EPA/TATYANA ZENKOVICH

Randnotiz

Die Perversion der Negativzinsen

von Lukas Sustala / 14.01.2016

Die Weltwirtschaft kann das Wunderland der Negativzinsen, also Renditen unter der Nulllinie, nicht wirklich verlassen. Auch die kleine Zinserhöhung der US-Notenbank hat daran in Europa wenig geändert. Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte mit Geld, die Zinsen sind für deutsche Staatsanleihen mit Laufzeiten bis fünf Jahre negativ, für italienische immerhin mit Laufzeiten bis zwei Jahre. Wer Schulden macht, bekommt auch noch Geld.

Und diese Geldflut sorgt für gar seltsame Blüten. Schweizer Finanzbehörden wollen das Steuergeld ihrer Bürger lieber später als gleich, denn auf Bankguthaben sind nach den geldpolitischen Entscheidungen der Schweizerischen Nationalbank Strafzinsen fällig. Dafür wurde das Skonto für die braven, frühen Steuerzahler gestrichen. „Der Kanton hat ein Interesse daran, die Gelder so spät wie möglich zu erhalten“, sagte Peter Hegglin, Finanzdirektor im Steuerparadies Zug.

Ähnlich verhält es sich mit den Klagen von Konsumentenschützern, dass Kreditnehmer auch in Österreich – wie etwa bereits in Dänemark – in den Genuss von Negativzinsen kommen, für einen Kredit also noch Geld von der Bank erhalten.

Ganz grundlegende Regeln der finanziellen Disziplin werden damit ad absurdum geführt. Wenn die verkommene Zahlungsmoral volkswirtschaftlich plötzlich erwünscht ist und der Kreditnehmer von seiner Bank fürs Schuldenmachen bezahlt wird, verschieben sich wichtige Leitplanken des wirtschaftlichen Miteinander.

Die Situation verdient genau einen Begriff: pervers. Denn die Lage ist total verdreht. Je länger sie das ist, desto stärker werden wohl die langfristigen Folgen sein. Wer durch Negativzinsen jahrelang von der Zahlungsmoral und der Sparsamkeit entwöhnt wird, hält das Abnormale irgendwann für Alltag.


Mehr zum Thema:

Die Welt steht kopf: Im Wirtschaftswunderland der Negativzinsen
„Draghi hat einfach zu viel versprochen“
Wie die aktivistische EZB die Sparer voll trifft