Illustration: Daniel Stolle

Erfolg gestern und morgen

Die größten Firmen der Welt: Klotzen, nicht kleckern

von Claudia Aebersold Szalay / 03.10.2016

Große Unternehmen haben meist bekannte Namen. Sie stehen in der Gunst der Anleger. Doch die Marktkapitalisierung von heute steht nicht für den Erfolg von morgen.

Es sind die wirklich großen Namen der Unternehmenswelt, Apple, Microsoft oder Exxon Mobil, die Hunderte Milliarden Dollar an Börsenwert auf die Waage bringen. Auf viele Anleger wirken sie attraktiv, nicht nur weil sie bekannte Marken sind, die jeder kennt. Wenn die Gesellschaften an der Börse so viel wert sind, müssen sie doch einiges richtig machen – so oder ähnlich denken viele Privatinvestoren und legen ihr Geld mit gutem Gefühl in großen Börsenwerten an. Doch fahren sie damit gut? Und sind die Großen von heute auch die Großen von morgen?

Eine bunte Mischung

Eine Gegenüberstellung der zehn größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung von heute gibt erste Anhaltspunkte (vgl. Tabelle).
■ Performance: Der Vergleich mit dem Welt-Aktienbarometer (MSCI-World-Index) zeigt, dass sieben der zehn größten kotierten Aktiengesellschaften seit Jahresbeginn eine bessere Performance ausweisen als der Benchmark (Total Return); längerfristig schlagen sogar acht von ihnen den Referenzindex. Nur gerade der Erdölmulti Exxon Mobil und der chinesische Telekomkonzern China Mobile haben sich in den vergangenen fünf Jahren schlechter entwickelt als das Barometer. Daraus zu schließen, dass sich eine Anlage in die größten Unternehmen aber in jedem Fall lohnt, wäre falsch. Die zehn präsentierten Firmen sind unter anderem gerade deshalb die größten, weil ihr Aktienkurs in der Vergangenheit so stark gestiegen ist – ob er aber auch in Zukunft überproportional steigen wird, kann aus diesen Vergangenheitswerten nicht abgeleitet werden. Die Top Ten der Börsenschwergewichte ändert sich denn auch laufend (siehe weiter unten).
■ Bewertung: Aufgrund des klassischen Bewertungsmasses, des KGV, das den Börsenkurs einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn pro Aktie setzt, sind die schwersten Unternehmen tendenziell eher teuer. Nur die Bewertung von Apple, Berkshire Hathaway, Johnson & Johnson und China Mobile ist weniger hoch angesetzt als der Weltindex. Die Aktien von Facebook werden an der Börse mit dem 60-Fachen des Gewinns pro Aktie bewertet, jene von Amazon sogar mit dem fast 200-Fachen. Auch diese Kennzahl ist (wie die Performance) aber bis zu einem gewissen Grad tautologisch, da die Größten definitionsgemäss jene mit den hohen Aktienbewertungen sind.
■ Rentabilität: Gemessen an der Eigenkapitalrentabilität (Return on Equity, ROE) bilden die zehn größten Unternehmen der Welt eine recht heterogene Gruppe. Die Rendite reicht von 6% (Exxon Mobil) bis zu 38% (Apple). Anleger mögen zwar eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite, weil sie bedeutet, dass das gezeichnete Aktienkapital besonders gut rentiert, doch müssen sie bedenken, dass das ROE-Mass mit zunehmender Fremdverschuldung steigt. Nicht alle Anleger mögen eine hohe Leverage.
■ Risiko: Als Mass für das Risiko einer Aktie kann deren Beta herangezogen werden. Es misst die Volatilität einer Aktie relativ zu einem Vergleichsindex. Die Werte in der Tabelle sind folgendermaßen zu lesen: Weist eine Aktie ein Beta von 1 aus (Amazon), bedeutet dies, dass die Amazon-Aktien ungefähr so stark wie der Markt schwanken; weisen Titel ein Beta von kleiner als 1 aus (Berkshire Hathaway, Johnson & Johnson, China Mobile), sind sie weniger schwankungsanfällig als der relevante Marktdurchschnitt; weist eine Aktie einen Wert von deutlich über 1 aus (Apple, Alphabet, Microsoft), schwankt die Aktie stärker als der Markt. Ein hohes Beta bedeutet für die Anleger somit, daß sie größere Kursausschläge (im Positiven wie im Negativen) als der Marktdurchschnitt in Kauf nehmen müssen. Der Vergleich der zehn größten Unternehmen der Welt zeigt, dass sie punkto Risiko sehr unterschiedliche Eigenschaften haben.
■ Dividendenrendite: Anleger, die an einer stabilen Ausschüttung seitens der Gesellschaften interessiert sind, legen Wert auf eine hohe Dividendenrendite. Diesbezüglich weichen die zehn „schwersten“ Firmen nicht stark vom Weltindex ab, allerdings muss man bedenken, dass manche Titel überhaupt keine Dividende bezahlen (Alphabet, Berkshire, Amazon, Facebook).

Ohne Gewähr für die Zukunft

In die größten Unternehmen zu investieren, nur weil sie sich in der Vergangenheit so gut entwickelt haben, dass sie heute zu den größten Weltkonzernen gehören, ist kein Garant für eine positive Performance in der Zukunft. Doch gibt es losgelöst von der vergangenen Aktienperformance Argumente, weshalb die Größe einer Firma von Vorteil sein sollte? Die gibt es. Grundsätzlich führt ein größeres Geschäft zu Möglichkeiten für positive Skaleneffekte. Diese ergeben sich, wenn mit zunehmender Produktionsmenge die Stückkosten sinken, wenn bei steigender Menge also die Herstellung eines zusätzlichen Stücks weniger kostet als das letzte hergestellte Stück. Positive „Economies of Scale“ sind vor allem in der Industrieproduktion relevant, wo sie beispielsweise dazu führen, dass die Massenproduktion kostengünstiger ist als die Produktion kleinerer Stückzahlen.

Wenn die Größe von Vorteil ist

Doch für Technologiefirmen, wie es viele in der Top Ten der größten kotierten Gesellschaften sind, sind klassische Skaleneffekte weniger wichtig. Auch bei ihnen kann die Größe aber eine Rolle spielen. Sogenannte Netzwerkexternalitäten kommen zum Tragen, wenn der Nutzen einer Technologie für den Einzelnen umso größer ist, je mehr Nutzer mitmachen. Egal, ob Facebook, Whatsapp oder das simple Telefon: Je mehr Menschen sie benutzen, desto nützlicher wird es für den Einzelnen – weil er damit mehr Personen erreichen kann. Aus diesem Grund kann Größe auch für Technologie-Firmen von großem Vorteil sein, und kleine Konkurrenten, die neu in den Markt eintreten, haben diesbezüglich oft während längerer Zeit einen Wettbewerbsnachteil gegenüber First-Movers.

Trotzdem ist die eigene Wettbewerbsposition nicht in Stein gemeisselt. Die Erfolgreichen von heute müssen nicht die Erfolgreichen von morgen sein. Das belegt schon ein Blick auf die Top-Ten-Liste der größten Unternehmen der Welt von vor zehn Jahren. Die meisten von ihnen rangieren heute nicht mehr auf den vordersten Plätzen; nur gerade drei von ihnen tauchen zehn Jahre später noch in den Top Ten auf (General Electric, Exxon Mobil, Microsoft). Alle anderen wurden vom Podest gestossen. Vor zehn Jahren wurde die Top Ten noch dominiert von den Großbanken (Citigroup, Bank of America, HSBC). Die Finanzkrise hat deren Börsenwerte dezimiert, so dass sie heute nicht mehr zu den größten zehn gehören. Das Gleiche gilt für die Rohwaren-Unternehmen, die früher ebenfalls prominent dabei waren bei den Größten der Großen (Gazprom, Royal Dutch Shell, BP, Petro China) und heute wegen des starken Zerfalls des Erdölpreises und anderer Rohwarennotierungen nicht mehr zu den größten Unternehmen der Welt zählen.

Heute wird die Liste von der Technologiebranche (Kommunikation, IT, Telekom) dominiert, die von der Subprime-Krise kaum tangiert wurde. Zudem profitiert diese von gesellschaftlichen Trends wie höherer Mobilität und höherem Bedarf an (mobilen) Kommunikationsmitteln. Sie stellt heute sechs der zehn größten Unternehmen der Welt. Banktitel sind gänzlich aus der Top Ten verschwunden, und von den Öl-Titeln ist nur Exxon Mobil übrig.

Die Mischung macht’s

Auch die Börse gehorcht Moden, und so sind es oft Branchen-Geschichten, die dazu führen, dass gewisse Titel überdurchschnittlich zulegen und als direkte Konsequenz ihres Booms auch bei der Marktkapitalisierung dominieren. Anleger sollten sich aber nicht nur auf die Größe als Synonym für Erfolg verlassen, sondern stets auch überlegen, ob gewisse Titel und Branchen vom Risikoprofil her zu ihnen passen. Auch wenn dies bejaht wird, kann ein blindes Investieren in die Top Ten zu Klumpenrisiken führen, eben weil dort oftmals einzelne Branchen ein so großes Gewicht haben. Nicht vergessen werden darf, dass auch unter den Kleinen manchmal wahre Perlen verborgen sind, die den Anlegern viel Freude machen können. Am besten fahren die Privatinvestoren ohnehin mit breiter Diversifikation, sprich: einem guten Mix aus Groß und Klein.