Jason Alden / Bloomberg

Smarte Städte

Die nachhaltige Stadt lässt auf sich warten

von Giorgio V. Müller / 15.09.2016

Administrative und politische Hindernisse sowie zaghafte Unternehmen und Investoren bremsen die Errichtung von intelligenten städtischen Zentren.

In der Finanzwelt haben die unter dem Label grüne oder nachhaltige Investments getätigten Anlagen den Durchbruch geschafft. Sie sind beliebt und werden vor allem von institutionellen Investoren gekauft. Wenn es jedoch um Investitionen in die künftige Entwicklung von Städten geht, die haushälterisch mit natürlichen Ressourcen umgehen und die Lebensqualität ihrer Bürger verbessern, harzt es offenbar mit der Risikofreude. Das erstaunt, denn derzeit herrscht allgemeine Begeisterung für alles, was mit dem Adjektiv „smart“ in Verbindung gebracht werden kann, vom Smartphone über Smart Energy bis zur Smart City.

Langer Atem nötig

Der deutsche Wissenschafter Alanus von Radecki kennt die Hindernisse, die es zu überwinden gilt, um ein Langfristprojekt wie zum Beispiel Morgenstadt: City Insights zu realisieren. Entstanden ist die Initiative 2009 aus der Hightech-Strategie 2020 der deutschen Regierung, die zehn Leitthemen definierte mit der Energiewende als dem prominentesten. Ein anderes war die CO₂-neutrale Stadt. Daraus entstand ein von Radecki geleitetes Innovationsnetzwerk von 11 Firmen (darunter die Schweizer Malik), 10 Städten und 11 Fraunhofer-Instituten. Die teilnehmenden Firmen zahlen einen Mitgliederbeitrag. Weitere Geldmittel kommen aus dem EU-Förderprogramm Horizon 2020.

In einer ersten Phase (2012/13) wurden anhand erfolgreicher Beispiele im Ausland Analysemodelle entwickelt, die ab 2014 in 30 konkrete Pilotprojekte mündeten. Man erarbeitete sogenannte Mobilitätshubs, die öffentlichen Verkehr, Velo- und Autovermietung, Logistik sowie neue örtliche Dienstleistungen (temporäre Büros, Veranstaltungen) kombinieren. Auch Konzepte mit dezentralen Energiesystemen innerhalb einer Stadt sind schon recht ausgereift. Und das Projekt Morgenstadt fand Eingang in vier von sieben EU-finanzierten Leuchtturmprojekten.

In der nun anlaufenden Phase der Skalierung und Marktfähigkeit wären zusätzliche Mittel nötig. Bei grossen Banken stossen die Ideen aber auf wenig Begeisterung. Die Geldhäuser seien in ihrer Entscheidungsfindung oft schwerfällig und sähen die Chancen nicht, meint von Radecki. Mehr Verständnis findet er bei kleineren Fintech-Unternehmen, auch Crowdfunding-Plattformen würden genutzt, um an Kapital zu kommen. Doch auch bei Firmen stosse er immer wieder auf Widerstand.

Solche Projekte brauchten einen langen Atem, manchmal verstrichen Jahre ohne einen Mehrertrag. Für die meisten Unternehmen sei dies zu lang. Typisch für solche Smart-City-Projekte seien grosse Anfangsinvestitionen und geringe Betriebskosten am Ende des Investitionszyklus. Bei deutschen Firmen wie Bosch und SAP spüre er den Willen, bei anderen wie den US-Konzernen Cisco und IBM vermisse er eine langfristige Ausrichtung.

Bremsklotz Verwaltung

Weil bei der Stadtentwicklung stets die Kommunen involviert sind, hängt der Erfolg innovativer Projekte zu einem grossen Teil vom Wohlwollen der Verwaltung ab. Die administrativen Hürden seien ein grosses Hindernis, sagt von Radecki, weil Verwaltungen nach thematischen Silos strukturiert seien, moderne Stadtentwicklung jedoch interdisziplinäres Denken und Kooperation aller Beteiligten erfordere. Zudem fehle ein spezifischer Ansprechpartner, ein Smart-City-Verantwortlicher, der sachlich und frei von politischen Zwängen entscheiden könne. Als leuchtende Beispiele nennt er in Sachen Elektromobilität die norwegische Hauptstadt Oslo. Im nachhaltigen Bauen befinde sich dank strengen Standards die schwedische Metropole Stockholm an der Spitze. Was die Digitalisierung angeht, seien Amsterdam und London führend. Dank aggregierten Daten könnten diese Städte die öffentlichen Dienste nicht nur besser steuern, sondern auch die Qualität bewerten, was auch die Auslagerung von Verrichtungen an Dritte erleichtere.

Dubai will Vorzeigebeispiel sein

Um einiges einfacher ist es in den Vereinigten Arabischen Emiraten, eine nachhaltige Stadt zu bauen. Pünktlich auf die nächste Weltausstellung 2020 will Dubai die nachhaltigste Stadt der Welt sein. Eine erste Retortenstadt (The Sustainable City) für knapp 3000 Bewohner stehe kurz vor der Vollendung, erklärt Karim El-Jisr, ein Vertreter des Entwicklers Diamond Developers. Die Stadt konnte quasi „auf der grünen Wiese“, in diesem Fall auf unbewohntem Wüstenboden, errichtet werden. Schon zwei Jahre nach Baubeginn zogen die ersten Bewohner ein. Ob ihr mehr Erfolg als der ehemaligen Vorzeigestadt Masdar City – die zur ersten grünen Geisterstadt mutiert – im benachbarten Abu Dhabi beschieden ist, wird sich weisen. Angesichts eines fast dreimal so hohen CO₂-Ausstosses pro Einwohner wie in der Schweiz haben die Dubaier noch viel Verbesserungspotenzial.