Oliver Mark

Innovation im Recht

Die Internet-Revolution erfasst auch die Anwaltsbranche

von Eugen Stamm / 16.08.2016

Juristen galten lange Zeit als nicht besonders aufgeschlossen für technologische Neuerungen. Neue Anbieter zwingen sie aber nun dazu.

„Was hab ich dir gesagt, Bruder, als du mich angeheuert hast?“, fragt eine Stimme aus dem Off. „Die Klage wird abgewiesen, Mann“, sagt der beleibte Mann im Bild freudig und wippt dazu wie ein Sänger in einem Hip-Hop-Video. Und was ist passiert? „Sie wurde abgewiesen, Mann!“ „Würdest du mich als Anwalt weiterempfehlen?“ „Natürlich, Mann!“ So sieht es aus, wenn ein Anwalt in den USA mit seinem Smartphone Mandanten filmt, die er erfolgreich verteidigt hat. Die Videos hat „Winning Lawyer“, wie er sich amerikanisch unbescheiden nennt, auf die Social-Media-Plattform Instagram gestellt. Da soll noch jemand behaupten, alle Anwälte seien konservativ und könnten mit moderner Technik überhaupt nicht umgehen.

Die Anwaltsbranche ist mit vielen Klischees behaftet: So sei sie seit der Ära von Hammurabis Codex im 18. Jh. v. Chr. lange Zeit von technologischen Veränderungen verschont geblieben, heisst es etwa. Das Faxgerät sei eine Innovation, mit der sich die Juristen noch knapp abfanden, weil sie immerhin Papier verwendet. An die E-Mail musste sich dann jeder mit der Zeit gewöhnen, trotz Standesdünkel. Nun aber sind Hundertschaften von cleveren technologischen Startups drauf und dran, den nichtsahnenden Anwälten Geschäfte wegzuschnappen.

In der Tat beschäftigt sich die Branche schon seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema „Legal Technology“ und der Frage, welche Auswirkungen neue Technologien auf die Rechtsberatung haben und noch haben werden. Dieses Jahr wurde die Swiss Legal Tech Association gegründet, ein Verein, der das Ziel verfolgt, die Schweiz als Zentrum für Rechts-Technologien zu etablieren. Im Oktober widmet sich die Tagung „Management von Anwaltskanzleien“ in Zürich dem Thema „Legal Tech“. Es bewegt sich also offensichtlich einiges.

Die Vielfalt neuer Geschäftsmodelle allein im deutschen Markt zeigt eine Übersicht des Anwaltes Dominik Tobschall. Im Bereich von standardisierter Rechtsberatung bilden sich zahlreiche spezialisierte Firmen heraus, die nur eines können, das dafür sehr effizient: Sie helfen Kunden zum Beispiel, bei Verspätungen von der Bahn Geld zurückzufordern (Bahn-Buddy.de) oder sich gegen Bussgeldverfahren zu wehren (Geblitzt.de). Mit wenigen Klicks zum passenden Vertrag führt Janolaw.de – ob man nun allgemeine Geschäftsbedingungen für einen kleinen Webshop oder eine Patientenverfügung braucht. Das sind nur drei Beispiele von Dutzenden neuer Akteure, deren Geschäftsmodelle teilweise noch sehr viel komplexer sind.

Betrachtet man Legal Tech nicht anhand von Aufzählungen, sondern analytisch, dann lässt sich als bedeutender Trend die Disaggregation der Rechtsberatung feststellen, wie das Professor Leo Staub in einem Aufsatz im Buch „Recht im digitalen Zeitalter“ getan hat. Unternehmen wenden sich nicht mehr einfach an den Anwalt ihres Vertrauens, sondern stückeln die Dienstleistungen, die sie benötigen, um sie von verschiedenen Anbietern einzukaufen. Zeitaufwendige und repetitive Arbeiten, wie etwa die Durchsicht von Tausenden von Dokumenten oder Verträgen, werden neuerdings von spezialisierten Anbietern günstiger erledigt als von traditionellen Anwaltskanzleien früher.

Trotzdem wäre es falsch, Technologie nur als Bedrohung für die Anwälte darzustellen. Schliesslich verbietet es den Kanzleien niemand, intern ihre Abläufe besser zu organisieren und die Mittel so einzusetzen, dass die Arbeit noch effizienter als früher erledigt werden kann. Die Papiere für eine Firmengründung muss man heute schneller und günstiger bereitstellen als zu Zeiten der Schreibmaschine. Der findige Anwalt zerbricht sich mittlerweile nicht nur den Kopf über Rechtsprobleme, sondern auch darüber, welche Lösungen automatisiert werden können. Vielleicht wird ja eines Tages ein Startup-Unternehmen daraus.