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Die EZB mischt sich in den Markt für Firmenanleihen ein

von Michael Rasch / 07.06.2016

Die EZB stößt mit ihren Maßnahmen zur Erhöhung der Inflation in immer neue Märkte vor. Ab Mittwoch kauft sie zusätzlich Unternehmensanleihen. Das dürfte auch viele unerwünschte Folgen haben.

Auf „Los!“ geht’s los, heißt es diese Woche für die Europäische Zentralbank (EZB). Am Mittwoch beginnt die Notenbank damit, im Rahmen ihres Wertpapierkaufprogramms über rund 80 Milliarden Euro im Monat auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Beobachter rechnen mit einem Volumen von drei bis zehn Milliarden Euro pro Monat.

Das Ganze läuft unter Corporate Sector Purchase Programme (CSPP). Die EZB will mit dem Erwerb von Firmenanleihen deren Renditen drücken, so die Refinanzierungsbedingungen für Unternehmen verbessern und damit die Wirtschaft ankurbeln, was dazu beitragen soll, das selbst gesetzte Inflationsziel von unter, aber dicht bei zwei Prozent zu erreichen. Kritiker zweifeln an der Wirkungskette und sehen primär die einmal mehr vorhandenen Risiken und Nebenwirkungen.

Zahlreiche Kriterien für Erwerb

Die Notenbanker wollen in Euro denominierte Anleihen der Investitions-Klasse (Rating von „BBB–“ oder besser) erwerben. Wird die Bonität eines Unternehmens herabgestuft, ist die EZB nicht verpflichtet, die Anleihen zu verkaufen. Ausgeschlossen vom Programm sind Anleihen von Banken sowie Unternehmen, die der europäischen oder einer ausländischen Bankenaufsicht unterstellt sind, sowie von Firmen, die ähnliche Geschäfte betreiben wie Banken.

Infrage kommen für die Zentralbanker Obligationen mit einer Laufzeit zwischen sechs Monaten und weniger als 31 Jahren. Sie wollen die Bonds sowohl auf dem Primärmarkt kaufen, also bei ihrer Ausgabe, als auch auf dem Sekundärmarkt, also im Handel von bereits emittierten Anleihen. Dabei nimmt sich die Währungsbehörde das Recht, bis zu 70 Prozent des Emissionsvolumens zu erwerben.

Die EZB koordiniert die Käufe jedoch lediglich, die Umsetzung obliegt sechs nationalen Notenbanken, nämlich jenen von Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien und Spanien. Die nationalen Notenbanken werden wöchentlich, beginnend mit dem 18. Juli, eine Liste von Unternehmen veröffentlichen, deren Anleihen sie gekauft haben, nicht allerdings das Volumen.

Ebenfalls ab 18. Juli stehen die Anleihen institutionellen Anlegern für die Wertschriftenleihe (Securities Lending) zur Verfügung, um negativen Liquiditätseffekten entgegenzuwirken. Laut Schätzungen gibt es in Europa Firmenanleihen der Investitionsklasse im Volumen von rund 1,6 Billionen Euro. Die Kaufkriterien der EZB erfüllen laut verschiedenen Berechnungen derzeit Bonds in Höhe von 700 bis 800 Millionen Euro.

Bei der Auswahl der Anleihen, welche die EZB erwerben will, schaut sie sich sowohl auf dem Primär- als auch auf dem Sekundärmarkt das vorhandene Universum der aufgrund der Kriterien infrage kommenden Obligationen an und geht dann nach Emittentengruppen vor, also vereinfacht gesagt nach Konzernen. Stellt also Bayer ein Prozent und VW zwei Prozent der möglichen Anleihen dar, kauft die EZB für ein Prozent bzw. zwei Prozent Bonds dieser beiden Emittentengruppen. Das Vorgehen ist vergleichbar mit dem Kauf eines Aktienindexes am Aktienmarkt.

Gefahr sinkender Liquidität

Kritiker werfen der EZB vor, sich in einen weiteren freien Markt einzumischen und diesen zu verzerren. Allein die Ankündigung des Kaufprogramms reichte aus, um die Renditen von vielen Unternehmensanleihe-Segmenten zu drücken, teilweise um bis zu 0,4 Prozentpunkte oder mehr. Die Notenbank würde zudem private Käufer aus dem Markt drängen, wie es auch schon bei anderen Anleihe-Segmenten geschehe, etwa bei den Covered Bonds (entspricht deutschen Pfandbriefen), heißt es.

Die Märkte gehen also verstärkt in staatliche Hände über. Ferner befürchten Beobachter, dass die ohnehin mäßige Liquidität auf dem Sekundärmarkt weiter austrocknet. Sie erwarten, dass die EZB einmal gekaufte Anleihen letztlich nie wieder auf den Markt gibt.

Heikler Kauf am Primärmarkt

Clemens Fuest, Präsident des deutschen Ifo-Instituts, kritisiert, dass Risiken durch die EZB vergemeinschaftet werden könnten. Ein Dorn im Auge ist ihm besonders der Kauf von Anleihen auf dem Primärmarkt. Zwar wäre eine Beschränkung auf den Sekundärmarkt nur ein schwacher Schutz vor dem Kauf überteuerter Anleihen durch die EZB gewesen, aber immerhin ein Signal dafür, dass das Kaufprogramm nicht dazu da sei, Risiken aus faulen Unternehmenskrediten zu vergemeinschaften.