„Die Dominanz der Zentralbanken ist ein Risiko“

von Claudia Gabriel / 07.05.2015

Dan Ivascyn, der Nachfolger von „Bond-König“ Bill Gross beim Anleihen-Investmenthaus Pimco, ist bei Griechenland vorsichtig und rät Investoren, ihre Renditeerwartungen zurückzuschrauben. Das Interview führte NZZ-Redakteurin Claudia Gabriel.

Herr Ivascyn, wie schätzen Sie heute die Märkte für Staatsanleihen ein?

Dan Ivascyn: Obligationen höchster Qualität bleiben wichtig, weil sie Kapital erhalten und Liquidität bieten. Doch die Anleger müssen ihre Renditeerwartungen zurückschrauben. In diversifizierten Portfolios haben wir den Anteil der Staatsanleihen reduziert. Wir prognostizieren schon länger eine eher schwache Weltkonjunktur, sehr tiefe Zinsen, tiefe Renditen, die sich in einem engen Rahmen bewegen, und eine Dominanz der Zentralbanken über die Märkte. Jüngst sind die Renditen allerdings nochmals gesunken – eine Herausforderung für die Manager von Obligationenportfolios.

Wie wird es denn weitergehen?

Die Finanzmärkte verlassen sich derzeit darauf, dass die Notenbanken in den Industriestaaten mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik allein für Wirtschaftswachstum sorgen. Das wird aber nicht ewig so bleiben. Mit der Zeit steigt das Risiko von heftigen Marktreaktionen, wenn die Zentralbanken ihre Politik rückgängig machen. Wie heftig es wird, hängt davon ab, ob die Regierungen wachstumsfördernde Strukturreformen durchführen.

Wo sehen Sie die Gefahrenherde?

Die Renditen der Staatsanleihen sind in den USA, in Europa und in Japan zu gering. Die USA stellen aber eine besondere Herausforderung dar. Die amerikanische Notenbank dürfte noch 2015 die Leitzinsen erhöhen, was historisch immer von Marktvolatilität begleitet war, da die Verschuldung global sehr hoch ist, was die Widerstandsfähigkeit der Märkte gegenüber höheren Zinsen senkt. Unser Basisszenario geht aber von einem ruhigen Verlauf aus.

Welche Herausforderungen sehen Sie für Europa?

Etliche. Zum Beispiel, dass die Konjunktur nicht so stark wächst wie erwartet, dass die Staatsschulden nicht abgebaut und die Strukturreformen verschleppt werden. Der Wahlzyklus dürfte Unsicherheiten bringen. Langfristig muss ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreicht werden. Das neuste Lockerungsprogramm der Europäischen Zentralbank hat sich auf die Währung sowie auf die Preise risikoreicher Anlagen ausgewirkt. Das stärkt das Vertrauen und bringt etwas Wachstum. Dieses dürfte mit 1,25% bis 1,75% unter Potenzial bleiben. Ein „Grexit“ entspricht zwar nicht unserem Hauptszenario, doch wir bleiben vorsichtig. Die Effekte eines Ausscheidens Griechenlands aus der Euro-Zone wären heute klar begrenzter als vor fünf Jahren.

Kann die EZB ihr Anleihekaufprogramm überhaupt umsetzen, oder sind gar nicht genügend Papiere erhältlich?

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Die Renditen dieser Papiere werden noch weiter sinken, auch ziemlich weit in den negativen Bereich. Dieses Problem existiert übrigens auch in Japan.

Sind wir in einem Währungskrieg?

Ich würde es nicht Krieg nennen. Die Wechselkursverschiebungen waren zwar gewollt, aber bisher symbiotisch. Das Risiko einer Abwertungsspirale, die außer Rand und Band gerät, besteht jedoch und wird sich erhöhen, wenn die Notenbanken noch lange derart wesentliche Akteure bleiben, um das Wirtschaftswachstum zu stimulieren.

Kaufen Sie zur Aufbesserung der Renditen eher Schwellenländer-Anleihen oder hochrentierende Unternehmensanleihen aus Industriestaaten?

Die Anleger sollten die Extrarenditen nicht nur in einem Marktbereich suchen, sondern in verschiedenen. Es gibt in vielen Marktnischen gute Kaufgelegenheiten, unter anderem weil der Obligationenhandel weniger liquide ist als vor der Finanzkrise.

Was hält Pimco derzeit von den Bewertungen an den Aktienmärkten?

Die Aktienmärkte haben trotz ihren hohen Bewertungen noch mehr Potenzial als Festverzinsliche, vor allem außerhalb der USA.

Ein Eidgenossen-Anteil in einem Portfolio kostet Geld.

Denjenigen Anlegern, die wirklich ihr Kapital erhalten müssen, gehen in der Schweiz und in Deutschland die Optionen aus. Doch viele werden für die nächsten Jahre gegen ihren Willen Minusrenditen akzeptieren müssen, um diese relative Sicherheit zu erhalten. Der „Franken-Schock“ hat den Investoren wieder einmal in Erinnerung gerufen, dass sie sich bewusst sein müssen, in welchen Währungsräumen sie investiert sind. Absicherungen von Währungs- und Zinsrisiken sind angebracht.

Was hat sich diesbezüglich seit der Finanzkrise von 2007/08 verändert?

Gegenparteirisiken stehen bei uns stark im Fokus, auch weil die Auswahl an Gegenparteien seit der Krise aufgrund neuer Regulierungen und Fusionen geschrumpft ist. Dies hatte auch zur Folge, dass die Volatilität an den Märkten gestiegen ist, weil die Liquidität gesunken ist. Liquiditätsrisiken aller Art stehen für uns hoch oben auf der Agenda. Gibt man sich heute mit dem Kauf weniger liquider Papiere zufrieden, so muss dies von der Rendite her stärker kompensiert werden.

Übernehmen die Asset-Manager Bankaufgaben bei der Bereitstellung von Liquidität an den Märkten?

Sie sind für die Märkte wichtiger geworden, seit die Regulierungen die Banken teilweise aus dem Bereich vertreiben.

Werden Asset-Manager systemrelevant?

Ich möchte mich dazu nicht äußern, aber wir stehen in Kontakt mit den an dieser Diskussion beteiligten Behörden.