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Analyse

Die Pechvögel im österreichischen Pensionscasino

von Lukas Sustala / 29.02.2016

Das österreichische Pensionssystem basiert auf dem Versicherungsprinzip. Beiträge werden geleistet, im Versicherungsfall die Leistungen bezogen. Doch im System steckt ein Webfehler, den es auch durch jahrzehntelange Reformversuche nicht losgeworden ist. Das Pensionssystem bleibt ein Glücksspiel.

Es hat nichts im Sozialstaat verloren. Wo Recht und Ordnung gelten, sollte es eine Nebenrolle spielen. Und wenn es um die Existenzgrundlage von Menschen geht, dürfte es gar nicht relevant sein: Das Glück ist in der Politik verpönt. Noch dazu, wenn es um die finanzielle Sicherheit im Alter geht. Gerechtigkeit, Solidarität und Leistung werden hingegen rhetorisch hochgehalten.

Doch das Glück ist bekanntlich ein Vogerl und hat sich im österreichischen Pensionssystem eingenistet. Glück, nicht Leistung, sorgt für teilweise astronomische Luxuspensionen, wirklich frühe Frühpensionen mit geringen Abschlägen, und macht den Zeitpunkt des Pensionsantritts zu einem „6 aus 65“-Lotto.

100.000 Euro haben oder nicht haben

Eine aktuelle Studie der EcoAustria hat gezeigt, dass das Glück der frühen Geburt im österreichischen Pensionssystem echtes Geld wert ist. „Das Prinzip Zufall im österreichischen Pensionssystem sorgt für Lotto-Sechser, die man einstreifen kann“, sagt der Ökonom Ulrich Schuh. Seine Studie hat gezeigt: Wer nach 1972 geboren wurde, bekommt die Pensionsreformen der Vergangenheit voll zu spüren. Weil diese aber immer mit langen Einschleifregelungen versehen werden, profitieren noch viele Österreicher von großzügigen Regelungen der Vergangenheit. Die folgenden Generationen werden dafür umso härter getroffen.

Die Unterschiede sind für den Einzelnen groß. Laut Berechnungen von Ulrich Schuh kann der Unterschied schnell einmal 100.000 Euro ausmachen. So viel wird einzelnen Pensionsbeziehern aus dem Steuertopf, über den Bundeszuschuss, mehr zugeschossen als anderen. Das ist zwar noch kein Solo-Sechser, aber zumindest ein Lotto-Sechser, den man sich mit ein paar anderen teilen muss.

Es ist zu einer erheblichen Umverteilung zwischen den Geburtsjahrgängen gekommen, so der Ökonom Schuh: „Aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage werden bei den Männern insbesondere die Geburtsjahrgänge zwischen 1975 und 1985 und bei den Frauen die Jahrgänge 1972 bis 1985 die Hauptlast der Pensionsreformen der vergangenen Jahre zu tragen haben.“

Die Deckungslücke beim Beitragskapital für typische PensionsfälleIn der folgenden Grafik sind das ein Mann mit einem durchschnittlichen Einkommen, der mit 65 Jahren in Alterspension geht, und eine statistisch durchschnittliche Frau, die mit 62 Jahren in Pension geht. ist dabei stark vom Altersjahrgang abhängig. Wer 1955 geboren ist, bekommt durch die alte Rechtslage deutlich mehr aus Steuermitteln zugeschossen als jemand, der 1985 geboren wurde.

Ein Pensionssystem? Viele!

Das wesentliche Argument der Gegner eines kapitalgedeckten Pensionssystems ist bekannt. Die Aktien- und Anleihenmärkte sind höchst unsicher, und man weiß ja nie, was man als Pension herausbekommt. Noch dazu dürfe nicht das Glück oder das Pech der aktuellen Kapitalmarktlage darüber entscheiden, ob man mit 2.000 Euro monatlich oder nur noch 1.000 Euro monatlich in Pension geht. In Österreich aber entscheidet nicht die Kapitalmarktlage darüber, sondern die Sozialrechtslage. Und die führt wie die Studie der EcoAustria zeigt ähnlich wie ein schwankungsanfälliger Aktienmarkt zu „Windfall-Profits“, also Gewinnen aus den glücklichen Umständen.

Auch die vielfach berichteten „Luxuspensionen“ im österreichischen Sozialstaatsbiotop gibt es zu bewundern. 30.000 Euro Bruttopension sind dabei fast völlig losgelöst von den effektiven Beiträgen, die jemand geleistet hat.

Dabei muss man diese gar nicht im Blick haben, um zu erkennen, dass es eher wie in einer Lotterie zugeht. Denn auch ansonsten gilt im österreichischen Pensionssystem: Nicht alle Euros sind gleich.

Auch der Unterschied zwischen den ASVG- und den Beamtenpensionen ist schon beachtlich. Ob ein Euro 1,33 Euro Pensionsanspruch bringt oder 1,94, ist mit Sicht auf die „Rendite“ auf das eingezahlte Kapital eine Verdreifachung. Ob man also als Beamter oder als Angestellter ins österreichische Pensionssystem eingezahlt hat, macht in etwa denselben Unterschied, ob man sein Geld bei einem erfolgreichen Hedgefondsmanager angelegt hat oder in einem langweiligen Anleihenportfolio – mit dem wesentlichen Unterschied, dass künftige Beitragszahler diese „Rendite“ erwirtschaften müssen.

Die vollständige Harmonisierung der vielen Pensionssysteme, vom ASVG über die Beamten bis zu den Bauern oder Sonderpensionssysteme wie bei der OeNB, wird übrigens noch dauern. Und es wäre nicht Österreich, wenn es nicht noch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern gebe.

Rien ne va plus? Von wegen

Ein kapitalgedecktes Pensionssystem wird in Österreich als ungerecht empfunden und weitgehend abgelehnt. Das Glück oder Pech hoher oder niedriger Aktienkurse sollte nichts an der finanziellen Sicherheit im Alter ändern, lautet das Argument. Doch das österreichische Pensionssystem kennt sie trotzdem, die Pechvögel und Glückspilze.

Politisch jedenfalls gibt es in dieser Regierung kein Bestreben, fundamental am Pensionssystem und seiner Verteilungswirkung etwas zu ändern. Eine schnellere Harmonisierung der vielen Ausnahmen noch vor 2030 oder 2040 dürfte auch beim heutigen Pensionsgipfel nicht auf der Agenda stehen. Stattdessen gibt es nur ein Thema: die Finanzierung. Dabei sind die Kürzungen nach dem Prinzip Rasenmäher vieles, gerecht aber wohl kaum. Glück und Pech ließen sich nur mit einer fundamentalen Reform aus dem System bekommen.