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Analyse

Die Bank ist krank

von Claudia Aebersold Szalay / 21.04.2016

Der Bankenbranche der Eurozone geht es schlecht. Nur die konsequente Neuaufstellung von Aufsicht und Abwicklung kann den Sektor von Grund auf erneuern und Europa vor finanzieller Stagnation bewahren.

Das Vertrauen in Europas Bankensystem ist schwer angeschlagen. Das schwache Wachstum und die Altlasten aus der Ära vor der jüngsten Finanzkrise machen es verletzlich. Das Zusammenspiel aus strukturellen Problemen im Finanzsystem und zyklischer Konjunkturschwäche in der Eurozone ist ein giftiges Gebräu, das die Bankenbranche der Währungsunion mächtig unter Druck setzt. Wie stark, war zu Jahresbeginn ersichtlich, als die Aktien der Großbanken innerhalb kürzester Zeit ein Fünftel ihres Wertes verloren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt denn auch in seinem neuesten Bericht zur Finanzstabilität vor den Schwachstellen im Euro-Bankensystem, die er mit den Begriffen Überkapazität, notleidende Kredite sowie veraltete Geschäftsmodelle umschreibt.

Die amerikanischen Banken stehen heute viel besser da als die europäische Konkurrenz, und dies nicht nur, weil die US-Wirtschaft im Konjunkturzyklus weiter fortgeschritten ist und eine Normalisierung der Geldpolitik in den USA eher in Reichweite ist. Amerika hat auch schneller und beherzter auf die Finanzkrise reagiert. Die amerikanische Aufsicht etwa hat nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die Strukturbereinigung im Bankensektor dezidiert vorangetrieben. In Europa lässt die dringend notwendige Flurbereinigung hingegen auch acht Jahre nach der Krise noch immer auf sich warten. Die Zahl der Banken in der Eurozone hat sich seit 2007 nur halb so stark verringert wie jene in den USA.

Kaum Bankensterben in Europa
Kaum Bankensterben in Europa

Credits: FDIC, EZB

So werden die Aktien europäischer Geldhäuser heute an der Börse zu einem rekordhohen Bewertungsabschlag gegenüber jenen amerikanischer Wettbewerber gehandelt – der Markt traut den europäischen Banken nicht. Besonders jenen nicht, die am stärksten unter den genannten Krankheiten leiden: die griechischen, die italienischen und die portugiesischen Institute sowie die deutschen Großbanken. Auch bei den „schlechten“ Aktiva wie illiquiden Positionen oder notleidenden Krediten haben die Europäer bisher zu wenig auf das Tempo gedrückt. Der IWF schätzt, dass die Euro-Banken heute notleidende Kredite in der Höhe von 900 Milliarden Euro in den Büchern halten. Viele Euro-Banken haben das Zeitfenster für den Verkauf illiquider Aktiva, das sich nach dem Lehman-Kollaps durchaus geöffnet hatte, schlicht nicht genutzt. Heute sitzen sie nicht nur auf diesen toxischen Altlasten, sondern auch auf einem Berg an Problemkrediten, der in der gegenwärtigen Konjunkturlage anwächst statt kleiner wird. In einzelnen Fällen, wie in Deutschland, wiegen auch Rechtsrisiken aus der Vorkrisenzeit schwer.

Politischer Filz als Erblast

Die Profitabilität vieler europäischer Kreditinstitute lässt denn auch zu wünschen übrig. Ihre Eigenkapitalrendite, ein gängiges Maß für die Rentabilität von Unternehmen, liegt laut IWF-Daten mit 6,5 Prozent deutlich unter jener vergleichbarer US-Banken (9,5 %). Laut den Daten der Europäischen Zentralbank hat sich die Rentabilität seit 2007 weit mehr als halbiert, was nicht allein auf die erhöhten Eigenmittelanforderungen des Regulators zurückgeführt werden kann. Viele Euro-Banken verdienen heute nicht einmal ihre Kapitalkosten. Ihre Gewinnkraft lässt ausgerechnet in einer Zeit nach, in der die Bankenbranche unter Hochdruck regulatorisches Kapital aufbauen muss. Die Vorgaben des neuen Regulierungsstandards „Basel III“ sind für Europa und die USA dieselben. Doch für europäische Häuser dürfte es deutlich schwieriger werden, diese umzusetzen. Wegen ihrer unzureichenden Profitabilität ist es für viele kaum möglich, die zusätzlichen Eigenmittelanforderungen allein aus eigener Kraft zu erfüllen; das Misstrauen des Marktes in die Euro-Banken verteuert für diese aber auch die Aufnahme von externem Kapital.

Doch gibt es nicht auch Hoffnungsschimmer? Durchaus. Die Finanzarchitektur wurde in Europa seit der Finanzkrise signifikant verbessert. Seit 2014 sind in Europa die neuen Eigenkapitalregeln zur Umsetzung von „Basel III“ in Kraft; seit rund anderthalb Jahren ist die Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) operativ; seit Anfang des laufenden Jahres ist auch die europäische Abwicklungsbehörde bereit. Ebenfalls seit diesem Jahr gilt schließlich die Richtlinie über die Sanierung und Abwicklung von Banken, welche das Bail-in, das heißt die Verlustbeteiligung von Eigentümern und Gläubigern bei Bankenrestrukturierungen, vorsieht.

Die Europäisierung von Aufsicht und Abwicklung der Banken gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Denn ein Großteil der heutigen Schwächen im europäischen Bankensystem ist auf die Mängel der früheren Finanzarchitektur zurückzuführen. So stellte der Europäische Systemrisikorat bei einer Analyse des europäischen Bankensektors vor ein paar Jahren fest, dass die ungesunde Aufblähung des Sektors seit der Jahrtausendwende maßgeblich dadurch begünstigt worden war, dass die national organisierte Aufsicht mangelhaft war. Sie hatte zu einem unguten Filz aus Bankenbranche und Politik geführt, der im Zweifel unrentable Banken lieber am Leben hielt, als sie zu sanieren oder gar abzuwickeln, und der die Bankenbranche geradezu zu mehr Größe drängte, weil nationale Champions im Finanzsektor für viele Regierungen eine Frage des Prestiges waren.

Die Neugestaltung der Governance in Europas Bankenbranche zeigt wenn nicht bereits Blüten, dann doch wenigstens erste Knospen: Die Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB hat mit einer vertieften Bilanzprüfung erreicht, dass die Kreditinstitute ihre Eigenmittelbasis wesentlich gestärkt haben. Lag die Kernkapitalquote vor vier Jahren im Schnitt noch bei 9 Prozent, so liegt sie heute immerhin bei 13 Prozent. Die Chefin der neuen Bankenaufsicht, Danièle Nouy, hat sich denn vor kurzem auf den Standpunkt gestellt, der Markt zweifle heute nicht an der Kapitalisierung europäischer Banken, sondern an deren Profitabilität – und sie hat klargemacht, dass sie selbst diese Bedenken teilt, und die Geldhäuser zu mehr Tempo bei ihrer Transformation aufgefordert. Die neue Aufsicht kann und soll den Banken keine Geschäftsmodelle vorschreiben. Doch sie kann dafür sorgen, dass ausgediente Modelle vom Markt verschwinden. So muss es als ein Zeichen des Aufbruchs und nicht als Bedrohung gesehen werden, wenn die oberste Aufseherin der Euro-Banken verkündet, in Europa würden künftig einzelne Banken scheitern. (Verweis)

Eine Frage der Stabilität

Die neue Finanzarchitektur der Eurozone ist eine Chance für die Bankenbranche. Wunder sind von ihr aber keine zu erwarten. Die „italienische Lösung“ zur Umgehung eines Bail-in bei der Bankenrettung, wie sie soeben von der EU-Kommission gutgeheissen worden ist, zeigt, dass es in Europa auch in Zukunft noch Wege gibt, Banken auf Staatskosten sanieren zu lassen. Auch darf nicht vergessen werden, dass das Entscheidungsgremium der neuen Aufsicht mehrheitlich aus jenen nationalen Aufsehern zusammengesetzt ist, die die Schieflage bei „ihren“ Banken einst verschlafen haben und Letztere nur allzu gerne zur Finanzierung der eigenen Staatsschulden herangezogen haben. Die EZB ist zudem den Beweis noch schuldig, dass sie in ihrer Doppelrolle als Notenbank und Aufseherin Interessenkonflikte vermeiden können wird. Doch es bleibt zu hoffen, dass sich die Technokraten der neuen Aufsicht so weit durchsetzen werden, dass das Euro-Bankensystem die Erblasten aus der Krise abwirft, überholte Geschäftsmodelle erneuert und die Konsolidierung der Branche vorantreibt. Nur gut positionierte und kapitalisierte Banken versorgen die Realwirtschaft mit ausreichend Krediten und tragen so zu Wachstum und Stabilität bei. Unterkapitalisierte Banken, die nur mit eigenen Problemen beschäftigt sind, perpetuieren hingegen den schwachen Wirtschaftsgang.