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Digitalisierung

Die falsche Angst vor dem Ende der Arbeit

von Matthias Benz / 26.08.2016

In Österreich fürchtet man, dass Automatisierung und Digitalisierung Arbeitsplätze vernichten. Kanzler Kern will eine „Maschinensteuer“. Doch an der Wirtschaftsbasis zeigt sich ein ganz anderes Bild, berichtet NZZ-Korrespondent Matthias Benz.

Es hätte nicht viel gefehlt, und es würde das Stahlwerk in Donawitz nicht mehr geben. Als Österreichs größter Stahlkonzern, Voestalpine, in den 1990er Jahren in einer existenziellen Krise steckte, wollten einige Politiker die Produktionsstätten in ein Museum umwandeln. Heute jedoch ist Voestalpine mit verschiedenen Stahlerzeugnissen aus Donawitz Europa- oder Weltmarktführer. Derzeit wird hier das weltweit modernste Werk zum Walzen von Stahldrähten in Betrieb genommen. Es arbeitet vollautomatisiert und -digitalisiert nach den Standards von „Industrie 4.0“.

Ein hochmodernes Werk

Bei Voestalpine ist man stolz auf das hochmoderne Werk. In der österreichischen Politik hingegen wird momentan über die Gefahren von „Industrie 4.0“ debattiert. Der neue sozialdemokratische Kanzler Kern hat eine international geführte Diskussion aufgenommen. Er vertritt die These, dass die Automatisierung und die Digitalisierung der Arbeitswelt in großem Stil Arbeitsplätze vernichten werden. Man müsse deshalb überlegen, wie die Sozialsysteme (vor allem das Rentensystem) künftig noch finanziert werden könnten. Kern hat dazu die alte sozialdemokratische Idee einer „Maschinensteuer“ aufgewärmt. Neben Lohnabgaben sollen Steuern auf dem Produktionskapital die Sozialsysteme sichern helfen.

Kern hat damit in Österreich für einige Aufregung gesorgt. Allerdings wird die Debatte über die Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitsplätze eher abgehoben geführt. In Donawitz lässt sich hingegen an der Basis beobachten, was tatsächlich passiert. Auf den ersten Blick scheint sich die Sicht der Kritiker zu bestätigen. Gerade einmal vier Mitarbeiter pro Schicht genügen, um die 800 Meter lange Produktionslinie des Drahtwalzwerkes zu überwachen. Früher war ein Mehrfaches an Arbeitskräften nötig. Die moderne Schaltzentrale sieht aus wie in einem James-Bond-Film. Die wenigen Mitarbeiter beobachten zahlreiche Bildschirme und greifen nur ein, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht.

Im Übrigen läuft die Anlage vollautomatisiert. Von der Anlieferung der Stahlknüppel über das Pressen und die Aufwicklung der Drähte bis zur Auslieferung aus dem Hochregallager muss kein Mensch Hand an das Material legen. 16.000 Sensoren entlang der Linie sorgen dafür, dass sich die Anlage im Wesentlichen selbst steuert. Auf diese Weise wird auch eine Unmenge an Daten gesammelt. Man wertet sie aus, um die Prozesse weiter zu verbessern. Die Kunden werden bereits bei Auftragseingang vom System über den Zeitpunkt der Auslieferung informiert.

150 Kilo Draht im Auto

Was hier produziert wird, hat mit gewöhnlichem Eisendraht nichts zu tun. „Wir stellen hochspezialisierte Drähte vor allem für die Automobilzulieferindustrie her“, sagt Franz Kainersdorfer, der die Metal-Engineering-Division bei Voestalpine leitet. Jeder Hersteller erhalte Drähte mit genau den gewünschten Eigenschaften. Mittels Kaltverformung werden daraus dann komplexe Teile wie etwa Motorblockschrauben, Elemente des Antriebsstrangs oder der Sicherheitsgurten gefertigt. „In einem Auto der Premiumklasse stecken 150 kg von aus Draht hergestellten Teilen.“

So wird aus einem gebirgigen Tal in der Steiermark ein Grossteil der europäischen Autoindustrie beliefert. Man steht damit in einer langen Tradition. Am nahen Erzberg wurde schon im Mittelalter Eisenerz abgebaut. Das Eisengeschäft war stets eine tragende Säule der Wirtschaftstätigkeit. Dass hier immer noch produziert werden kann, liegt daran, dass sich Voestalpine seit den 1990ern vom Massengeschäft verabschiedet und erfolgreich auf hochspezialisierte Stahlprodukte fokussiert hat.

„Keine Stellen vernichtet“

Läutet jetzt „Industrie 4.0“ einen großen Arbeitsplatzabbau ein? Die geringe Zahl an Mitarbeitern in der Schaltzentrale des Drahtwerks könnte darauf hindeuten. Aber Kainersdorfer widerspricht: „Die Automatisierung hat bei uns keine Arbeitsplätze vernichtet. Vielmehr hat sich das Profil der Arbeitsplätze hin zu höher qualifizierten Tätigkeiten verschoben.“ Tatsächlich zeigt sich bei einem zweiten Blick, dass die Gesamtzahl der Arbeitnehmer in der Drahtproduktion konstant bei rund 330 Angestellten geblieben ist.

Einfache Tätigkeiten sind weggefallen. Früher hatte jemand noch an der Produktionslinie kontrolliert, ob die Drähte richtig aufgewickelt werden. Heute ist das nicht nur unnötig, sondern es wäre bei der enormen Produktionsgeschwindigkeit auch zu gefährlich. Dafür sind anspruchsvollere Tätigkeiten dazugekommen. Für das Vorbereiten der Walzgerüste braucht es feinmechanisches Wissen und eine entsprechende Ausbildung. Steuerungstechniker müssen mit modernsten Computern umgehen können und gleichzeitig viel von der Stahlbearbeitung verstehen. Ingenieure beschäftigen sich damit, wie man die Prozesse weiter verbessern kann.

Während die Zahl der Arbeitsplätze erhalten werden konnte, machte der Wandel hin zu „Industrie 4.0“ umfangreiche Umschulungen nötig. Fast alle Mitarbeiter wurden laut Kainersdorfer auf Firmenkosten über mehrere Wochen oder Monate hinweg weitergebildet. Es sei darum gegangen, das große Wissen der Mitarbeiter auf das Niveau von „Industrie 4.0“ zu transformieren. Bis auf wenige Ausnahmen hätten das alle auch geschafft. „Die Mitarbeiter haben mitgezogen, denn sie sind stolz auf die Anlage, und sie wissen auch, dass diese ihre Arbeitsplätze für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre sichern wird.“

Voestalpine-CEO Eder: 'Es wird keine abrupten Brüche bei den Arbeitsplätzen geben.'
Credits: PD

In Donawitz ist damit das Ende der Fahnenstange nicht erreicht. Der Konzernchef von Voestalpine, Wolfgang Eder, umschreibt seine Idealvorstellung im Gespräch wie folgt: In Zukunft solle der Produktionsprozess weitestgehend vollautomatisiert sein, von der Gewinnung des Eisenerzes bis zur Auslieferung eines hochfesten Autoblechs oder eines Spezialdrahtes. Aber dieser Wandel werde 10 bis 15 Jahre in Anspruch nehmen. „Es wird deshalb keine abrupten Brüche bei den Arbeitsplätzen geben. Langfristig werden wir vielleicht mit 10% bis 15% weniger Mitarbeitern auskommen, aber dieser Abbau ist über die Zeit ohne soziale Härten machbar.“

Bildung als Voraussetzung

Eder hält die Prämisse für falsch, dass „Industrie 4.0“ in großem Stil Arbeitsplätze vernichten werde. „Man sollte die Automatisierung nicht als Teufelszeug darstellen. Im Gegenteil bietet sie eine große Chance auf attraktivere, weil anspruchsvollere und höher qualifizierte Arbeitsplätze. Wenn man es richtig anpackt, wird man solche hochwertigen Arbeitsplätze auch in Österreich halten können.“ Allerdings erwähnt Eder eine wichtige Voraussetzung: Es brauche endlich ein zeitgemäßes Bildungssystem, sonst kämen die Menschen nicht mit dem Wandel zurecht. Aber gerade in der Bildungspolitik habe man in Österreich seit langem ein großes Problem.

Falsche Relationen

Tatsächlich muss man die Auswirkungen von „Industrie 4.0“ vergleichend betrachten, wenn es um Gefahren für die Arbeitsplätze geht. Die weitaus größeren Probleme liegen in Österreich anderswo. Das Bildungssystem droht die Menschen zu wenig auf die Anforderungen der neuen Arbeitswelt vorzubereiten, weil die nötigen Reformen in politischen und föderalistischen Grabenkämpfen blockiert werden. Zudem liegt die Steuer- und Abgabenbelastung sowohl für Arbeitnehmer wie für Unternehmen so hoch, dass dies dem Wirtschaftsstandort Österreich zunehmend schadet. Ideen für neue Steuern – wie die von Kanzler Kern vorgeschlagene „Maschinensteuer“ – führen deshalb in die falsche Richtung. Wer Arbeitsplätze in Österreich erhalten will, sollte vielmehr das Bildungssystem reformieren und die Abgabenbelastung senken. Demgegenüber sind die Herausforderungen durch Automatisierung und Digitalisierung wohl fast vernachlässigbar.


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