Die Fieberkurve in der Pharmabranche steigt

von Dominik Feldges / 28.05.2015

Billiges Fremdkapital und der gestiegene Wert eigener Aktien verlocken Firmen aus der Gesundheitsbranche zu teuren Zukäufen. Ob sich die Transaktionen auch in einigen Jahren noch rechnen, ist eine andere Frage. NZZ-Pharmaexperte Dominik Feldges analysiert.

Der Appetit in der Gesundheitsbranche auf Fusionen und Übernahmen scheint gegenwärtig keine Grenzen zu kennen. Laut einer Aufstellung, welche die NZZ beim Informationsdienst Dealogic in Auftrag gegeben hat, ist das Volumen der seit Anfang des Jahres angekündigten Transaktionen mit 268 Milliarden Dollar schon fast auf das Niveau aller 2014 verzeichneten Deals gestiegen.

CVS Health verschuldet sich

Mit einem Volumen von 285 Milliarden Dollar war 2014 seinerseits alles andere als arm an Übernahmen. In keinem anderen Jahr der vergangenen Dekade hatten Medikamentenhersteller und Firmen aus verwandten Geschäftszweigen mehr Geld für Zukäufe ausgegeben.

Die jüngste Großübernahme ist erst eine Woche alt. Am vergangenen Donnerstag hat die führende amerikanische Apotheken-Gruppe CVS Health mitgeteilt, für 12,7 Milliarden den Konkurrenten Omnicare zu kaufen, dessen Kerngeschäft die Belieferung von Pflegeheimen ist. Die milliardenschwere Transaktion ist typisch für die Kauffreude, die dank billigen Geldes auch in anderen Branchen herrscht, im Gesundheitssektor aber besonders ausgeprägt ist. CVS beansprucht für die Finanzierung einen Überbrückungskredit von 13 Milliarden Dollar der britischen Großbank Barclays und nimmt in Kauf, dass die Verschuldung auf das Dreifache des Betriebsgewinns vor Abschreibungen und Amortisationen (EBITDA) steigt. Normalerweise achten Firmen darauf, dass dieser Faktor nicht über zwei beträgt.

Historisch betrachtet ist die Übernahme nicht billig. Vor zwei Jahren lag der Börsenwert von Omnicare noch unter der Hälfte des nun von CVS offerierten Preises. Die Aktionäre der Apotheken-Gruppe scheint das aber nicht zu stören. Die CVS-Titel erzielten am Tag der Ankündigung des Deals einen Kursgewinn von 2,4 Prozent, den sie in der Zwischenzeit nur teilweise preisgegeben haben.

Über alle Branchen gerechnet befindet sich der Gesamtwert der seit Anfang des Jahres angekündigten Fusionen und Übernahmen gut 20 Prozent über dem Niveau desselben Zeitraums 2014. Im Segment Pharma und Biotechnologie hat das Volumen sogar um fast 130 Prozent zugenommen. Ein Anzeichen für die fiebrige Aktivität in diesem Bereich ist auch, dass auf ihn wertmäßig seit Jahresbeginn 17 Prozent aller Transaktionen entfallen sind. 2014 waren es über das ganze Jahr gerechnet lediglich knapp acht Prozent.

An der Akquisitionsfront sind Firmen aus dem gesamten Spektrum der Gesundheitsbranche aktiv. Milliardenschwere Transaktionen in Aussicht gestellt haben ausser CVS auch die Pharmakonzerne Valeant und Shire, der Krankenversicherer United Health oder die Generika-Anbieter Teva und Mylan. Die beiden letztgenannten Firmen liefern sich eine veritable Übernahmeschlacht, denn die Führung von Mylan lehnt das Angebot von Teva ab und drängt ihrerseits auf einen Kauf des Konkurrenten Perrigo (vgl. Tabelle).

Wie in anderen Branchen können Unternehmen aus dem Gesundheitssektor zurzeit nicht nur auf günstiges Fremdkapital zurückgreifen. Im Zuge der mehrjährigen Hausse an den Aktienmärkten sind auch die Börsenbewertungen stark gestiegen. Das hat den Effekt, dass Firmenkäufer zwar mit höheren Preisen rechnen müssen, aber auch von einer wertvolleren „Währung“ profitieren, wenn sie eigene Aktien als Zahlungsmittel einsetzen.

Jagd nach Innovationen

Allerdings hat vor allem für Medikamentenhersteller auch der Zwang zugenommen, die reichlich vorhandenen Finanzmittel für den Ausbau ihres Geschäfts einzusetzen. Viele Pharmakonzerne bekunden seit längerem Mühe, neue umsatzstarke Produkte zu entwickeln. Entsprechend gesucht sind Anbieter von Innovationen, auch weil Neuheiten mit therapeutischem Zusatznutzen weniger Gefahr laufen, dem nicht nur in Europa herrschenden, sondern vermehrt auch in den USA um sich greifenden Preisdruck zum Opfer zu fallen.

Die Jagd nach derartigen Trophäen führt dazu, dass auch die Eigentümer von Firmen mit nur einem einzigen marktreifen Produkt Verkaufspreise in Milliardenhöhe verlangen können. Beispiele sind die 2014 von Roche für 8,4 Milliarden Dollar übernommene Intermune oder das jüngst gar für 21 Milliarden Dollar an den US-Pharmakonzern Abbvie veräußerte Biotech-Unternehmen Pharmacyclics. Je mehr sich derartige Transaktionen häufen, desto größer wird aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kaufinteressenten ins Leere laufen. Nicht wenige Branchenbeobachter meinen, dass das Feld langsam abgegrast sei. Unternehmen, die jetzt noch zugreifen, leiden womöglich unter Torschlusspanik. Eine andere Frage ist, ob sich viele der jetzt abgeschlossenen Transaktionen auch in einem Umfeld steigender Zinsen noch rechnen. Zweifel sind angebracht.