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Geldpolitik

Die EZB, unter Zugzwang?

von Thomas Fuster / 09.03.2016

Am Donnerstag gibt die Europäische Zentralbank neue geldpolitische Maßnahmen bekannt. Für Mario Draghi geht es nicht zuletzt darum, die Scharte vom Dezember auszuwetzen.

Mario Draghi dürfte sich mit einigem Unmut an den vergangenen Dezember erinnern. Damals gab die Europäische Zentralbank eine leicht bescheidenere Lockerung ihrer Geldpolitik bekannt, als dies am Finanzmarkt erwartet worden war. Die Börsenkurse gerieten daraufhin ins Taumeln und die Durchsetzungskraft des sonst so durchgreifenden EZB-Präsidenten wurde infrage gestellt. Eine ähnliche Erfahrung wird Draghi um jeden Preis vermeiden wollen, wenn die EZB am Donnerstag neue geldpolitische Maßnahmen bekanntgeben wird. Einmal mehr erscheinen die Euro-Hüter dabei als Getriebene der von ihnen geschürten Erwartungen. Und einmal mehr dürften die Anleger höchst ungnädig reagieren, sollten ihre Hoffnungen unerfüllt bleiben.

Nachlassender Preisdruck

Die Frage lautet daher nicht, ob die EZB zusätzliche Liquidität in die Märkte pumpen wird, sondern in welchem Umfang und über welche Kanäle sie dies zu tun beabsichtigt. Draghi hat in den vergangenen Wochen unzweideutig eine Anpassung der geldpolitischen Instrumente an die sich „verändernden Bedingungen“ angekündigt. Und dass diese Bedingungen tendenziell schlechter geworden sind, gilt in Frankfurt als ausgemacht. Sorgen bereitet dabei in erster Linie der nachlassende Preisdruck in der Euro-Zone. So lag die Jahresinflation im Februar bei minus 0,2 Prozent. Zwar ist das Minuszeichen ausschließlich dem niedrigen Erdölpreis zuzuschreiben. Die EZB mag aber nicht durch diesen temporären Effekt „hindurchschauen“, sondern fürchtet um ihre Glaubwürdigkeit, sollte die Inflation längere Zeit unter dem Zielwert von knapp zwei Prozent bleiben.


Credits: Zentralbanken, Morgan Stanley, Capital Economics

Welche Gegenmaßnahmen werden erwartet? Zu rechnen ist mit einer weiteren Senkung des Einlagesatzes. Dieser eigentliche Strafzins auf Geld, das Geschäftsbanken bei der EZB parkieren, liegt seit Dezember bei minus 0,3 Prozent. Beliebig tief kann der Satz zwar nicht in den Minusbereich gedrückt werden, da irgendwann eine Flucht ins Bargeld droht. Bei der von Ökonomen erwarteten Senkung auf minus 0,4 Prozent bis maximal minus 0,5 Prozent ist eine solche Flucht aber noch kaum zu befürchten. Dennoch wird das Instrument des Negativzinses, das derzeit in fünf Währungsräumen zur Anwendung kommt, zusehends kritischer beurteilt. So unterhöhlen negative Sätze etwa die Profitabilität der Geschäftsbanken, was nicht nur deren Aktienkurse, sondern auch die Finanzstabilität ins Wanken bringen kann.

Zur Schonung der Banken diskutiert die EZB daher über eine Staffelung der negativen Einlagesätze. Entsprechendes Anschauungsmaterial liefern etwa die Notenbanken der Schweiz, Japans oder Dänemarks. Zwar sind deren Modelle nur begrenzt vergleichbar. Gemeinsam ist der Idee abgestufter Einlagezinsen aber, dass Geschäftsbanken bis zu einer bestimmten Höhe ihrer Einlagen keine oder eine geringere Strafgebühr zahlen müssen. Im Falle des Ende Januar eingeführten Zinsregimes in Japan führt dies gar dazu, dass der Negativzins kaum zu einer Mehrbelastung der Banken führt. Solche Rücksichtnahme hat jedoch ihren Preis: So wird die Wirkungskraft des Negativzinses ebenso abgeschwächt wie das Ziel, die Banken zur Vergabe von mehr Krediten zu bewegen.


Credits: Zentralbanken, Morgan Stanley, Capital Economics

Ein bisschen mehr von allem

Allein bei einer – allenfalls gestaffelten – Erhöhung der Strafzinsen wird es die EZB aber kaum bewenden lassen. Erwartet wird neben einer weiteren Verbilligung von Refinanzierungsgeschäften auch eine Ausweitung des seit exakt einem Jahr laufenden Anleihekaufprogramms (Quantitative Easing, QE). Geschehen kann Letzteres auf zwei Arten: Entweder werden die monatlichen Anleihekäufe, die derzeit 60 Milliarden Euro betragen, erhöht. Oder das Ablaufdatum des Programms, das erst im Dezember um ein halbes Jahr bis mindestens März 2017 verlängert wurde, wird noch weiter in die Zukunft verschoben. „Ein bisschen mehr von allem“, so fassen die Ökonomen von Pimco Deutschland denn auch ihre Erwartungen zusammen. Ob damit die Scharte vom Dezember ausgewetzt werden kann, bleibt abzuwarten.