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Die „Gratiszeitung“ – eine Illusion

von Bernhard Schinwald / 06.01.2016

There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – there are things we do not know we don’t know.

Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unterschied bei den Gefahren des Regimes von Saddam Hussein „known knowns“, „known unknowns“ und „unknown unknowns“. Das Rumsfeld’sche Muster lässt sich in vielen Themen- und Lebensbereichen anwenden. Es gilt – leicht variiert – auch für Allgemeingüter: Es gibt Allgemeingüter, von denen wir wissen, dass sie Allgemeingüter sind. Und es gibt Nicht-Allgemeingüter, von denen wir auch wissen, dass sie keine Allgemeingüter sind. Es gibt aber auch Allgemeingüter, von denen uns zumindest nicht bewusst ist, dass sie Allgemeingüter sind.

Kann es wirklich ein Gut geben, das von der öffentlichen Hand finanziert wird und frei und kostenlos für die Allgemeinheit verfügbar ist, ohne dass sich die Allgemeinheit dessen bewusst ist? Die Logik, nach der der Wohlfahrtsstaat und die Politik, die ihn steuert, funktionieren, würde das eigentlich verbieten. Schließlich steht in aller Regel hinter jeder Großzügigkeit des Staates ein breiteres Politikerlächeln. Die österreichische Politik ist jedoch bereits so weit fortgeschritten, dass sie selbst diese Logik überwindet.

Zehntausende Pendler greifen, bevor sie morgens in den Zug steigen, in einen offen stehenden Zeitungskasten, um sich an einem Stapel kleinformatiger Tageszeitungen zu bedienen, ohne dafür zu bezahlen. Möglich gemacht wird der kostenlose Zeitungsgenuss durch die Geschäftsmodelle von Verlagshäusern, die sich zu einem wesentlichen Teil auf die Einnahmen durch Inserate staatlicher Behörden, staatsnaher Unternehmen und überdurchschnittlich stark geförderter politischer Parteien stützen.

Wenn sich der Pendler nach dem Griff in den Zeitungskasten also im Besitz einer „Gratiszeitung“ glaubt, unterliegt er einem Trugschluss. Bei genauerem Überlegen würde er erkennen, dass er für die Zeitung zu einem gewissen Teil indirekt mit seinen Steuern bezahlt. Vielmehr genießt er ein Allgemeingut – und zwar vermutlich, ohne dass er sich dessen bewusst ist.