Illustration Sébastien Thibault

Geldanlage

Die Renditesuche ist ein Balanceakt

von Michael Schäfer / 18.04.2016

Der Wegfall der Rendite in weiten Teilen des Anleihebereichs ist für alle Anleger eine große Herausforderung. Investoren und Banken versuchen alle Register zu ziehen.

Das geflügelte Wort, dass es keine risikolosen Renditen mehr gebe, stattdessen aber renditelose Risiken, gilt nun schon seit einigen Jahren. Der durch das Niedrigzinsumfeld bedingte Anlagenotstand der Pensionskassen ist in aller Munde, was mehr als gerechtfertigt ist, denn die Folgen sind in ihrer Tragweite kaum zu überschätzen. Oft wird dabei aber vergessen, dass Privatanleger mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Denn die große Mehrheit von ihnen bevorzugt Anlagestrategien, die mit einem eher geringen Risiko einhergehen. Ähnlich wie bei den meisten institutionellen Anlegern finden sich in ihren Portfolios weit mehr Anleihen als Aktien.

Zwar haben die Prognostiker vieler Banken in den vergangenen Jahren bereits etliche Male eine Zinswende ausgerufen, bewahrheitet haben sich die Vorhersagen bisher jedoch nicht. Im Gegenteil: Im Trend sind die Anleiherenditen weiter gesunken. In der Konsequenz ist von einem gewichtigen Teil der Portfolios künftig immer weniger zu erwarten.

Vor allem für Privatanleger, die Anleihen in der Regel bis zur Fälligkeit halten, wird mit jeder auslaufenden Obligation die Frage drängender und kniffliger, wie der zurückbezahlte Betrag investiert werden soll. Dies umso mehr, wenn die Prognostiker mit ihren gegenwärtigen Einschätzungen recht behalten sollten. Heute gehen die Erwartungen nämlich unisono in die Richtung, dass sich am Tiefzinsumfeld noch längere Zeit nichts ändern wird. Viele Banken rechnen mit einem Zinsanstieg hierzulande frühestens 2017, die Credit Suisse sogar nicht vor 2019.

Wie dem Niedrigzinsumfeld entkommen?

Welche Möglichkeiten bieten sich Anlegern, die nicht auf Jahre hinaus einen wichtigen Teil ihres Portfolios brachliegen lassen und damit die Chancen auf Renditen, die diese Bezeichnung noch verdienen, verbessern wollen? Die NZZ hat dazu mehrere Banken befragt und zusammengetragen, welche konkreten Veränderungen sie in den Portfolios vorgenommen haben, die sie für ihre Kunden verwalten. Als Basis für die Befragung dienten eher defensive Strategien mit einem Aktienanteil von maximal 30 Prozent.

Die Antworten brachten einen bunten Strauß von getroffenen Maßnahmen hervor, die sich grob in solche innerhalb der Anlageklasse Obligationen und solche außerhalb differenzieren lassen. Gemein ist allen Alternativen, dass sie grundsätzlich mit einem höheren Risiko verbunden sind als Frankenanleihen bester Bonität. Deshalb sollte ihr Einsatz in einem Portfolio wohlüberlegt und dosiert erfolgen, um das Gesamtrisiko nicht über die persönliche Schmerzgrenze zu heben.

Gewisse Renditevorteile gegenüber Schweizer Bundesanleihen lassen sich mit kurzfristigen Bonds erzielen, die ein höheres Kreditrisiko besitzen. Zu denken ist hier in erster Linie an Unternehmensanleihen. Allerdings ist das Angebot an passenden Titeln in Franken sehr limitiert, und abgesehen davon ist es unter Berücksichtigung von Kosten für Privatanleger schwer, auf diese Weise positive Renditen zu erzielen. Da Privatpersonen bei den meisten Banken bis jetzt von Negativzinsen verschont worden sind, bleibt es für sie in der Regel attraktiver, das Geld auf einem Konto zu parkieren.

Etwas differenzierter präsentiert sich die Situation, wenn man auf eine andere Währung ausweicht, also etwa auf Dollaranleihen. Etliche Banken haben diesen Weg gewählt, wobei sie das Währungsrisiko absichern. Die Gefahr bei dieser Strategie ist jedoch, dass die Absicherungskosten (durch eine zunehmende Zinsdifferenz zwischen Dollar und Franken) steigen und die Renditevorteile zunichtemachen oder gar in einen Nachteil umkehren. Durch die relativ kurze Laufzeit von beispielsweise drei Jahren ist das Risiko jedoch zeitlich begrenzt. Auch Kursverluste aufgrund eines raschen Zinsanstiegs wären limitiert, und bei Verfall der Papiere wäre die Wiederanlage zu dann besseren Konditionen möglich, während bei Bonds mit langen Laufzeiten noch etliche Jahre magere Erträge zu erdulden wären.

Immer mehr Vermögensverwalter wie etwa Vontobel greifen im gegenwärtigen Umfeld auf sogenannte alternative Anleihestrategien zurück. Auch die Credit Suisse hat diese Ansätze jüngst als attraktive Anlagemöglichkeit bezeichnet. Charakteristisch für solche Strategien ist die große Freiheit in Bezug auf ihre Positionierung. Sowohl bei den Schuldnern und deren Bonität als auch bei den Laufzeiten gestatten sie Flexibilität. Zudem kann so beispielsweise auch auf steigende Zinsen gesetzt werden, die in einem normalen Anleiheportfolio zu Verlusten führen würden.

Fast alle befragten Banken – zu den wenigen Ausnahmen zählt etwa die ZKB – geben an, in der jüngeren Vergangenheit verstärkt Schwellenländer- und Hochzinsanleihen in ihren Vermögensverwaltungsmandaten einzusetzen. Den gegenüber Staatsobligationen merklich besseren Renditeaussichten stehen aber auch höhere Risiken entgegen. So können die Renditen durch wachsende Ausfallraten, steigende Zinsen oder zunehmende Kosten für die Währungsabsicherung beeinträchtigt werden. Die relativ geringe Liquidität in diesen Segmenten kann ebenfalls einen Nachteil darstellen. In der Vergangenheit wiesen solche Papiere denn auch phasenweise Wertschwankungen auf, die nicht weit hinter jenen von Aktien zurückstehen.

Schließlich haben einzelne Institute wie die Credit Suisse oder Julius Bär die Gewichte von Wandelanleihen erhöht, die zu den Papieren zählen, die auf der höchsten Rendite- und Risikostufe des „Anleiheuniversums“ stehen. Durch das mit solchen Obligationen verbundene Recht, sie zu gewissen Konditionen in Aktien eines Unternehmens zu konvertieren, hängt ihr Kurs stets von dem des Dividendenpapiers ab, wobei das Ausmaß von zahlreichen Faktoren bestimmt wird. Im Extremfall können sie ein Risiko bergen, das sehr nah an das von Aktien herankommt.

Mit Blick auf die Maßnahmen, die die Banken abseits der Bonds vorgenommen haben, fällt auf, dass diese eher vereinzelt sind. Obwohl fast alle Vermögensverwalter Aktien im Vergleich zu (Staats-)Anleihen als attraktiver einstufen, haben mit Credit Suisse und ZKB nur zwei der befragten Institute Dividendenpapieren systematisch ein höheres Gewicht verliehen. Alternative Anlagen wie Hedge-Funds finden sich vermehrt in den Portfolios von Credit Suisse, UBS und Vontobel. Immobilien, die bei institutionellen Anlegern die Antwort der Stunde auf das Niedrigzinsumfeld darstellen, kommen lediglich bei Notenstein La Roche zum Einsatz.

Unter dem Strich lässt sich konstatieren, dass fast alle Banken ihre Positionen in Staatsanleihen abgebaut haben. Trotz der überwiegend negativen Einschätzung für solche Papiere wird jedoch ihr Nutzen als Portfolio-Stabilisator betont, weshalb sie in den meisten Strategien immer noch prominent auftreten. Im Gegenzug wurden Anstrengungen unternommen, um die Renditeaussichten zu verbessern. Die dadurch bedingte Erhöhung des Portfoliorisikos hält sich meist in einem engen Rahmen und bewegt sich weit unter den Grenzen, die sich die Banken in den einschlägigen Verträgen einräumen lassen.

Angesichts all der Antworten, mit denen Banken dem Niedrigzinsumfeld begegnen, mangelt es Privatanlegern nicht an Anregungen. Neben der Maßgabe, Anpassungen nur im Einklang mit der eigenen Risikotoleranz vorzunehmen, gilt es dabei auch, auf eine gesunde Diversifikation zu achten. Die Renditesuche ist ein schwieriger Balanceakt, der schnell unerfreulich enden kann.