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Augenmerk auf Stahl und Autos

Die Fetischisierung der Industrie

von Gerald Hosp / 13.10.2016

In Grossbritannien, in den USA und anderswo wird die Deindustrialisierung bedauert. Dabei schwingt häufig die Überzeugung mit, dass die Produktion von Stahl moralischer sei als Haareschneiden.

In politischen Reden um die Zukunft der Wirtschaft in Grossbritannien, in den USA und anderswo geht es erstaunlich oft um Stahl und Kohle. Im Vereinigten Königreich schafft es die oppositionelle Labour-Partei gar, gleichzeitig für erneuerbare Energien und für den heimischen Kohleabbau einzustehen. Diese Hauptpfeiler der Industrialisierung sind ein Symbol für die gesamte Industrie, die wiederum für die Realwirtschaft im Gegensatz zur Finanzwirtschaft steht. Dienstleistung wird in die Nähe von Hauswirtschaft gebracht. Dabei schwingt die Überzeugung mit, die Produktion von Autos oder Kühlschränken sei moralischer als die Vergabe von Krediten oder der Handel mit Aktien. Vielleicht ist es auch der Ausdruck der Zufriedenheit, die ein Bürohengst verspürt, wenn er mit eigenen Händen einen Fertigteilschrank zusammenschraubt. Damit einher geht die Sorge um Deindustrialisierung. Die Überhöhung der Industrie als Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft ist als Fetischisierung zu bezeichnen.

Es ist klar, dass das gegenseitige Haareschneiden nicht die alleinige Grundlage einer prosperierenden Wirtschaft ist. Genauso wenig ist aber das Anhäufen von Stahlbergen alleinseligmachend. Ein Teil der Deindustrialisierung kann auch als ein Produktivitätsfortschritt betrachtet werden. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass ein „allzu“ grosser Finanzsektor negativ für die Gesamtwirtschaft ist. Eine richtige Aufteilung zwischen dem Industrie- und dem Dienstleistungssektor ist aber schwierig zu bestimmen, zumal die Trennschärfe zwischen den Zweigen verschwimmt; Industrie 4.0 lässt grüssen. Die moralische Überlegenheit des Industriesektors hat zudem in der vergangenen Zeit mit dem Abgasskandal in der Automobilbranche Blessuren erlitten. Die Planspiele in der britischen Politik für eine Industriepolitik sind Ausdruck einer irreführenden Besessenheit. Eine Politik, die der gesamten Wirtschaft nützt, ist die beste Industriepolitik.