Die Nationalbank düpiert den Devisenmarkt

von Christof Leisinger / 16.01.2015

Die Explosion des Frankenkurses sorgt für den Absturz des Schweizer Aktienmarktes um 8,7 Prozent, berichtet NZZ-Redakteur Christof Leisinger.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am Donnerstag für eine Überraschung gesorgt. Ihre Entscheidung, den Leitzins noch weiter ins negative Terrain zu verschieben und die vor gut drei Jahren eingeführte Kurs-Untergrenze von 1,20 Franken je Euro nicht weiter zu verteidigen, hat den Schweizer Franken zeitweise um bis zu 30 Prozent erstarken lassen. Zugleich ist der Schweizer Aktienmarkt gemessen am SMI um bis zu 14 Prozent abgestürzt.

Der Franken legt stark zu

Im Tagestief waren im Devisenhandel am Vormittag gerade noch 0,8517 Franken nötig, um einen Euro zu erwerben. Der Dollar kostete zu diesem Zeitpunkt 0,7406 Franken. Beide Währungen haben sich danach etwas von den schockartigen Kurseinbußen erholt, allerdings waren sie am Abend immer noch deutlich schwächer als am Vortag. So mussten Anleger 1,043 Franken für eine Einheit der europäischen Gemeinschaftswährung zahlen und 0,8990 Franken für einen Dollar. Das entsprach Tages-Kursverlusten von gut 13 und von knapp zwölf Prozent.

Während die Schweizer Währung gegen andere Devisen wie den polnischen Zloty, den rumänischen Leu, die tschechische Krone oder auch die türkische Lira sogar um 15 bis 17 Prozent zulegte, ist es an der Schweizer Börse zu enormen Kursverlusten gekommen. Der Swiss-Market-Index (SMI) ist nach einem Tagestief von gut 14 Prozent am Mittag schließlich mit einem Verlust von 8,7 Prozent beziehungsweise von knapp 800 Punkten mit 8.401 Zählern aus dem Handel gegangen. Bis auf die Aktien der Swisscom verbuchten die Index-Mitglieder bei hohen Kursschwankungen rote Performancezahlen.

Während sich die Volatilität der Kursentwicklung zwischen dem Euro und dem Franken für eine „am Geld“ liegende Option bei einer Laufzeit von einem Monat auf über 20 Prozent vervierfacht und den höchsten Stand seit mindestens 16 Jahren erreicht hat, ist der VSMI als Maß für die Kursschwankungen der SMI-Aktien von unter 20 auf bis zu 34 Prozent gestiegen.

Die stärksten Kurseinbußen von 15,5 und 16,4 Prozent mussten die Papiere der beiden Luxusgüterhersteller Richemont und Swatch hinnehmen. Unternehmer und Anleger fürchten, die operative Entwicklung der beiden stark vom Export ihrer Produkte abhängenden Unternehmen könnte durch den starken Franken beeinträchtigt werden. Die Dramatik mag dazu beigetragen haben, dass auch die Aktien von Actelion, UBS, Julius Bär, Credit Suisse, Holcim und Givaudan mit Verlusten von mehr als zehn Prozent aus dem Handel gingen. Die Notierungen der Index-Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis verloren sechs bis 8,5 Prozent.

Exportbranche in Sorge

Längst sind Analytiker damit beschäftigt, die Gewinnschätzungen der in der Schweiz ansässigen, aber vor allem international tätigen Firmen zu überprüfen und gegebenenfalls herunterzuschrauben. Dabei spielt der Dollar mit einem Anteil von etwa 60 Prozent an den Ausland-Erlösen eine größere Rolle als der Euro mit rund 40 Prozent. Die Kursverluste des Tages seien gerechtfertigt, wenn sich die Wechselkurse auf dem neuen Niveau stabilisierten, heißt es.

Kommt der „EZB-Schocker“?

Neben der Schweizer Börse mussten auch die Märkte in Osteuropa beachtliche Kursverluste hinnehmen. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Unternehmen und Privatpersonen aus diesen Regionen in der Vergangenheit Kredite in Franken aufgenommen hatten, die nun aufgrund der Wechselkursentwicklung deutlich teurer geworden sind.

Dagegen haben die Börsen im Euro-Raum zugelegt und dabei zum Teil sogar Rekordstände erreicht. Sie profitierten von der Erwartung, die Europäische Zentralbank (EZB) werde die Märkte mit der Ausgestaltung des schon länger angekündigten Wertpapierkauf-Programms ebenso „schockieren“ wie die SNB mit der abrupten Wende in ihrer Wechselkurspolitik.