December 15, 2011. REUTERS/Asmaa Waguih

Die Ökonomie des Terrorismus

von Thomas Fuster / 17.11.2015

Ist Terrorismus eine Folge von wirtschaftlicher Armut und fehlender Bildung? Nein, zeigen sich die Teilnehmer eines Wirtschaftsforums in Zürich überzeugt.

Weltweit häufen sich kriegerische und terroristische Akte. Bei deren Analyse dominieren meist geopolitische, kulturelle oder religiöse Erklärungsversuche. Das UBS International Center of Economics in Society hat nun am Montag an einem Forum in Zürich für einmal die „Ökonomie von Krieg und Frieden“ in den Mittelpunkt gerückt. Der Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei betonte dabei die Notwendigkeit sozioökonomischer Perspektiven auch für junge Leute in Afrika oder Nahost. Die Förderung wirtschaftlicher Entwicklung sei zentral für die Sicherung von Frieden. Der frühere ägyptische Vizepräsident geißelte den Umstand, dass nur fünf Länder dem bereits in den 1970er Jahren verabschiedeten Ziel nachkämen, mindestens 0,7 Prozent des Bruttovolkseinkommens für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben.

Doch taugt das Narrativ, wonach wirtschaftliche Unterentwicklung und fehlender Zugang zur Bildung ein Nährboden sind für kriegerische Konflikte, auch für Extremismus und Terrorismus? François Heisbourg, Vorsitzender des in London ansässigen International Institute for Strategic Studies (IISS), ist skeptisch. Terrorismus sei keine Folge von Armut, Hunger oder fehlender Bildung; dies zeigten die zum Teil sehr wohlhabenden und gut ausgebildeten Dschihadisten aus Saudi-Arabien. Da Armut und Terrorismus nicht korreliert seien, sei ein bloßes Ankurbeln der Entwicklungshilfe kein wirksames Mittel gegen Extremismus. Dieser Einschätzung pflichtete Ethan Bueno de Mesquita von der Universität Chicago bei. Er verwies auf Studien zum Palästinakonflikt, die zeigten, dass Selbstmordattentäter über einen höheren Bildungsgrad und ein besseres Einkommen verfügten als die Durchschnittsbevölkerung.

Extremismus mit einem Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven zu erklären, greift somit zu kurz. Und wie sieht es mit den wirtschaftlichen Folgen aus? Laut Tim Harford, Ökonom und Kolumnist der Financial Times, gibt es bis heute keine empirische Evidenz, dass terroristische Attacken langfristig in der Lage sind, die Wirtschaft entwickelter Länder in hohem Maß zu schwächen. Ohnehin würden die Gefahren und Kosten des Terrorismus in der öffentlichen Wahrnehmung oft überschätzt. Richte man den Blick auf gewaltsame Tode in den USA, sei die Gefahr, durch einen Verkehrsunfall (Wahrscheinlichkeit 1:9.000) oder durch Mord (1:20.000) ums Leben zu kommen, um Dimensionen größer, als Opfer eines terroristischen Anschlags (1:10.000.000) zu werden. Die Terrorgefahr sei in den USA und Europa etwa vergleichbar mit dem Risiko, durch einen Blitz getroffen zu werden – also extrem klein.

Wenn Terrorattacken wenig geeignet sind, ein Industrieland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, welche Ziele dominieren dann bei den Terroristen? Am Forum herrschte breiter Konsens darüber, dass die Motive vor allem psychologischer Art sein dürften. Es gehe darum, Angst zu verbreiten und den Gegner zu unüberlegten Reaktionen zu provozieren, sagte Heisbourg. Ziel sei es, den Gegner zu Irrationalität zu verleiten, indem man dafür sorge, dass Emotionen an die Stelle der Vernunft träten. Wenn man in diese Falle trete und sich in seinen Reaktionen emotional leiten lasse, so die Warnung Heisbourgs, sei aber die Wahrscheinlichkeit, mehr Schaden als Nutzen anzurichten, sehr groß, etwa indem man sich noch tiefer in den Nahostkonflikt hereinziehen lasse. Auch Harford plädierte für Zurückhaltung: Politiker wollten, anders als Ärzte, zwar immer sofort handeln. Oft sei es aber besser, sich wie ein Arzt vom Eid des Hippokrates und von dessen Gebot, zumindest keinen Schaden anzurichten, leiten zu lassen.