Weltbank-Chefökonom zu Besuch in Wien

Die Globalisierung lässt sich nicht einfach abdrehen

von Leopold Stefan / 18.11.2015

Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat zwar den Wohlstand vieler Länder erhöht, aber dafür den Spielraum für nationale Wirtschaftspolitik eingeschränkt. Politiker können auf altbewährte Rezepte nicht mehr vertrauen, sondern müssen die Reaktionen internationaler Akteure berücksichtigen, erklärte der Chefökonom der Weltbank, Kaushik Basu, bei einem Besuch in Wien.

Die Dominosteine der Finanzkrise kippen weiter um. Nach der geplatzten Immobilienblase in den USA und der Eurokrise in Europa haben die Turbulenzen nun die Schwellenländer erreicht. Russland und Brasilien befinden sich in einer Rezession, Südafrika steht kurz davor, und das Wachstum in China stagniert. Noch nie zuvor ist die Wirtschaft in drei der fünf BRICS-LänderBRICS steht für die Volkswirtschaften von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die einen losen Klub von Schwellenländern gebildet haben. geschrumpft.

Hohe Verschuldung sei jeweils der Vorbote der regionalen Krise gewesen, wie der britische Economist diese Woche titelt. International mobiles Kapital verflüchtigt sich so schnell, wie es gekommen ist, sobald die Schulden nicht mehr tragfähig erscheinen. Nationale Regierungen müssen den Spagat zwischen globaler Integration und dem Schutz vor Ansteckung durch regionale Finanzkrisen schaffen.

Politische Bumerangeffekte

Als seine Eltern ihn fragten, was er studieren wolle, hatte Kaushik Basu eine klare Vorstellung: Nichts. Als junger Inder gegen Ende der turbulenten sechziger Jahre in Bengalen wollte der heutige Chefökonom der Weltbank nicht im akademischen Elfenbeinturm verstauben. Sein Vater wünschte sich hingegen, dass sein Sohn Physik studieren sollte. Sie trafen sich in der Mitte, und Basu wurde Volkswirt. Neben einer erfolgreichen akademischen Laufbahn beeinflusste Basu auch aktiv die Politik als Nationalbanker, höchster Wirtschaftsberater der indischen Regierung und seit 2012 als Chefökonom der Weltbank.

In der Praxis müsse Wirtschaftstheorie mit vernunftgeleiteter Intuition verbunden werden, erklärt Basu. Vor allem spieltheoretische Ansätze können helfen, die Reaktion anderer Akteure vorab zu berücksichtigen. Politiker müssen daher auch die internationalen Konsequenzen von nationalen Maßnahmen bedenken, da diese wie ein Bumerang um den Globus gehen und auch das eigene Land erneut treffen können.

Ein Beispiel: Im Jahr 2011 erhöhte der US-Kongress die zulässige nationale Schuldengrenze, woraufhin die indische Rupie an Wert verlor. Wie kam es dazu?

Die Bonität der USA wurde als Folge auf die drohende Neuverschuldung erstmals herabgesetzt. Internationale Investoren waren verunsichert und suchten einen sicheren Hafen für ihr Kapital. Im Gegensatz zu den Euroländern, die ihre Geldpolitik an die EZB ausgelagert haben, können die USA notfalls ihre Schulden durch Betätigung der Notenpresse bedienen. Außerdem liegt es im Interesse Chinas – mit geschätzten zwei Billionen an Dollarreserven der größte Gläubiger der Amerikaner – die US-Währung notfalls zu stützen. Somit kauften die vom Straucheln der USA verunsicherten Anleger amerikanische Staatsanleihen mit jenem Geld, das sie unter anderem in Indien investiert hatten. Die Rupie brach ein.

Vertrauen ist besser

Indien hatte aber aus vergangenen Fehlern gelernt und widerstand der Versuchung, mit Kapitalkontrollen den Abzug von Geldern zu verhindern. Bis 1991 war der Wechselkurs der indischen Rupie mithilfe von Kapitalkontrollen fixiert worden. Ausländische Investoren durften also nicht nach Belieben Geld ins Land bringen oder abziehen. Als Folge des Golfkriegs waren jedoch die Devisen von Auslandsindern, die auf der arabischen Halbinsel gearbeitet hatten, versiegt. Plötzlich fehlten Indien die Mittel, um Importe zu bezahlen – die Reserven reichten gerade noch für drei Wochen. Die Kapitalkontrollen mussten gelockert werden, damit Devisen ins Land fließen.

Bis ausländische Investoren aber den Mut fanden, in den Subkontinent zu investieren, vergingen Jahre. Die indische Regierung musste erst das Vertrauen schaffen, dass sie nicht bei nächster Gelegenheit die Schotten dichtmachen und das Land zu einem Gefängnis für ausländisches Kapital machen würde. Die Offenheit hat sich seither rentiert, meint Basu.

Investoren schöpfen Vertrauen in Staaten, die sich an selbsterteilte Vorgaben halten. Allerdings mangle es in der globalisierten Wirtschaft an Vertrauen zwischen einzelnen Staaten, da jede nationale Maßnahme, zumindest unter den größten Volkswirtschaften, Konsequenzen für andere Nationen hat. Viele Schwellenländer, allen voran China, horten enorme Devisenreserven als Absicherung gegen solche Schocks. Das ist mit hohen Kosten verbunden, zumal die Erträge aus diesen Devisenvorräten – insbesondere im derzeitigen Zinsumfeld – sehr gering sind und die Mittel vielleicht woanders produktiver eingesetzt werden könnten.

Es gibt kein Zurück

Für Globalisierungsgegner hat der Chefökonom der Weltbank eine schlechte Nachricht: Es gibt kein Zurück. Die Verflechtung der Weltwirtschaft über Finanzmärkte und Produktionsketten sei wie ein Naturgesetz. Damit geht allerdings einher, dass nur mithilfe eines globalen Regelwerks und einer Stärkung von internationalen Institutionen das Vertrauen zwischen den Staaten wächst und kostspielige kompetitive Schritte, wie das Horten von Devisen oder Währungsmanipulationen, vermieden werden kann.

Doch gelingt diese internationale Koordination nicht einmal in der Europäischen Union: Nur mehr fünf der 19 Eurostaaten halten das Konvergenzkriterium der 60-Prozent-Hürde bei der Staatsverschuldung ein. Gleichzeitig vergünstigt die EZB den Mitgliedsländern durch das Anleihenkaufprogramm die Aufnahme neuer Schulden. Der erhoffte Effekt auf die Inflation bleibt derweil aus. Auch darin sieht Basu den Einfluss der globalisierten Wirtschaft – das freigesetzte Kapital verflüchtigt sich in die ganze Welt.