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Analyse

Die feindliche Übernahme von Bitcoin

von Lukas Sustala / 11.11.2015

Die Banken interessieren sich immer stärker für Bitcoin – besser gesagt für die Technologie hinter der Kryptowährung: Die Blockchain. Sie könnte wichtige Finanzmärkte und Banken von Grund auf verändern. Bitcoin, das auch als Gegenentwurf zum staatlich gelenkten Zentralbankgeld konzipiert war, gerät wieder mit einem Betrüger in die Schlagzeilen.  

In den 1930er Jahren soll der Industrielle Henry Ford einmal gesagt haben, dass es „schon morgen“ eine Revolution geben werde, wenn die Menschen herausfinden, wie das Geldsystem wirklich funktioniert. Aber auch sieben Jahre nach dem Blick in den Abgrund während der größten Finanzkrise der Nachkriegszeit lässt eine wirkliche Revolution von der Straße auf sich warten.

Dabei hat sich in der Krise ab 2008 gezeigt, was passiert, wenn das Geldsystem nicht funktioniert. Banken sind mit Kapitalpolstern so dünn wie eine Seidendecke der Reihe nach umgefallen, mit dem Zwischenhöhepunkt der Pleite der US-Investmentbank Lehman. Dieses Chaos war der Grund dafür, dass Programmierer die Welt des Geldes betreten haben. Denn wenn zentrale Institutionen versagen, funktionieren Peer-to-Peer-Netzerke, also eine Verbindung gleichberechtigter Partner, wohl besser.

Bitcoin, die Kryptowährung, ist eine konkrete, wenn auch kleine Revolution im Geldwesen. Eine Währung, die ganz ohne das staatliche Versprechen – und die staatliche Pflicht –, Zahlungsmittel zu sein, auskommt. Nutzer schöpfen Bitcoins mit der Rechenleistung ihrer Computer, wobei die Geldschöpfung – im Gegensatz zum Zentralbankgeld – durch einen Algorithmus begrenzt bleibt.

Bitcoin erfreute sich vor allem in libertären Kreisen großer Beliebtheit, ehe mehrere Skandale losbrachen.
Credits: REUTERS/Benoit Tessier

Und dazu kommt: In einem Umfeld von Nullzinsen ist das digitale Aufbewahren von Geld in Bitcoins zinslich nicht viel schlechter gestellt als so manche Sparform – zumal der Europäische Gerichtshof mit einer wegweisenden Entscheidung Mitte Oktober Bitcoin und andere digitale Währungen steuerlich gleichgestellt hat. Die Mehrwertsteuer ist nicht mehr fällig, denn Bitcoin ist eine Währung.

Doch es sind nicht die Kryptowährungen an sich, die als Antwort auf die Krise des Finanzsystems so spannend sind, sondern die Technologie dahinter. Die Technologie hinter Bitcoin heißt Blockchain und ist eine Art von Cloud-basiertem Journal. Die Schöpfer der Bitcoins führen dabei gemeinsam Buch über die Schöpfung des Geldes und die Transaktionen und prüfen sie gegenseitig. Der Bankexperte und -berater Dirk Elsner nennt sie eine „Art netzwerkgestütztes Grundbuch, in dem Verfügungsrechte digital dokumentiert werden“. Das kann eine Währung eben genauso umfassen wie Dokumente, Aktien, Wertpapiere oder Kredite.

Die Vertrauensmaschine

Warum ist ein digitales Journal für Finanzprodukte womöglich interessant? Für Geldinstitute, die ohnedies tausende von Dokumentationspflichten erfüllen?

Weil es wie kein anderes System Vertrauen schafft. Die „Trust machine“, Vertrauensmaschine, nannte sie der britische Economist in einer aktuellen Ausgabe.

Auch die Financial Times widmete den Blockchains, dem Journal, in dem die Transaktionen der Bitcoins aufgezeichnet werden, einen „Big Read“. Dass die wichtigsten angelsächsischen Finanzmedien sich des Themas annehmen, hat den Grund, dass Banken und andere Finanzinstitutionen das Potenzial der Vertrauenstechnologie für sich entdecken. Denn Banken, Börsen und Investmenthäuser prüfen längst, wie sie mit dem Thema auch Geld machen können – und beteiligen sich an Startups.

Der Marsch von etablierten Finanzunternehmen in die Blockchain- und Bitcoin-Szene, zusammengetragen von den Analysten von CB Insights.
Credits: CB Insights

Warum ist die Blockchain – oder Bitcoin – für eine Bank möglicherweise ein Thema? Das liegt vor allem an dem Grund, wieso es Banken überhaupt gibt. Wer einen Ökonomen fragt, wieso es Geldinstitute gibt, bekommt oft „Informationsasymmetrien“ zu hören.

Was kann man sich darunter vorstellen? Ein Beispiel: A möchte B 20 Euro schicken. Sie kennen sich nicht und wohnen hunderte Kilometer voneinander entfernt. B weiß erst in dem Moment, dass er das Geld hat, in dem er es auf seinem Konto sieht oder bar in der Post, bis dahin muss er darauf Vertrauen, dass A das Geld auch wirklich hat.

Traditionell wird diese Vertrauenslücke durch einen Intermediär geschlossen, ob das nun eine Kreditkartenfirma oder eine Bank ist. Doch bei Blockchains sind es die anderen Nutzer, die eine Transaktion bestätigen, ehe sie dokumentiert, durchgeführt und Teil der immer länger werdenden Blockkette wird. Jede Transaktion trägt dabei zum Vertrauen in den Mechanismus bei. Die Vertrauensmaschine sorgt selbst dafür, dass man nicht mehr auf eine Bank angewiesen ist, „die gesamte Community ist die Bank“, wie es Economist-Bankenredakteur Stanley Pignal in dem Podcast „Money Talks“ ausdrückt.

Ein Internet des Geldes

Dieser Netzwerkeffekt könnte so mächtig sein, dass Blockchains als Technologie die Welt ähnlich verändern wie das Internet unsere Kommunikation. Das ist nicht nur die utopische Vorstellung einiger Techies, sondern auch die etablierter Banker wie Blythe Masters. Die ehemalige JPMorgan-Bankerin trägt den inoffiziellen Titel „The most powerful woman on Wall Street“ und leitet nun das Blockchain-Startup Digital Asset Holdings. Sie hat mit der Kreation von Kreditausfallsversicherungen (Credit Default Swaps) die nach der Finanzkrise von Warren Buffett auch als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet wurden, die Finanzwelt stark geprägt.

You should be taking this technology as seriously as you should have been taking the development of the Internet in the early 1990s

Blythe Masters

Masters hat schon bei der Entwicklung von Derivaten in großen Dimensionen gedacht als es ihr darum ging, Kreditrisiken handelbar zu machen. Bei der Technologie hinter Blockchain scheut die Bankerin ebenso keine großen Vergleiche: „You should be taking this technology as seriously as you should have been taking the development of the Internet in the early 1990s. It’s analogous to email for money.

Wenn man den E-mail-Vergleich aufgreift, dann wäre Bitcoin nur ein Dienstleister wie GMX oder Gmail, der auf diese Technologie zurückgreift. Jedes einzelne Produkt, das die Infrastruktur ausnützt, habe dabei seine eigenen Stärken und Schwächen, was Produkt oder Sicherheit betrifft. Die Verbreitung der Technologie aber macht sie wertvoller für die Nutzer.

Fax statt moderner Kommunikation

An der Wall Street höchst erfolgreich will Blythe Masters nun mit der Blockchain Banken revolutionieren.
Credits: AP Photo

Und Masters sieht die Technologie nicht auf das Zahlungssystem beschränkt, sondern möchte viele verschiedene Bankprodukte und -prozesse mit Blockchain abwickeln. Die verschlüsselte, von mehreren Banken geteilten Blockchain könnte etwa den Handel mit Wertpapieren revolutionieren, glaubt Masters. Auch der Markt für syndizierte Kredite, die von mehreren Großbanken zusammen vergeben werden, könnte mit Blockchain effizienter werden. „Syndicated loans are a 4 trillion $ market that still runs on faxes, email and excel spread sheets“, zitiert das Branchenmagazin Euromoney einen Banker. Es sind Billionen und Billionen an Wertpapieren und Krediten, die revolutioniert werden könnten.

Ein „schmutziges kleines Geheimnis“ der Bankenwelt ist nach wie vor, dass große Ineffizienzen existieren, die auch internationalen Geldhäusern vor allem in Form von hohen Gebühren und langen Abwicklungszeiten helfen. Mit Blockchain-Technologien aber wäre es möglich, Buchungen, die aktuell zwei Tage dauern, innerhalb von wenigen Stunden zu ermöglichen. Mit dem Nebeneffekt, dass es viele spezialisierte Banken, die sich rund um die besonders ineffizienten Nischen ausgebreitet haben, dann nicht mehr geben wird.

Kartellbildung leicht gemacht

Aber das gestiegene Interesse der Wall Street an Blockchain, das sich auch an dem Faktum ablesen lässt, dass Banken wie Barclays Abteilungen mit dem Namen Blockchain Research and Development haben, hat auch einen anderen Grund. Wie Izabella Kaminska von FT Alphaville bereits im Mai geschrieben hat: „What the technology really facilitates is cartel management for groups that don’t trust each other but which still need to work together if they’re to protect the value and stability of the markets they serve.“ Gerade deswegen versuchen gerade Unternehmen im Wertpapierhandel die Blockchain für sich nutzbar zu machen, weil Hochfrequenzhändler ihnen mit ihrem Handel im Millisekundentakt das geschäftliche Leben schwer machen.

Das „Kartellmanagement“ der Blockchains könnte auch in einem wirklich skandalträchtigen Umfeld zum Einsatz kommen. Die Festsetzung von wichtigen Referenzzinsen wie Libor hat in den vergangenen Jahren zu empfindlichen Milliardenstrafen für unerlaubte Kartellbildung geführt. Wirklich valide Alternativen zu dem täglichen Festsetzen neuer Referenzwerte per Umfrage unter den Großbanken werden aber immer noch dringend gesucht. Blockchain, anyone?

Bitcoin ist ein widersprüchlicher Werbeträger

Aber in der Flexibilität liegt wohl auch eine der Schwäche der Blockchains. Denn Bitcoin, das wohl bekannteste „Produkt“, das aktuell auf das Rückgrat namens Blockchain zurückgreift, hat eben seine Tücken.

Die Stärken – und die Schwächen – von Bitcoin sind dieser Tage wieder öffentlich zutage getreten. Die Währung, die sich viele Monate eher durch ihre Stabilität  rund um die Marke von 200 Dollar auszeichnete, ist innerhalb weniger Tage stark gestiegen. Das Magazin Economist schien in diesem Zusammenhang einen richtigen Riecher gehabt zu haben. In der vergangenen Woche legte der Preis eines Bitoins zeitweise um 70 Prozent zu. Aktuell notiert ein Bitcoin bei 354 Dollar.

Allerdings war es nicht das mediale Interesse, das den Bitcoin-Preis derart durch die Decke gehen ließ. Es ist die hässliche Seite von Bitcoin, die zu dem kurzfristigen Boom beigetragen hat.

Denn gerade die Nachfrage (und die Anzahl neuer Bitcoin-Konten) in China ist gestiegen. Warum der Boom in China? Eine Antwort könnte natürlich sein, dass das Land schlicht schnell wächst und die Kapitalverkehrskontrollen dazu führen, dass Bitcoin eine der wenigen echten Alternativen für viele Chinesen ist. Dazu kommt natürlich, dass die finanzielle Repression nicht zu knapp ist. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte.

Der andere Teil heißt MMM. Ein global konzertiertes Pyramidenspiel des ehemaligen russischen Parliamentariers und verurteilten Betrügers Sergey Mavrodi soll den Preis von Bitcoins in den vergangenen Tagen angeheizt haben. Er selbst sagt zwar von sich „I’m no crook“, er wurde aber schon einmal für ein Ponzi-Schema verurteilt und lobt sich aber selbst für den Anstieg des Kurses der digitalen Währung. Seinem „finanziellen Sozialen Netzwerk“ MMM können nur Leute im Tausch für Bitcoins beitreten. Wie alle Pyramidenspiele setzt Mavrodi darauf, dass immer mehr Nutzer einsteigen und sich einkaufen, was gerade bei kleineren Märkten einfach ist – wie Bernard Madoff gezeigt hat, aber auch Milliarden verschlingen kann. Das chinesische Tochternetzwerk von MMM soll nun die Nachfrage nach Bitcoins kräftig angeschoben haben.

Der aktuelle Fall reiht sich ein in eine Serie an Skandalen, die die Digitalwährung erschüttert haben. Für Schlagzeilen sorgte der Betrugsfall der Bitcoin-Börse Mt.Gox. Auch der Skandal um den Anbieter Silk Road, ein Drogenumschlagplatz im Netz, der vom US-amerikanischen FBI geschlossen wurde, hat das Vertrauen in – und den Preis von – Bitcoin unter Druck gebracht.

Doch der langfristige Erfolg von Bitcoin und den vielen Startups, die sich rund um die Technologie angesiedelt haben, lässt sich nicht an dem Kurs der Kryptowährung messen. Es stellt sich die Frage, ob die Technologie hinter Bitcoin so weiterentwickelt wird, dass sie auch andere Bereiche des Finanzmarktes erfasst.

Es mag ironisch wirken, dass sich ausgerechnet Banken einer Technologie annehmen, die vor allem von Libertären als Hoffnung gegen Zentralbanken mitentwickelt wurde. Wenn nun Zentralbanken wie die Bank of England das große Potenzial von Digitalwährungen anpreisen, scheint das paradox zu klingen. Genauso wenn die Großbanken, die in der Krise am meisten Milliarden und Vertrauen eingebüßt haben, in die Technologie investieren.

Aber Blockchains sind eine Gefahr für alle, die im Geschäft mit dem Vertrauen sind, es aber aktuell von ihren Kunden kaum haben. Und in der Kategorie befinden sich staatliche Institutionen und Banken wohl noch länger.