Christoph Fischer

Wirtschaft im Gespräch

„Die Europäisierung hat Tommy Hilfiger gerettet“

von Andrea Martel / 15.08.2016

Daniel Grieder reitet mit dem Modekonzern Tommy Hilfiger seit Jahren auf einer Erfolgswelle. Von der Krisenstimmung in grossen Teilen der Textilbranche lässt er sich nicht anstecken.

Für Daniel Grieder war es Liebe auf den ersten Blick: Als er 1995 im New Yorker Kaufhaus Bloomingdale’s die Kleider von Tommy Hilfiger entdeckt habe, sei ihm sofort klar gewesen, dass er diese Marke nach Europa bringen müsse. Grieder hatte sich damals mit seiner Modeagentur auf dem Schweizer Parkett bereits einen gewissen Namen gemacht und vertrat einige bekannte Marken wie Pepe Jeans oder Stone Island. Zwei Jahre später klappte es tatsächlich: Grieder konnte sich gegen 70 Bewerber durchsetzen und bekam die Vertretung für die Schweiz und Österreich.

Dass er knapp zwanzig Jahre später an der Spitze der Tommy Hilfiger Group stehen und ein Modeimperium mit knapp 3,4 Mrd. $ Umsatz und rund 15 000 Mitarbeitern leiten würde, wäre dem heute 54-Jährigen damals nicht in den Sinn gekommen. Dennoch war sein Weg an die Spitze weder zufällig noch fremdbestimmt, denn schon bald nach der Gründung der Europazentrale in Amsterdam begann der Schweizer mit seinen europäischen Kollegen, das Heft in die Hand zu nehmen. Der Grund war, dass die Marke in den USA in eine schwere Krise geraten war wegen Fehlern, die man hierzulande nicht wiederholen wollte.

Showroom bald ohne Kleider

Ein erster Schritt war, das Design für Europa nach Amsterdam zu holen, was für einen Konzern, der amerikanisches Lebensgefühl verkauft, doch sehr ungewöhnlich war. Der „europäisierte“ Auftritt, zu dem neben einer exklusiveren Distribution auch ein viel diskreteres Logo gehörte, erlaubte es, die Marke auf dem alten Kontinent dort zu positionieren, wo sie nach Ansicht von Grieder hingehört: ins Premium-Segment. Mithilfe eines Finanzinvestors kam es 2005 schliesslich zu einem Management-Buyout, an dem Grieder beteiligt war. Tommy Hilfiger wurde dekotiert und der Sitz nach Amsterdam verlegt, wo der Schweizer zum Europachef aufstieg, bevor er 2014, nach dem Weiterverkauf an die Philips-van-Heusen-Gruppe, Konzernchef wurde.

Die Europäisierung von Tommy Hilfiger ist für Grieder bis heute ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Firma. Dazu gehört neben einem starken Qualitätsbewusstsein auch das Eingehen auf den lokalen Geschmack. Nicht umsonst umfasse die Kollektion über 10 000 Teile, meint Grieder, der – sportlich und stets in einen Anzug aus der eigenen Tailored-Kollektion gekleidet – auch äusserlich wie ein Werbeträger für sein Label wirkt. Dies erlaube es jedem Land, diejenigen Stücke auszusuchen, die der eigenen Kundschaft am besten entsprächen.

Dass die Textilindustrie derzeit stark unter Druck ist, spürt man bei Grieder höchstens, wenn er von der Konkurrenz spricht. Für „sein“ Unternehmen sieht er vor allem Chancen – seien es Märkte („noch viel Potenzial in China und Lateinamerika“) oder Produkte („wir entwickeln ständig neue Linien; wir könnten selbst Skibekleidung machen“). Was anderen teilweise Angst macht – etwa die Digitalisierung –, treibt er mit grossem Elan voran. Jüngstes Baby und sein ganzer Stolz ist der digitale Showroom. Seit 2014 können die Einkäufer, statt sich durch Tausende von Musterkleidern zu arbeiten, in einer Art Konferenzraum an einem Tisch mit einem eingebauten, überdimensionierten iPad Platz nehmen und erhalten dort übersichtlich die gesamte Kollektion präsentiert. Was gefällt, wird angetippt, verschiedene Looks nach Belieben zusammengestellt oder neu gemischt und am Schluss mit einem Klick bestellt.

„Zwei Tage Ferien pro Woche“

Der Effizienzgewinn für beide Seiten sei so gross, dass er nicht verstehe, weshalb noch niemand sonst auf diese Idee gekommen sei, meint Grieder. Statt drei Stunden brauche ein professioneller Einkäufer mit dem neuen System gerade noch die Hälfte der Zeit und verliere auch nie den Überblick über seine Bestellung. Umgekehrt könne Tommy Hilfiger in Zukunft auf die Herstellung von 1,6 Mio. Musterkleidungsstücken pro Jahr verzichten. Den spontanen Einwand, die Einkäufer wollten die Ware doch befühlen, hat die Praxis laut Grieder bereits widerlegt. Schon in der zweiten Saison hätten 50% der Einkäufer ihre Bestellungen digital machen wollen. Nächstes Jahr wird ganz umgestellt.

Dass er in der Textilindustrie gelandet sei, schreibt Grieder ein Stück weit seinem Namen zu: Ob er zur Familie der Seiden-Grieder gehöre, sei er in Zürich in der Schule immer wieder gefragt worden. Er habe zwar verneinen müssen. Aber bereits als Bub sei er öfters im Grieder-Geschäft an der Bahnhofstrasse gestanden und habe davon geträumt, einmal in der Modebranche zu arbeiten.

Als die Chance mit Tommy Hilfiger kam, war Grieder bereits rund fünfzehn Jahre im Modebusiness tätig. Kurz nach der KV-Lehre im Globus und noch während seiner Studienzeit an der HWV hatte er begonnen, Lederwaren und Modeschmuck zu importieren. Das Unternehmerische prägt bis heute seinen Führungsstil: So wie er früh Verantwortung gesucht habe, gebe er sie auch seinen Mitarbeitern. Dass er für seinen Traumjob seit dreizehn Jahren nach Amsterdam pendelt und seine Familie nur am Wochenende sieht, ist für Grieder kein Problem. „Wenn es nicht geklappt hätte, hätten wir uns anders organisiert.“ So habe er dafür das Privileg, jede Woche gewissermassen zwei Tage Ferien geniessen zu dürfen.