Imago

Präsidentschaftswahlen in den USA

Die Börse liebt die Demokraten

von Werner Grundlehner / 16.11.2015

Zum Zusammenspiel von Börsen und Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen gibt es viele Mythen und Theorien. Diese enthalten aber meist nur einen Kern Wahrheit, analysiert NZZ-Wirtschaftsredakteur Werner Grundlehner.

Dafür ist es doch viel zu früh, werden viele sagen. Aber es lohnt sich bereits jetzt, einen Blick auf den US-Präsidentschaftswahlkampf und die Programme der möglichen Obama-Nachfolger zu werfen. Hillary Clinton, die demokratische Kandidatin, hat gezeigt, welche Macht potenzielle US-Präsidenten auf die Aktienkurse haben können. Die ehemalige First Lady forderte einen verstärkten Konsumentenschutz bei Medikamentenpreisen. Ausschlaggebend dafür war ein Hedge Fund Manager, der ein Biotechunternehmen erwarb und bei einem Wirkstoff, der seit über sechzig Jahren auf dem Markt ist, den Preis um den Faktor 50 erhöht hatte.

 

Das war ein gefundenes Fressen für eine politische Kampagne. In den USA sind die Medikamentenpreise hoch, und sie legen schnell zu. Jährliche Preiserhöhungen, um nachlassende Volumen zu kompensieren, sind verbreitet. Die Valoren der Medikamentenhersteller kamen nach Clintons Vorstoß weltweit unter Druck. Wenig später brachte die Kandidatin die Titel von privaten Gefängnisbetreibern in Bedrängnis. Clinton verlangt ein Ende der „Massen-Inhaftierungen“, zudem dürfe der Strafvollzug nicht in privaten Händen liegen. Auch die Energieindustrie bekam ihr Fett weg. Clinton unterstützt eine Untersuchung gegen den Erdölmulti Exxon, der angeblich die Verschleierung von Klimaeffekten unterstützt.

Demokratische und Republikanische Aktien

Diese Vorstöße folgen genau der Linie zwischen demokratischen und republikanischen Aktien. An den Börsen ist mehr oder weniger etabliert, dass die Titel aus Branchen wie alternative Energien, Billiganbieter im Konsumbereich, Bau- und Infrastruktur, Energieeffizienz, Bildungswesen, Stromversorger, Spitalketten sowie „junge“ Telekomgesellschaften von einem demokratischen Präsidenten profitieren würden. Von einem Sieg der Republikaner sollen dagegen die Aktien aus den Bereichen Energie (Erdöl, Erdgas, Kohle), Pharma, Kernkraft, Rüstung, Luxusgüter, Banken sowie Autohersteller angetrieben werden.

Er erachte es noch als zu früh, sich für einen Wahlausgang zu positionieren, sagt Karsten Junius, Chefökonom von J. Safra Sarasin. Auch seien die US-Wahlen zuletzt knapp ausgefallen, sodass eine Wette auf den Ausgang spekulativen Charakter hätte. Entscheidend für die Richtung der Politik sind zudem die Mehrheitsverhältnisse im Kongress (Senat und Repräsentantenhaus). Mit dem neuen Präsidenten wird lediglich ein Drittel des Kongresses gewählt. Für dieses Gremium finden alle zwei Jahre Teilwahlen statt. Der Präsident sieht sich also eventuell mit unterschiedlichen Mehrheiten konfrontiert.

Grundsätzlich gelten die Republikaner als „pro business“ – also wirtschaftsfreundlich. Die Partei setzt sich für Steuererleichterungen sowie den Abbau des sich stetig ausdehnenden regulatorischen Korsetts ein, während die Demokraten eher mit „pro spending“ in Verbindung gebracht werden. Damit ist die Ankurbelung des Wachstums über Staatsausgaben gemeint – begleitet von einem Anwachsen der Staatsverschuldung. Zudem stehen die Besserstellung der Unterschicht bezüglich Gesundheitsversorgung sowie der Klimaschutz oben auf der Agenda.

 

 

Die Börsen halten sich aber nicht an diese Kategorisierung. Das Wirtschaftswachstum lag bei den sieben Legislaturperioden unter demokratischer Präsidentschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bei 3,5 Prozent jährlich. Bei den neun republikanischen Perioden lag der Wert bei 2,8 Prozent. Solche Statistiken sind gemäß Joachim Klement, von Wellershoff & Partner, aber mit Vorsicht zu genießen. Die Daten werden von einzelnen Episoden wie der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende, der Finanzkrise 2008 oder der Großen Depression in den 1930er Jahren verzerrt. Für Klement gibt es auch keine Beweise für Aussagen wie ein republikanischer Präsident sei besser für die Verteidigungs- oder die Tabakindustrie. Da werde von den Analytikern oft viel mit Statistiken gelogen.

Mehr Einfluss als die Parteizugehörigkeit des Präsidenten hat das Fortschreiten der Amtszeit des Präsidenten auf die Börsenkurse. In den USA beschäftigen sich zahlreiche Ökonomen mit der sogenannten Presidential Election Cycle Theory. Die ersten beiden Jahre liegen in puncto Börsenentwicklung jeweils hinter dem Durchschnitt zurück, da die neugewählte Regierung unpopuläre Maßnahmen durchsetzt. Die zweite Hälfte ist dann geprägt von „Wahlgeschenken“, um sich für den nächsten Urnengang in Position zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit eines Indexzuwachses während der Wahljahre liegt bei gut 75 Prozent – in Nichtwahljahren nur bei 63 Prozent. Wahlzyklen seien aber kein bedeutendes Marktbarometer, sagt Anastassios Frangulidis, Chefstratege der ZKB. Zu berücksichtigen gilt es auch hier, dass die Wahlzyklenregel von Durchschnittswerten ausgeht. Die Bandbreite ist groß. Abgesehen von allen exogenen Faktoren, die sonst noch auf die Aktienkurse wirken, ist auch die Datenbasis für eine statistische Folgerung relativ dünn, es gibt lediglich 21 Zyklen, für welche Daten vorliegen.

Die Wirtschaftslage im Wahljahr ist entscheidend

Wichtiger als das, was der zukünftige Präsident für die Ökonomie bedeutet, ist, wie die Wirtschaftslage während des Wahlkampfs dessen Ausgang beeinflusst. Bei guter Konjunktur hat die Partei des Amtsinhabers einen großen Vorteil auf ihrer Seite. Das Jahr vor den Wahlen ist dabei wenig überraschend viel entscheidender für die Einschätzung als die drei vorhergehenden der Amtszeit. Oft haben demokratische Präsidenten während ihrer Regentschaft zwar ein Feuerwerk an den Börsen erlebt, sind aber mit einer Korrektur oder gar einem Crash (Clinton) abgetreten.

Der laufende Wirtschaftsaufschwung hat die durchschnittliche Dauer längst überschritten. Im dritten Quartal hat – wenn man die Firmengewinne heranzieht – eine deutliche Verlangsamung eingesetzt, 90 Prozent der Firmen haben ihre Zahlen bereits ausgewiesen. Das vergangene Jahresviertel dürfte für die Wall Street die schlechteste Berichtssaison seit der Finanzkrise werden. Gemäß Bloomberg ist der Gewinn der größten US-Konzerne gegenüber der Vorjahresperiode um rund 3 Prozent geschrumpft. Das ist die größte Abnahme seit 2009. Es ist zudem das zweite Quartal in Folge mit einer Gewinn-Rezession.

Die Ökonomen sind jedoch zuversichtlich für das kommende Jahr. Frangulidis rechnet mit einer Wachstumsrate von 3,1 Prozent, deutlich über dem Potenzialwachstum von 2,0 Prozent. Deshalb werde die US-Notenbank trotz Wahljahr die Zinsen gemächlich erhöhen. Damit rechnet Klement auch – weil die Expansion aber vor allem von den tiefen Zinsen getragen wird, werde sich das Wachstum in den kommenden zwölf Monaten abkühlen. Die Produktionslücke sei mittlerweile geschlossen, so dass weiteres Wachstum immer schwieriger zu erzielen sein werde. Aber Klement erwartet für 2016 keine Rezession. Karsten Junius prognostiziert ein Wachstum von 2,9 Prozent bei einer Teuerung von 2,0 Prozent.