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Die britische Zentralbank wird wieder vorsichtiger

von Gerald Hosp / 06.11.2015

Seit Jahren befinden sich die britischen Leitzinsen auf rekordtiefen Werten. Eine baldige Zinswende ist nach der jüngsten vierteljährlichen Prognose der Bank of England unwahrscheinlicher geworden, berichtet NZZ-Wirtschaftskorrespondent Gerald Hosp.

Die britische Notenbank hat den Leitzins am Donnerstag auf dem Wert von 0,5 Prozent belassen und ließ die von der Zentralbank gekauften Aktiva im Wert von 375 Milliarden Pfund unverändert. Im neunköpfigen geldpolitischen Ausschuss gab es wie schon bei der letzten Zinssitzung nur ein Mitglied, das sich für einen Zinsschritt ausgesprochen hatte. Den Erwartungen, dass die Bank of England (BoE) eine baldige Zinserhöhung ins Auge fasst, wurde ein Dämpfer versetzt.

Niedrige Inflation

Die BoE geht in ihrer jüngsten vierteljährlichen Prognose von einem schwächeren Wachstum und einem niedrigeren Inflationsdruck als zuvor aus. Demzufolge könnte die Teuerungsrate bis zur zweiten Hälfte des nächsten Jahres weniger als ein Prozent betragen; dies ist rund die Hälfte des „Inflationsziels“ der Bank von zwei Prozent. Dabei steht einer robusten Inlandsnachfrage, die durch eine niedrige Arbeitslosenquote und steigende Reallöhne gekennzeichnet wird, eine schwächer werdende Weltkonjunktur und der Preisdruck durch gesunkene Rohstoffpreise gegenüber. Zudem dämpft der gestärkte Aussenwert der britischen Währung die Importpreise.

Dadurch könnte der Leitzins auch im nächsten Jahr auf einem rekordtiefen Wert stehen bleiben, ohne dass die Zentralbank von einem starken Inflationsdruck ausgeht. Eine erste Zinserhöhung könnte erst in der ersten Hälfte von 2017 stattfinden. Am Finanzmarkt war es im Vorfeld des Zinsentscheides zu Signalen gekommen, dass die Notenbank bereits 2016 die Zügel anziehen werde.

Schielen über den Atlantik

Die britische Notenbank blickt zudem über den Atlantik auf das amerikanische Gegenüber: In den USA wird ebenso seit langem über eine Zinserhöhung gesprochen, ohne dass sich etwas bewegt. Auch wenn die BoE sagt, dass die Geldpolitik eigenständig und ohne Blick auf die USA getätigt werde, ist es unwahrscheinlich, dass die Briten bei der Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik vorpreschen. Die Befürchtung, dass das Pfund dadurch gegenüber anderen Währungen zu stark an Wert gewinnt, ist groß.