Fabrice Coffrini / Afp

Die Fifa vor dem Ernstfall

von Elmar Wagner / 25.02.2016

Der Kampf ums Präsidium im Weltfußballverband verursacht viel Lärm. Dabei ist die Genehmigung der Reformen durch den Kongress viel wichtiger als der neue Obmann. Dieser wird weniger Macht haben. 

Die Fifa ist der größte und wichtigste Sportverband der Welt, ein Unternehmen, das zuletzt jährlich ca. 1,4 Milliarden Euro umgesetzt hat. Doch dieser so üppig ausgestattete Kosmos steht seit Monaten kopf: Rund um den Globus werden fast im Wochenrhythmus Fußballfunktionäre verhaftet oder verurteilt, wegen Korruption und anderer Untaten. Dutzende von Spitzenleuten wurden von dieser Welle weggespült, darunter der Fifa-Präsident Joseph Blatter, der Uefa-Präsident Michel Platini und der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Die Fifa steckt in einer existenziellen Krise.

Der Kongress am Freitag in Zürich ist daher von historischem Gewicht; es geht um die Wahl eines Nachfolgers Blatters und um Reformen. Die fünf Präsidentschaftskandidaten greifen einander an, verursachen dabei viel Lärm. Und in diesem Getöse geht ein wesentliches Faktum fast unter: Wichtigster Verhandlungsgegenstand des Tages ist nicht die Präsidentenwahl, sondern die Genehmigung des Reformpakets. Das hat mit dem Druck aus den USA zu tun, wo das Justizdepartement klar signalisiert, dass die Fifa ihre Reformen durchbringen muss – andernfalls kann sie als „kriminelle Organisation“ eingestuft werden. Das wäre verheerend für sie. Mit den zwei spektakulären Verhaftungsaktionen im Umfeld von Fifa-Versammlungen hat die US-Justiz gezeigt, dass es ihr sehr ernst ist.

Es ist müßig, über die Hintergründe des amerikanischen Eifers in dieser Sache zu spekulieren. Offiziell geht es den USA darum, illegales Verhalten auf ihrem Staatsgebiet zu ahnden. Die aufsehenerregenden Inszenierungen deuten aber auch auf eine politische Agenda hin, gesteuert von der Justizministerin Loretta Lynch. Tatsache ist, dass man ihren Atem spürt, vorab am Hauptsitz der Fifa, wo seit Monaten amerikanische Anwälte administrative Leitplanken setzen und Untersuchungen vorantreiben. Entsprechend aufgeregt werben Spitzenfunktionäre für die neuen Reformen, beschwören die Delegierten, dem Paket ja zuzustimmen. Immerhin müssen die Statutenänderungen eine Zustimmung von mindestens 75 Prozent erreichen. Das ist eine hohe Hürde.

Säuselnde Betonköpfe

Doch man kann davon ausgehen, dass sie übersprungen wird. Jedenfalls säuseln unterdessen selbst ehemalige Betonköpfe, wie vorteilhaft doch die Reformen seien. Sie zeigen sich dabei geschmeidig wie eh und je, denn sie wissen: Ohne Änderungen ist ihre Zeit abgelaufen. Was von außen also wie ein Akt der Selbstläuterung daherkommt, ist reiner Opportunismus. Mit tiefster Überzeugung hat das nichts zu tun, denn die Reformen werden Macht und Pfründen der Apparatschiks empfindlich beschneiden. Die bisherige, äußerst korruptionsanfällige Exekutive wird nur noch eine strategische Funktion haben, die Amtszeit wird auf maximal zwölf Jahre beschränkt. Und die Zahl der beliebten, spesenträchtigen Kommissionen wird auf ein Drittel zurückgestutzt.

In diesem Konzert wird die Position des neuen Präsidenten nicht gestärkt – im Gegenteil. Er wird primär noch Repräsentant sein und zusammen mit den 36 Leuten vom Fifa-Rat die Marschrichtung bestimmen. Geschäftliche Entscheidungen treffen und Verträge unterschreiben wird aber künftig der Generalsekretär, der neue starke Mann. Welch marginale Rolle dem Präsidenten zugedacht ist, illustriert allein schon die Haltung des favorisierten Kandidaten, Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa: Im Falle einer Wahl wäre er nur ab und zu im Zürcher Hauptsitz. Der Kontrast zum umtriebigen, omnipräsenten Vorgänger Joseph Blatter könnte größer nicht sein.

Die Gruppe der Präsidentschaftskandidaten ist denn auch unter dieser Prämisse zu betrachten. Von den fünf Bewerbern weist keiner ein lupenreines Profil aus, was nicht weiter erstaunt, da nur zur Wahl zugelassen wird, wer mindestens zwei der letzten fünf Jahre als Funktionär im Fußball verbracht hat. Es lohnt sich dennoch, einen zweiten Blick auf die Favoriten zu werfen, die beide offiziell auf den Support von großen Konföderationen zählen können. Scheich Salman, ein Mitglied der Herrscherfamilie aus Bahrain, ist nur schlecht als Repräsentant einer neuen Fifa vorstellbar. Zum einen wird sein Herkunftsland von Menschenrechtsorganisationen als „Polizeistaat“ bezeichnet, zum anderen ist nicht völlig geklärt, wie weit Scheich Salman 2011 in die blutige Niederschlagung von Demonstrationen verwickelt war. Es ist daher absehbar, dass eine Fifa mit einem Präsidenten namens Scheich Salman schnell wieder von massenmedialen Stürmen erfasst würde. Das kann in niemandes Interesse sein.

Politisch ist die Figur Gianni Infantino zwar weniger heikel. Der 45-Jährige stammt aus dem Wallis, wie Joseph Blatter, ist vielsprachig, versucht den Sprung von der Position des (Uefa-)Generalsekretärs aus. Doch darin erschöpfen sich die Parallelen zum gesperrten Landsmann. Infantinos Makel besteht darin, nur der Ersatzkandidat für den gesperrten Uefa-Präsidenten Michel Platini zu sein. Natürlich könnte er sich in einem neuen Amt von seinem Übervater emanzipieren. Nur, wie glaubwürdig ist ein Funktionär, der seine ganze Karriere in der Uefa verbracht hat? Diese Konföderation ist strukturell noch rückständiger als die Fifa, verfügt beispielsweise über keine Ethikkommission. Zudem sieht die Uefa auch gern über Ungereimtes hinweg – etwa bei den Betrugsvorwürfen rund um die Vergabe der Euro 2012 an die Ukraine und Polen.

Bei nüchterner Betrachtung erweist sich also ein Außenseiter als bester Kandidat, jedenfalls im Lichte der neuen präsidialen Aufgaben. Der in Zürich lebende Franzose Jérôme Champagne arbeitete elf Jahre bei der Fifa, zuletzt als eine Art Außenminister, der für Blatter heikle Gespräche führte. Diese präsidiale Nähe ist per se natürlich verdächtig; Fakt ist aber auch, dass es rund um Champagnes Wirken in der Fifa nie irgendwelche Verdachtsmomente gab. Zudem profilierte er sich nach seiner Entlassung 2010 als Vordenker einer neuen Fifa, entwarf schon früh Reformen, stets um ein Gleichgewicht im globalen Fußball bemüht. Das ist eigentlich eine ideale Ausgangslage für einen Präsidenten, der primär strategisch gefordert ist. Als ehemaliger Berufsdiplomat, der sechs Sprachen spricht und in vielen Regionen der Welt lebte, scheint er in seiner solitären, unabhängigen Art wie geschaffen für das Amt. Nur gewinnt man so nicht die Zuneigung und den Support einer großen Konföderation, die naturgemäß auf die Stärkung der eigenen Position fokussiert ist.

Ein Vorbild für Konzerne

Champagne wird in der Wahl vom Freitag jedenfalls chancenlos sein. Und das führt zur Feststellung, dass auch eine neue Fifa nicht automatisch vorbildlich ist. Einzig bezüglich der Reformen gibt es kaum Bedenken: Sie werden moderner und weitgreifender sein als in jedem andern Sportverband. In Sachen Good Governance kann ein Verein wie die Fifa sogar das Vorbild für große Unternehmen sein. Denn welcher private Konzern verfügt schon über ein so scharfes Instrument wie die Ethikkommission nach Fifa-Muster?

Für die Fifa werden trotzdem nicht schon bald paradiesische Zeiten anbrechen. Das Gebäude des Weltfußballs muss auch nach einer Annahme der Reformen zuerst an der Basis stabilisiert werden, in den Verbänden und Konföderationen. Zwar verlangen die neuen Statuten, dass auch diese die Werkzeuge der Good Governance übernehmen, wenn sie weiter von der Fifa alimentiert werden wollen. Nur geschieht diese Anpassung nicht von heute auf morgen; die Sanierung des morschen Gebälks ist frühestens 2018 abgeschlossen.

So oder so ist nicht mit einem schnellen Ende der schlechten Nachrichten für die Fifa zu rechnen. Die Untersuchungen verschiedener Staatsanwaltschaften laufen weiter, allein die Kronzeugen der US-Justiz dürften noch viel Brisantes aus der guten alten Fifa und ihren Satelliten zu erzählen haben.