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Aktienmarkt

Die Jogginghosen-Zocker an Chinas Börse

von Matthias Müller / 11.01.2016

Die Welt zittert vor Chinas Börse. Diese verliert ihren Schrecken, wenn man die chinesischen Kleinaktionäre unter die Lupe nimmt. Dort sind regelmäßig in Jogginghosen gekleidete Rentner am Werk.

„Die Börse in den USA ist etwas für Investoren, in China tummeln sich die Glücksspieler“, sagt ein chinesischer Rentner und grinst. Seit den neunziger Jahren versucht er sein Glück mit Aktien und kommt inzwischen täglich in eine Pekinger Außenstelle der Börsen von Shanghai und Shenzhen. Er habe mehr gewonnen als verloren, und sein Tipp für Chinas Glücksspieler lautet: „Ich setze auf Aktien von Rohstoffunternehmen. In dieser Branche habe ich zuvor gearbeitet.“

Auf den riesigen Leinwänden vor ihm sind die Entwicklungen der chinesischen Papiere zu sehen. An den Seitenwänden stehen Computer, an denen die Kleinaktionäre handeln. Der durch einen Schlaganfall gezeichnete, aber geistig fitte Rentner notiert sich während des Handelsverlaufs alle Änderungen der beiden Indizes in Shanghai und Shenzhen per Hand. Am Ende des Tages präsentiert er ein mit Zahlenkolonnen vollgeschriebenes Blatt – morgen fährt er damit fort.

„Bald wird es besser“

Auch der Montag war für Chinas Glücksspieler ein Tag zum Vergessen. Bis auf wenige Ausnahmen sind nur grüne Zahlen auf den Leinwänden zu sehen, rot markierte Aktien sind die große Ausnahme. Während in der westlichen Welt die Farben Grün für steigende und Rot für sinkende Kurse stehen, ist es im Reich der Mitte genau umgekehrt. Rot ist in China die Farbe des Glücks, doch das hat die Kleinaktionäre im neuen Jahr bisher verlassen. Der Leitindex in Shanghai gab am Montag erneut um 5,3 Prozent nach. Der Jahresverlust beläuft sich bereits auf 14,8 Prozent.

Für eine Kleinaktionärin, die in den hinteren Sitzreihen mit ihren Freundinnen Platz genommen hat und die Entwicklung von Aktien laut kommentiert, ist das kein Wunder. Die Kurse seien zu hoch gewesen, weshalb es bis zum chinesischen Neujahr, das in diesem Jahr auf den 8. Februar fällt, nicht besser werde, lautet das fachmännische Urteil der Frau in den Fünfzigern, die seit zwei Jahrzehnten an der Börse investiert. Am Dienstag werde es noch schlechter, prophezeit sie. Vor allem die Titel von Banken kämen unter die Räder, sagt sie, einen Blick in die Kristallkugel wagend. Nach dem Neujahrsfest gehe es jedoch wieder aufwärts, ist sie sich sicher, denn im Winter werde gesät und im Sommer geerntet.

Daten statt Bauchgefühl

Ihre Entscheidungen treffe sie auf Basis von Daten, ohne zu spezifizieren, was sie damit meint. Sie erweckt aufgrund ihres Temperaments eher den Eindruck, dass ihr Bauchgefühl ausschlaggebend ist. Auch sie hat Favoriten unter Chinas Aktien. Sie setzt auf Unternehmen der Konsumgüter-, Militär- und Technologiebranchen. Natürlich habe sie an der Börse bereits viel verdient, sagt sie im Brustton der Überzeugung. Einen Betrag will sie nicht nennen. Über die vergangene Börsenwoche verliert sie kein Wort. Chinas Glücksspieler genießen und schweigen.

Chinas Börsenplatz hat mehr mit einem Kasino als mit der Wall Street gemein.
Credits: REUTERS/China Daily

Die schwache Börse schlägt sich auch in den Besucherzahlen in Pekings Außenstelle der Börsen von Shanghai und Shenzhen nieder. Wenn es gut laufe, seien erheblich mehr Kleinaktionäre da und versuchten ihr Glück, sagt der auf Aktien von Rohstoffunternehmen setzende Rentner. Er steht repräsentativ für den Rest der Besucher an diesem Nachmittag. Die Mehrzahl sind Senioren und Hausfrauen, die in Gruppen zusammensitzen, Kursentwicklungen kommentieren oder sich über den „circuit breaker“ austauschen – den automatischen Stoppmechanismus, durch den der Aktienhandel in der vergangenen Woche zweimal ausgesetzt worden ist. Ein Kleinaktionär macht ein Nickerchen, Investieren ermüdet offenbar; ein paar Frauen häkeln und schauen immer wieder kurz auf, um die Entwicklung auf den Leinwänden zu verfolgen.

Maos Albtraum

Mit ihrer Kleidung kämen Chinas Kleinaktionäre in kein Kasino der Welt. Viele Frauen tragen Jogginghosen und -schuhe, vor ihnen steht die obligate Thermoskanne. Einige Rentner tragen eine Mao-Mütze und stehen symbolisch für die Zeit vor vier Jahrzehnten, als China wirtschaftlich am Boden lag. Kostete die katastrophale Wirtschaftspolitik des bis 1976 herrschenden Mao Zedong mit dem „Großen Sprung“ und der Kulturrevolution Millionen von Chinesen das Leben, weil sie verhungerten, streben die Erben des Gründers der Volksrepublik nun nach kommerziellem Glück – eigentlich müsste sich Mao in seinem Glassarg auf dem Tiananmen täglich umdrehen.

Als sich kurz vor 15 Uhr Pekinger Ortszeit der Handelsschluss nähert, packen die ersten Besucher ihre Habseligkeiten zusammen. Die schlechte Börsenentwicklung haben sie abgehakt. Pünktlich um 15 Uhr werden die Leinwände ab- und das Licht im Saal ausgeschaltet – rien ne va plus. Morgen heißt es dann wieder: neues Spiel, neues Glück.