Die britischen Bank-Imperien bröckeln

von Gerald Hosp / 05.03.2015

Die Zahlen der britischen Großbanken zeichnen ein düsteres Bild: Statt Wachstum stehen geringe Profitabilität und Schrumpfung im Vordergrund, berichtet NZZ-Korrespondent Gerald Hosp.

Der Sturm der Veränderung toste bereits vor der Veröffentlichung der Jahreszahlen am Mittwoch über der britischen Großbank Standard CharteredPeter Sands, der scheidende Konzernchef der britischen Bank Standard Chartered, hat das vergangene Geschäftsjahr als „perfekten Sturm“ beschrieben: Fallende Rohwarenpreise, gedämpfte Wirtschaftsentwicklung in den Schwellenländern, niedrige Zinsen und regulatorische Anforderungen belasteten den Zahlenkranz der Bank, die ihre Hauptmärkte in Asien, Afrika und im Nahen Osten hat. Dies äußerte sich in niedrigen Margen, höheren Kosten und gestiegenen Wertberichtigungen für faule Kredite. Der Vorsteuergewinn ging gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent auf 4,2 Milliarden Dollar zurück, der Reingewinn um 37 Prozent auf 2,5 Milliarden Dollar. Die Bank möchte bis 2017 die Kosten um 1,8 Milliarden Dollar und die risikogewichteten Aktiva um bis zu 30 Milliarden Dollar verringern, um die Kapitalbasis zu stärken. Die Kernkapitalquote (CET 1) als wichtiges Maß für die Kapitalstärke ist 2014 von 11,2 Prozent auf 10,7 Prozent zurückgegangen. Das Finanzinstitut will in diesem Jahr wieder auf mehr als elf Prozent kommen. Trotz der schlechten Zahlen stieg der Aktienkurs um 5,1 Prozent, weil die Bank eine Kapitalerhöhung ausschloss..

Die Bank hatte schon vergangene Woche die Absetzung von Konzernchef Peter Sands angekündigt, der seit dem Jahr 2006 an der Spitze von Standard Chartered steht. Bis vor zwei Jahren herrschte noch der Eindruck, dass die Bank, die ihr Hauptgeschäft in Asien, Afrika und im Nahen Osten betreibt, einigermaßen unbeschadet durch die Wirren der Finanzkrise gekommen war. Hohe Bussen wegen der Verletzung von Sanktionen, eine geschwächte Wirtschaft in Asien und höhere Kapitalanforderungen setzten aber der Profitabilität der Bank zu.

Weniger Risiko

Sands geriet ob der Zahlen in die Kritik von Großaktionären. Der Brite schien nicht mehr in die Zeit zu passen: Während seiner Amtszeit verdoppelte Standard Chartered die Bilanzsumme. Das Umschalten von Wachstum auf Gesundschrumpfen trauten ihm die Aktionäre aber nicht zu. Im Juni wird er durch Bill Winters, einen ehemaligen JP-Morgan-Investmentbanker, ersetzt werden. Verwaltungsratspräsident John Peace wird nächstes Jahr zurücktreten.

Die Berichtssaison der britischen Großbanken zeigt aber, dass Standard Chartered nicht allein mit Problemen dasteht. Höhere Kapitalanforderungen, verstärkte Regulierung, ständige Bußen wegen Verfehlungen, aus dem Ruder laufende Kosten und geringere Erträge der Investmentbanken zwingen die Bankmanager weiter dazu, die Bilanzsummen zu kürzen, das Risiko zurückzufahren und auf die Kostenbremse zu treten. Zwei der fünf Großbanken mussten für 2014 einen Reinverlust ausweisen, die Eigenkapitalrenditen sind deutlich niedriger als in der Zeit vor der Finanzkrise – und wohl auch teilweise als die Kapitalkosten. Das Eingehen von geringeren Risiken müsste sich aber auch in niedrigeren Kosten für das Kapital niederschlagen.

Insgesamt stehen die Zeichen der Zeit auf weniger globale, weniger risikobehaftete und weniger komplexe Geschäftsmodelle. Selbst die globale Bank par excellence, die HSBC-Gruppe, setzt auf die Rückbesinnung auf Kernmärkte. HSBC ist wie Standard Chartered ein Produkt der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens. Die 1865 in Hongkong gegründete Bank gilt zwar als größte Bank Europas, den Großteil ihres Geschäfts macht sie aber in Asien. Der Skandal um die Vorwürfe der Hilfe zur Steuerhinterziehung durch die Genfer HSBC-Tochter brachte auch das Thema, ob die Bank zu groß sei, um effektiv geführt zu werden, aufs Tapet.

Konzernchef Stuart Gulliver will am Universalbanken-Modell und an der globalen Präsenz festhalten. Aber auch HSBC verkleinert sich: Die Bank zog sich bereits aus 77 Geschäftseinheiten zurück. Gulliver ließ durchblicken, möglicherweise auch die Aktivitäten in der Türkei, in den USA sowie in Brasilien und Mexiko zu stutzen.

Die Ambitionen auf eine global tätige Bank, vor allem im Investmentbanken-Bereich, haben Barclays und Royal Bank of Scotland (RBS) bereits aufgegeben. RBS, die einst für kurze Zeit größte Bank der Welt, laboriert immer noch an den Nachwehen der Finanzkrise, als der britische Steuerzahler die Bank mit 46 Milliarden Pfund retten musste. Der Staat ist weiterhin mit 81 Prozent beteiligt. Konzernleiter Ross McEwan kündigte angesichts des siebten Jahresverlusts in Folge an, nur mehr in 19 statt in 50 Ländern tätig sein zu wollen und sich auf die internationalen Bedürfnisse britischer Kunden konzentrieren zu wollen. Laut Medienberichten könnte ein Abbau von vier Fünfteln der 18.000 Stellen im Investmentbanken-Bereich vor der Tür stehen.

Auslaufmodell Investmentbank

Antony Jenkins, Chef von Barclays, sagte angesichts der geringen Profitabilität der Investmentbank, nur begrenzte Geduld für die Sparte zu haben, die früher als Geldmaschine galt. Barclays war in der Vergangenheit lange bemüht, eine Konkurrenz zu den Wall-Street-Banken aufzubauen. Die Bank konzentriert sich jetzt aber auf die Kernmärkte Großbritannien und USA. Lloyds Banking Group, die ebenfalls vom Staat gerettet werden musste, hatte schon vor der Finanzkrise einen stärkeren Fokus auf dem heimischen Retail-Markt und ist vor allem im Hypothekengeschäft stark.

Es erheben sich bereits Stimmen, die die Redimensionierung der britischen Banken kritisch sehen: Das Land könnte zu abhängig von ausländischen Instituten beim Zugang zu Kapital werden. Bisher konnte der Londoner Finanzplatz aber gut damit leben, auch als Plattform für ausländische Banken zu dienen. Zudem erscheint eine Umkehr der Strategie von RBS und Barclays als wenig wahrscheinlich: Aufgrund weiterer regulatorischer Schritte werden die Kosten auch in den kommenden Jahren für Investmentbanken hoch bleiben.