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Risikokultur

Die Enteignung geht weiter

Meinung / von Lukas Sustala / 04.12.2015

Die EZB hat ihre Politik der Nullzinsen verschärft. Sparer dürfen daher nicht auf schnell steigende Zinsen hoffen. Stattdessen sollte sich so langsam eine Risikokultur in Österreich entwickeln.

Die letzten Zinsen und die letzten Zweifel sind verflogen. Die Europäische Zentralbank hat ihre Waffen im Kampf gegen die Wirtschaftsflaute noch einmal nachgeladen. Die Geschäftsbanken müssen für Guthaben bei der EZB künftig 0,3 Prozent zahlen. Wer spart, muss löhnen. Das wird sich auch weiter auf die Sparzinsen in Ländern mit relativ liquiden Banken wie Österreich oder Deutschland auswirken.

Und mit dem Ankaufprogramm – das nun 1,5 statt 1,1 Billionen Euro umfasst – wird die EZB auch noch die langfristigen Zinsen massiv senken. Für Lebensversicherungen entsteht dadurch die traurige Gewissheit, dass ihre „garantierten Zinsen“ weiter sinken müssen.

Das alles klingt nach „Enteignung“ oder zumindest nach der Entwertung von Vermögen. Man kann Erste-Chef Andreas Treichl durchaus beipflichten, wenn er warnt: „Die EZB-Politik ist eine Enteignung der Sparer.“ Ja, natürlich werden die tiefen Zinsen noch jahrelang dazu führen, dass „real“ die Zinsen unter dem Gefrierpunkt liegen werden. Der alte Spruch vom „Geld, das für mich arbeitet“ stimmt schlicht nicht. Die neue Realität ist: Sicher geparktes Geld leidet an einem schweren Burn-out.

Doch die expansive Geldpolitik der EZB trägt nur einen Teil der Schuld. Der andere Teil ist das jahrzehntelange Versagen, in Österreich eine Risikokultur zu etablieren. Die Sparer machen es der EZB bei der Enteignung auch denkbar einfach, wenn sie fast ausschließlich auf Sparbücher, Festverzinsliches und Versicherungen setzen. In einem Land mit besonders eng geknüpften sozialen Netzen wie Österreich ist es geradezu absurd, dass aussichtsreiche, aber riskantere Wertpapiere wie Aktien, Fonds, ETF und Beteiligungen so überhaupt nicht auf dem allgemeinen monetären Menüplan stehen.

Natürlich werden auch heute unternehmerische Projekte finanziert, aber von Business Angels, Banken oder etablierten Unternehmen. Deswegen sind die wenigsten Unternehmen noch öffentlich, weil „die Öffentlichkeit“ hierzulande in eine Spar-Lethargie zu fallen droht. Die Hoffnung ist natürlich, dass Initiativen zu Crowdfunding das ändern werden, oder die seit Jahren niedrigen Zinsen endlich dazu führen, sich fundierter mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen.

Aber der österreichische Gesetzgeber tut sein Übriges, um zu garantieren, dass nur mehr „sichere“ Produkte verkauft werden dürfen. Aber was bedeutet „sicher“? Sparbücher werden zu sicheren, realen Verlusten führen, wohingegen vermeintlich „riskantere“ Wertpapiere zwar schwanken können, aber langfristige Gewinnaussichten versprechen. Die „Sicherheit“ des langfristigen Verlusts steht der „Unsicherheit“ der kurzfristigen Schwankung gegenüber.

Für die Politik ist dieses Missverständnis von Risiko und Sicherheit offenbar kein Problem, beweisen doch Spitzenpolitiker mit ihren Aussagen zum spekulativen Teufelszeug Aktien, dass sie von den Finanzmärkten wenig halten. Und die lange Liste an eher kapitalmarktfeindlichen Maßnahmen der vergangenen Jahre zeugen auch nicht gerade von einem langfristigen Plan. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Österreicher sich in Finanzfragen eher wenig auskennen, das passt in das politisch vorgezeigte Bild.

Ein entmündigter Sparer, der kaum mehr in für die Realwirtschaft wichtige Risikopapiere investieren kann, ist der Enteignung aber „sicher“ und schutzlos ausgeliefert. Die aktivistische Politik der EZB wird daher gerade österreichische Sparer schwer treffen.