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Geldpolitik

Die EZB bleibt Gefangene ihrer Politik – und die Sparer teilen mit ihr die Zelle

von Lukas Sustala / 21.01.2016

Realwirtschaftlich kann die Europäische Zentralbank selbst mit negativen Zinsen aktuell wenig ausrichten. Doch sie ist eine Gefangene ihrer unorthodoxen Politik des billigen Geldes, warnt ihr Ex-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Mitgefangen sind auch die Sparer – und zwar auf Jahre hinaus.

Die Europäische Zentralbank hat Zinsen abgesenkt, Negativzinsen für Banken eingeführt und kauft hunderte Milliarden Euro an Wertpapieren an. Das alles scheint realwirtschaftlich wenig zu helfen. Das zentrale Ziel der Europäischen Zentralbank, eine Inflationsrate von „nahe, aber unter zwei Prozent“, wird auch dieses Jahr klar verfehlt.

Das liegt nicht zuletzt an dem regelrechten Zerfall des Ölpreises, der die Inflation deutlich tiefer hält als von der EZB erwünscht. Und so sind die Stimmen laut geworden, die fordern, dass der EZB-Rat die Geldpolitik weiter lockern solle. Das erwarten zwar nur wenige bereits bei der heutigen Sitzung. Aber Barclays-Ökonom Philippe Gudin geht davon aus, „dass das Erreichen des Inflationsziels für die nächsten zwei Jahre sehr unwahrscheinlich ist, und ich erwarte, dass die Inflationsrate im Februar wieder in den negativen Bereich fallen und dort bis Juli verharren wird, was zusätzlichen Druck auf die EZB bedeutet, weitere Maßnahmen zu setzen“.

„Kampf gegen ein Phantom“

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, lehnt Panikmache wegen der niedrigen Inflationsraten ab. Echte Gefahren einer DeflationEin Abfallen des allgemeinen Preisniveaus. gebe es im Euroraum nicht, sagt der Ökonom, der als deutsches EZB-Direktoriumsmitglied in der Eurokrise immer wieder die Grenzen von Geldpolitik aufzeigte. Bei einem Seminar an der Wirtschaftsuniversität in Wien hat er nun vergangene Woche betont, dass man zwischen „guter, schlechter und hässlicher“ Deflation unterscheiden müsse. Und fallende Ölpreise seien eher gute als schlechte Nachrichten für Europas Wirtschaft. „Daraus eine Panik zu schüren, dass wir zu nahe an null sind und daher whatever it takes die Inflation auf zwei Prozent bringen müssen, ist Unsinn. Das ist gefährlich. Man kämpft hier gegen ein Phantom.“

Ex-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark: „Es gibt aus dieser Politik in Europa im Augenblick keinen Exit.“
Credits: NZZ/Markus Kirchgessner

Gleichzeitig aber dürfen sich Sparer keinen Illusionen hingeben. In der Eurozone werde es noch auf Jahre hinaus keine Zinserhöhungen geben. Ökonom Stark bleibt denn auch skeptisch, ob die US-Notenbank Fed in der Lage sein werde, die erste Zinserhöhung seit 2006 durchzuziehen. Denn die Finanzmärkte seien stark abhängig von den niedrigen Zinsen: „Die Zentralbanken sind Gefangene ihrer Politik und sie kommen nicht heraus, ohne den Kollaps von Märkten zu riskieren. Es gibt aus dieser Politik in Europa im Augenblick keinen Exit.“

Die Situation sei in vielerlei Hinsicht für die Europäische Zentralbank ausweglos, moniert Stark. Das läge nicht zuletzt an den nach wie vor unzureichenden strukturellen Reformen in der Eurozone. Die EZB sei die einzige handlungsfähige Institution in der Schuldenkrise gewesen und „die einzige föderale Institution in Europa, die funktioniert“.

Verrückte Negativzinsen

An mancher Stelle verschärft die Politik der EZB Probleme sogar. So kritisiert Stark die negativen Zinsen für italienische Staatsanleihen massiv. „Mit diesem Finanzmarkt ist etwas nicht in Ordnung. Negative Zinsen sind das falsche Signal an die Politik.“ Dass ein Land, das noch 2011 vor der Pleite stand, plötzlich als sehr potenter Schuldner angesehen werde, verstärke die Probleme, warnt Stark. Denn mit den hohen Zinsen als Korrektiv sei der Anreiz zu einschneidenden Reformen verschwunden.

Italien: Vom Pleitekandidat zum Superschuldner
Italien: Vom Pleitekandidat zum Superschuldner

„Die Zentralbankbilanzen sind nicht der Grund für die bessere Wirtschaftsentwicklung“, betont Stark. „Es spielen andere Faktoren hinein, wie flexiblere Märkte und dass man die Bankbilanzen schneller bereinigt hat.“

Doch gerade bei diesen strukturellen Reformen hinkt Europa chronisch hinterher, warnt Stark. Die EZB selbst ist dabei in einer zwiespältigen Rolle. Nicht nur, dass ihre niedrigen Zinsen den Staaten der Eurozone wenig Anreize für Reformen geben. Die laxen Konditionen führen auch zum „Evergreening“ von Krediten an an sich marode Banken oder Unternehmen. Diese bleiben am Markt, obwohl sie eigentlich nicht mehr solvent sind, was zur „Zombifizierung“ von ganzen Wirtschaftszweigen führen kann. „Zombiebanken werden durchgeschleppt, und das sorgt langfristig für eine Belastung der Wirtschaft“, warnt Stark.

Im Notfall hilft nur die EZB
Im Notfall hilft nur die EZB
Zuerst in der globalen Finanz- und dann in der europäischen Schuldenkrise ist die EZB als Retter in der höchsten Not aufgetreten.
Credits: Reuters/Pfaffenbach

Weil aber gerade der Euroraum bei der Entschuldung nicht vorankomme, sei die Situation weiter fragil und die Geldpolitik der EZB „ein sehr riskantes Experiment“, so Stark. „Wir bewegen uns in eine neue Normalität. Der Einstieg in die lockere Geldpolitik ist relativ einfach, der Ausstieg ist viel schwieriger. Es braucht viele Vorbereitungen, dabei wird es zu Volatilität kommen und auch zu abrupten Korrekturen.“ In jedem Fall trügen die Zentralbanken für die kommenden Jahre noch eine „beträchtliche Hypothek“ mit sich herum.

Sparer bleiben die Verlierer

Für die Sparer zeichnet sich in jedem Fall keine schnelle Erlösung ab. Denn rechnet man aus den aktuellen Marktpreisen die erwarteten Zinsschritte der EZB heraus, ergibt sich selbst im Jahr 2020 gerade einmal ein Leitzinssatz von 0,5 Prozent. Die Nullzinspolitik wird also noch zumindest vier Jahre den Euroraum fest im Griff haben. Das ist für die österreichischen Sparer mit ihrer Treue zum dieser Tage fast zinslosen Sparbuch ein besonders tiefer Schlag. Und so mag vielleicht der Gouverneursrat der EZB Gefangener seiner Politik sein, doch die Sparer im Euroland müssen die Zelle mit ihm teilen.

Sparzinsen nähern sich in Österreich der Nullmarke an
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