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Geldpolitik

Die Negativzinsen schleichen sich in die reale Welt

von Lukas Sustala / 16.08.2016

Je länger die Zinsen so niedrig bleiben, desto mehr bekommen sie auch Menschen zu spüren, die nicht von Berufs wegen mit Geld zu tun haben. Was die niedrigen Zinsen für österreichische Sparer und den Staat bringen.

Die Raiffeisenbank im bayerischen Gmund
Credits: Keystone/Kneffel

In bayerischen Gmund am Tegernsee ist die Welt noch in Ordnung, könnte man meinen. Doch was die ortsansässige Raiffeisenbank jüngst beschlossen hat, ist Symptom einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Bank hat als erstes deutsches Institut Negativzinsen für Privatkunden beschlossen. Vorerst nur für Sparvermögen von mehr als 100.000 Euro, doch der Schritt könnte Vorbildwirkung entfalten.

„Wenn man keine Anreize schafft, etwas zu verändern, verändert sich auch nichts“, hat der Vorstand der Raiffeisenbank die Maßnahme begründet. Diesem Stehsatz aus der Wirtschaftswelt wird man schnell zustimmen. Was aber ist damit gemeint?

Raus aus den Bankeinlagen

Eine Bank wie die bayerische Raiffeisenbank muss das Geld ihrer Kunden veranlagen oder in Form von Krediten in die Wirtschaft bringen. Wenn nun die Kreditnachfrage nicht sonderlich hoch ist, wird mehr veranlagt. Doch die Zinsen sind für wesentliche Wertpapierkategorien schon längst im negativen Terrain. Also wird das Einlagengeschäft für die Banken zum Verlustbringer. Also gibt es zwei Wege, das zu ändern: wie die Raiffeisenbank in Bayern die Negativzinsen von bis zu 0,4 Prozent an die Sparer weitergeben – das entspricht auch dem Negativzins, den Geschäftsbanken bei der EZB für das Geldhorten zahlen müssen – oder den Sparern Wertpapiere wie Fonds, Aktien oder Anleihen verkaufen. Damit ist die Bank das Veranlagungsrisiko los und verdient nur an den Provisionen.

Für die österreichischen Sparer wäre das ein massives „Umlernen“. Hierzulande sind risikoarme Sparformen nach wie vor hoch im Kurs und gelten als sicher. 108 Milliarden Euro liegen auf täglich fälligen Sparbüchern, 33,5 Milliarden Euro mehr als noch 2012, zeigen Daten der Nationalbank. Die Banken werden hier in den nächsten Monaten wohl viel versuchen, um die Sparer zum Umschichten zu bewegen, ob das nun direkt über das Weitergeben von Negativzinsen für Großsparer funktioniert, höhere Gebühren an anderer Stelle oder eine Begrenzung der Möglichkeit, das Geld zu bunkern, ist offen.

Dass die Veranlagungssituation für Banken so prekär ist, liegt nicht zuletzt daran, dass die Zentralbanken längst in großem Stil Anleihen aufkaufen. Am 16. August etwa wird die Bank of England wieder versuchen, lang laufende Staatsanleihen zu kaufen. Vergangene Woche hat sie nicht genügend Wertpapiere ergattern können, weil die Investoren sich beim Verkauf zurückgehalten haben. Wann immer viel Geld auf der Suche nach Veranlagung ist, steigen die Preise und fallen die Renditen.

In Österreich etwa kauft die Oesterreichische Nationalbank im Rahmen des europäischen Ankaufprogramms knapp 1,8 Milliarden Euro an Anleihen pro Monat auf. Bereits 24 Milliarden Euro an österreichischen Anleihen sind so auf der Bilanz der Zentralbank gelandet. Wie viel das ist, lässt sich schon daran ablesen, dass die österreichische Schuldenagentur des Bundes, die OeBFA, plant, dieses Jahr 20 bis 22 Milliarden Euro über die Ausgabe neuer Staatsanleihen aufzunehmen. Die Zentralbank finanziert also den Staat für ein Jahr durch.

Chronisch niedrige Zinsen als Gefahr

Die Gefahr ist freilich, dass sich das Problem der niedrigen Zinsen und des niedrigen Wachstums zu einem chronischen Zustand ausweiten – was wiederum die Banken in Zentraleuropa unter Druck bringt. Martin Hellmich, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management, bringt die Gefahr auf den Punkt: „Wenn die Zinsen negativ sind, bringt das das deutsche Modell unter enormen Druck.“ Das „deutsche Modell“ der kleinen Sparkassen und Raiffeisenbanken, der großen Durchdringung des Geldwesens durch die Banken und des eher kleinen Kapitalmarktes ist auch das österreichische Modell.

Dass es so kommen könnte, darauf deuten die langfristigen Staatsanleihenzinsen schon länger hin. Und auch die Europäische Zentralbank spricht schon seit längerem davon, dass die Zinsen für einen „längeren Zeitraum“ so niedrig bleiben werden. Wer heute etwa dem Staat Österreich für 20 Jahre Geld leiht, erhält pro Jahr bereits weniger als 0,5 Prozent Rendite. Bei einer Inflationsrate, die nahe am Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank liegt, bedeutet das auf Sicht von 20 Jahren einen realen Kapitalverlust von 25 Prozent mit diesem Papier. Auch auf anderen Finanzmärkten bringt die lockere Geldpolitik die Gefahr von künftigen Verlusten mit sich. Die Gefahr von „Finanzmarktblasen“, also Übertreibung, wird von Analysten auf einigen Aktienmärkten genauso gesehen wie auf Immobilien- und natürlich den Anleihenmärkten.

Dabei bringen die extrem niedrigen Zinsen auch Vorteile, etwa für Schuldner. Mit den nötigen Sicherheiten lassen sich aktuell Immobilien so günstig wie nie finanzieren. Und die Republik hat mit dem Schuldenmachen immerhin schon 65 Millionen Euro „verdient“. Die Welt ist also für einige wenige noch in Ordnung.


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