Mehr Geld. Damit wollen die G-7 allerlei Probleme lösen. Allein, die Erfahrung lehrt, dass der Geldregen allein noch selten für Entwicklung gesorgt hat.

Die G-7 versprechen mehr: Doch auch Milliarden garantieren keine Entwicklung

von David Signer / 10.06.2015

Am G-7-Gipfel wurde wieder einmal mit astronomischen Summen jongliert. Die meisten Probleme lassen sich allerdings mit Geld allein nicht lösen, findet NZZ-Journalist und Afrika-Experte David Signer.

Alles muss quantifiziert werden. Selbst der gute Wille bemisst sich am Betrag, am besten am Geldbetrag. Weil kaum noch jemand an die absolute Wahrheit glaubt, hält man sich an die Kostenwahrheit. Am G-7-Gipfel wurden hehre Absichten mit horrenden Summen glaubhaft gemacht. Um das Klima zu retten, sollen ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar in Umweltprojekte gesteckt werden. 500 Millionen Menschen soll bis 2030 zu sicherer Ernährung verholfen werden. Hier räumte Angela Merkel immerhin ein, dass die Finanzierung noch nicht gesichert sei. Aber implizit bedeutet das: Wenn wir das Geld beisammenhaben, ist der Hunger bald Geschichte.

Die afrikanische Delegation, insbesondere die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, forderte eine Erhöhung der Entwicklungshilfe. In der Schlusserklärung wurde die alte Forderung gestellt, jedes Land solle 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe reservieren. Vielleicht haben wir uns schon so sehr an die Ökonomisierung aller Lebensbereiche gewöhnt, dass uns die Seltsamkeit dieser „Mehr!“-Forderungen gar nicht mehr auffällt. Die Advokaten der Entwicklungshilfe sind oft eher kapitalismuskritisch eingestellt; aber offenbar haben sie die Geld-Logik so sehr verinnerlicht, dass sie annehmen, „mehr“ sei automatisch „besser“.

Gut, weil teuer

Interessanterweise sind es oft Ökonomen, die diese Fixierung auf Geldsummen infrage stellen. Als sich im Juli 2005 die G-8-Staaten darauf einigten, die Entwicklungshilfe für Afrika zu verdoppeln, schrieb der Wirtschaftsprofessor William Easterly: „Einziges Problem dabei: Entwicklungshilfe wird an ihrem Aufwand gemessen, nicht am Ergebnis. Es mutet eigenartig an, dass sich Bürokraten und Politiker darauf konzentrieren, wie viel Hilfsdollars insgesamt eingesetzt wurden.“ Er fügte hinzu, dass man die Qualität eines Films auch nicht danach beurteile, wie viele Millionen die Produktion gekostet habe.

Auch die magische Zahl „0,7 Prozent“ ist willkürlich. Aber sie wird mit umso mehr moralischem Furor vertreten, je größer die Zweifel an der Entwicklungshilfe werden. Afrika wird es nicht plötzlich gutgehen, sobald genug Geld hineinfließt. Schon heute sind oft eher zu viel als zu wenig Mittel vorhanden, und es fehlt an Möglichkeiten, die Gelder sinnvoll einzusetzen. Oft mangelt es schon an den administrativen Kapazitäten in den betroffenen Ländern und erst recht an praktikablen Projekten.

Natürlich hängen das die Organisationen nicht an die große Glocke. So sammelte das Amerikanische Rote Kreuz nach dem Erdbeben in Haiti fast 500 Millionen Dollar. Nun wirft ein Report der Organisation vor, mit den Spenden gerade einmal sechs Häuser gebaut zu haben. Das Rote Kreuz verteidigt sich einerseits mit dem bekannten Argument, man habe 98 Millionen Dollar für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Als ob das allein schon ein Leistungsausweis wäre. Andererseits wird der schwarze Peter Haiti zugeschoben. Erwähnt werden die mangelnde Koordination der Regierung, Streit über Landeigentum, Rechtsunsicherheit, Verzögerungen am Zoll, Mangel an qualifiziertem Personal vor Ort.

Gut möglich, dass das stimmt. Schade nur, dass wir von diesen Schwierigkeiten erst hören, wenn eine Organisation angeschossen wird. Oft sind Regierungen bei Projekten nicht behilflich, sondern bremsen und sabotieren, in der Hoffnung, möglichst viel zu profitieren. Oft müssen Hilfsorganisationen auf die Knie gehen und bezahlen, um helfen zu dürfen. Oft ist für Regierungen Armut profitabel: Es ist einfacher, Hilfsgelder zu verlangen, als eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen. So gibt es in manchen Ländern mehr Nichtregierungsorganisationen als Firmen. Ausländisches Geld kann korrupte Regime am Leben erhalten.

Zur Sprache kamen am G-7-Gipfel auch die UNO-Millenniumsziele. 189 Staaten hatten sich 2000 verpflichtet, Ernährung, Gesundheit und Bildung bis 2015 entscheidend zu verbessern. Inzwischen ist 2015, und bereits wurden in Elmau neue Ziele angekündigt. Man wünschte sich zuerst eine ehrliche Bilanz von der UNO. Dass die meisten Ziele nicht erreicht wurden, ist klar. Und auch, dass kein zwingender Zusammenhang zwischen Geldfluss und Erfolg besteht. Aber anstatt die Karten auf den Tisch zu legen, wird die Bilanz verschleiert, indem zum Beispiel bei der Analyse der Armut das Vergleichsjahr plötzlich von 2000 auf 1990 verschoben wurde, um das Ergebnis besser aussehen zu lassen.

Geld allein hilft in den wenigsten Fällen. Manchmal schadet es sogar.