Die OPEC ist noch lange nicht am Ziel

von Gerald Hosp / 03.06.2015

Diese Woche berät das Erdölkartell OPEC über die Höhe der Fördermenge. Eine Drosselung ist unwahrscheinlich, der Kampf um Marktanteile geht wohl weiter, berichtet NZZ-Wirtschaftskorrespondent Gerald Hosp aus London.

Es muss alles so bleiben, damit es sich verändert. Nach diesem Motto hatte sich im November die Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) dazu entschieden, nichts zu tun. Es war zu keiner Senkung des Förderplafonds gekommen, was jedoch zu Turbulenzen am Ölmarkt führte. Auch für das nächste OPEC-Treffen am Freitag in Wien erwarten viele Beobachter, dass die Organisation die Hände in den Schoß legt (legen muss) und keine Änderung an der Fördermenge vornehmen wird.

Marktkräfte am Werk

Der OPEC-Entscheid im November ließ den bereits taumelnden Ölpreis weiter abstürzen. Die Notiz für die Nordsee-Ölsorte Brent fiel von 115 Dollar je Fass im Juni vergangenen Jahres auf rund 46 Dollar im Januar. Seitdem erholte er sich wieder und liegt derzeit bei 65 Dollar. Der Preis für die US-Sorte WTI steht bei gut 60 Dollar.

Aber nicht nur der Preis, sondern auch die Marktstruktur veränderte sich. Zuvor war die von Saudi-Arabien dominierte Organisation als ausgleichender Faktor betrachtet worden. Vor allem das Königreich beeinflusste in der „Alten“ Welt durch die Drosselung oder Erhöhung der Förderung den Ölpreis. Mit dem Aufkommen der amerikanischen Schieferöl-Produktion wurde dieses Arrangement aus der Bahn geworfen: Das weltweit starke Angebotswachstum der vergangenen Jahre stammte überwiegend aus Feldern in Texas und North Dakota.

Nach dem Preiszerfall wurde erwartet, dass die OPEC die Förderung drosseln würde, um das Heft wieder in die Hand zu nehmen. Es setzten sich jedoch die Marktkräfte durch, die OPEC tritt derzeit als Preisnehmer auf. Die Schieferöl-Unternehmen, die zu höheren Kosten als viele OPEC-Förderer produzieren, sind in die Rolle gedrängt worden, mit ihrem Verhalten Preisbewegungen hervorzurufen. Anders als bei der OPEC entscheiden aber nicht Staatsgremien, sondern Hunderte von Firmen unabhängig über die Fördermenge.

Vor allem Saudi-Arabien wollte nicht mehr die Kosten der Ausbalancierung des Marktes tragen, während die US-Produzenten und andere Nicht-OPEC-Staaten davon profitieren würden. Die Verteidigung des Marktanteils trat in den Fokus. In der vergangenen Zeit steigerte die OPEC, besonders Saudi-Arabien und der Irak, gar die Förderung. Im Mai soll sie 31,06 Mio. Fass täglich betragen haben, die offizielle Förder-Obergrenze liegt bei 30 Mio. Fass. Mit der Politikänderung kam auch die Frage auf, ob die OPEC ihre Macht verloren habe. Zum einen ist aber die Darstellung der Rolle der Organisation ohnehin überzeichnet. Auch in der Vergangenheit passte sich die OPEC häufig den Veränderungen am Ölmarkt an – und nicht umgekehrt. Zum anderen sollten gerade mit der Politik der offenen Schleusen die US-Förderer verdrängt werden.

Spekulation über Erhöhung

Der saudische Ölminister Ali al-Naimi sagte bereits im Vorfeld des OPEC-Treffens, dass die Strategie funktioniere. Die US-Firmen sind jedoch zäher als gedacht, weil sie produktiver wurden, gegen einen Preiszerfall vorgesorgt hatten und die Finanzierung oft noch gesichert ist. Zudem können sie schneller als konventionelle Ölförderer wieder die Produktion aufnehmen. Der Anstieg des Ölpreises der vergangenen Zeit wird auf alle Fälle mehr auf eine unerwartet starke Nachfrage als auf eine Angebotsreaktion zurückgeführt.

Die Unsicherheit am Markt ist weiterhin groß, was auch die Bandbreite von Preisprognosen zeigt: So spricht die Investmentbank Goldman Sachs von einem Preis von 50 $ bis 60 $ im nächsten Jahr, die Beratungsfirma Energy Aspects von 87 $ bis 91 $. Auch wenn die OPEC-Länder den Gürtel enger schnallen müssen, ist Saudi-Arabien offenbar dazu entschlossen, den Weg des Nichtstuns weiterzuverfolgen. Es kam aber auch die Diskussion auf, ob die OPEC vielleicht die offizielle Förderobergrenze auf 30,5 Mio. oder 31 Mio. Fass pro Tag erhöht. Dadurch würde der Anschein erweckt, die Organisation habe alles im Griff, auch wenn nur die offizielle Fördermenge mehr mit der tatsächlichen in Einklang käme. Es wäre aber nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die OPEC ihre Marktanteile verteidigt.