahlen machen, beispielsweise bei Fußball-Weltmeisterschaften. Fakt ist zudem, dass Menschen in vielen Ländern Bargeld stark präferieren, wenngleich dies für Skandinavien weniger zutrifft. In Deutschland wurden 2014 zum Beispiel noch immer 53 Prozent der Umsätze an der Ladenkasse bar beglichen, und sogar fast 80 Prozent aller Transaktionen erfolgten in bar. Laut Nikos Passas von der Northeastern University erfolgen weltweit gesehen 85 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld, und 2,5 Milliarden Menschen hätten gar kein Bankkonto.

Anklage 3: Bargeld behindert Geldpolitik.

Sehr deutlich wurde auch Aleksander Berentsen, Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Basel. Der frühere Trugschluss sei gewesen, dass Bargeld Kriminalität fördere, der neue Trugschluss sei, dass die Nullzinsgrenze negative Zinsen verhindere. Derzeit zeigten bereits verschiedene Notenbanken, dass es möglich sei, negative Zinsen einzuführen. Allerdings gebe es natürlich Grenzen. Er erinnerte auch daran, dass Bargeld zudem eine Versicherung sei – etwa gegen Finanz- und Schuldenkrisen, konfiskatorische Steuern, die totale staatliche Überwachung oder die Risiken von Geschäftsbanken. Zudem warf er Leinonen Naivität vor, da dieser stets vom freundlichen Staat ausgehe. Das gelte aber nicht für die ganze Welt und könne sich auch schnell ändern.

Einstimmiges Urteil der Jury

Entgegen dem Vorurteil, dass eine Diskussion unter sieben Ökonomen gerne einmal acht Meinungen zutage bringt, fiel das Urteil der ausschließlich mit Wirtschaftswissenschaftern besetzten Jury dreimal einstimmig aus – Bargeld ist laut ihr in allen Anklagepunkten nicht schuldig“.