Illustration: Karsten Petrat

Green Bonds

Die Rettung des Klimas finanzieren

von Michael Schäfer / 17.10.2016

„Green Bonds“ sind einer der Trümpfe im Kampf gegen die Erderwärmung. Das Segment entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit und wird für Anleger immer interessanter.

Die Ausgangslage ist äusserst schwierig, und die Zeit drängt. Will die Welt die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter limitieren, wie es an der Klimakonferenz in Paris vor knapp einem Jahr beschlossen wurde, muss viel geschehen. Und dafür braucht es viel Geld. In einer kürzlich veröffentlichten Studie veranschlagen die Vereinten Nationen die dafür in den nächsten fünfzehn Jahren benötigte Summe auf 90 Bio. Fr. Für Persönlichkeiten wie Mark Carney, den Gouverneur der Bank of England, oder Henry (Hank) Paulson, den ehemaligen Chef von Goldman Sachs und einstigen Finanzminister der USA, steht ausser Frage, dass sogenannte „Green Bonds“ eine wichtige Waffe sein werden, um die nötigen Mittel für den Kampf gegen die Erderwärmung einzusammeln.

Keine Abstriche bei der Rendite

„Grüne Anleihen“ haben die Besonderheit, dass die mit ihnen aufgenommenen Gelder nur in solche Projekte investiert werden, die sich positiv auf das Klima auswirken. Abgesehen von diesem entscheidenden Unterschied funktionieren sie wie normale Obligationen. Da der jeweilige Schuldner für sie wie für jede andere von ihm begebene Anleihe haftet, weichen die Renditen bei gleicher Laufzeit nicht voneinander ab. Für Investoren bedeutet dies, dass sie bei der Rendite keine Abstriche machen müssen, sie können mit ihrem Geld quasi gratis einen positiven Beitrag leisten.

Seit der Placierung des ersten Green Bonds im Jahr 2007 durch die Europäische Investment Bank (EIB) hat sich das Segment dynamisch entwickelt. Nachdem anfänglich nur supranationale Organisationen wie die EIB oder die Weltbank solche Papiere emittierten, sind seit 2013 auch Firmen mit von der Partie und das in zunehmendem Mass. Zu den gewichtigen Akteuren zählt der französische Versorger EdF, der soeben seinen dritten Green Bond placiert hat.

„Für Mark Carney und Hank Paulson sind Green Bonds Trümpfe im Kampf gegen die Erderwärmung.“

Insgesamt hat EdF mit den Papieren umgerechnet 4,5 Mrd. Fr. aufgenommen. Ein Grossteil der Gelder der beiden ersten Anleihen wurde bereits in achtzehn Projekte zur Produktion von erneuerbarer Energie aus Wind, Sonne und Biogas in Frankreich und den USA investiert. Ebenfalls viel Aufmerksamkeit hat eine Mitte des Jahres vom Technologiekonzern Apple placierte 1,5-Mrd.-$-Anleihe mit hervorgerufen.

Im vergangenen Jahr wurden Green Bonds im Gegenwert von 42 Mrd. $ emittiert, nach gut drei Quartalen im laufenden Jahr steht der Pegel schon bei 60 Mrd. $. Möglicherweise wird heuer schon die Schwelle von 100 Mrd. $ geknackt, wie es mancher Experte Anfang des Jahres prognostiziert hat. Grossen Anteil daran hat China, das die Green Bonds jüngst für sich entdeckt hat. Das mit gravierenden Umweltproblemen kämpfende Land will laut dem Chef der People’s Bank of China, Zhou Xiaochuan in den kommenden fünf Jahren 3 Bio. $ in „grüne Bereiche“ wie energieeffiziente Gebäude, CO2-arme Verkehrsmittel, und erneuerbare Energien für seine Millionenstädte stecken.

Fonds für Privatanleger

Quasi von null auf hundert gestartet, machen chinesische Green Bonds heute schon über ein Drittel der neu emittierten Titel aus. Aber auch anderswo tut sich viel. Kürzlich wurde bekannt, dass die japanische Regierung an Richtlinien zur Begebung von Green Bonds arbeitet. Solche hatte die People’s Bank of China Ende 2015 veröffentlicht, was allgemein als Voraussetzung für die rasante Entwicklung im Land der Mitte angesehen wird. Und Anfang Oktober hat die Luxemburger Börse, an der ein Drittel der ausstehenden Green Bonds gehandelt wird, mit der „Luxemburg Green Exchange“ ein Segment aus der Taufe gehoben, das lediglich derartige Papiere zum Handel zulässt.

Lange Zeit hatten Green Bonds das Manko, dass Privatanleger kaum an sie herangekommen sind. Die meist stark überzeichneten Papiere sind in der Regel an institutionelle Investoren gegangen. Aber auch die oft grosse Stückelung und – zumindest für Schweizer Anleger – der Mangel an Emissionen in Franken stellen für sie hohe Hürden dar; lediglich die EIB hat vor zwei Jahren ein Papier in Franken begeben.

Allerdings ist den Fondsgesellschaften das stark gestiegene Interesse seitens der Anleger nicht verborgen geblieben, und so haben die Anbieter Natixis, Axa Investment Managers oder Allianz Global Investors Fonds lanciert, die mehrheitlich in solche Papiere investieren. Alle drei sind in der Schweiz zum Vertrieb zugelassen, und einer, der „Mirova Green Bond“ von Natixis, verfügt bereits über eine Tranche, die in Franken investiert. Investments in Fremdwährungen werden gegenüber dem Franken abgesichert. Analog verfahren Axa Investment Managers und Allianz GI bei ihren Fonds „Axa World Funds Planet Bonds“ und „Allianz Green Bonds“, für die es allerdings noch keine Frankentranchen gibt. In der Regel werden solche lanciert, sobald das Anlegerinteresse ausreichend gross ist. Bei Allianz GI signalisiert man diesbezüglich die entsprechende Bereitschaft.

„Es gibt häufig unterschiedliche Ansichten, wie grün eine Obligation tatsächlich ist.“

Erklärtes Ziel der Anbieter ist es, möglichst das gesamte Portfolio in Green Bonds zu investieren. Dass dies bisher noch nicht der Fall ist, liegt einerseits daran, dass die Anzahl der Emittenten und Obligationen noch zu gering ist, um die Papiere in den Portfolios wie gewünscht zu diversifizieren. Ergänzt werden die Green Bonds deshalb durch Anleihen von Emittenten, die gewisse Umweltkriterien erfüllen.

Viele Abstufungen von Grün

Andererseits gibt es auch unterschiedliche Ansichten, wie grün die Bonds im Einzelfall sind. Gemäss einer strengen Position sollten etwa Kohle-, Öl- oder Gasfirmen, die in ihrem Kerngeschäft für einen Grossteil der CO2-Emissionen mitverantwortlich sind, gar keine Green Bonds emittieren dürfen. Oder zumindest sollten ihre Papiere nicht als solche deklariert werden. Gleiches gilt für Firmen wie EdF, die ihren Umsatz überwiegend mit Atomstrom erwirtschaften. Die Gegenposition plädiert dafür, lediglich auf die Verwendung der Mittel zu achten. Prominenter Vertreter dieser Denke ist Sean Kidney, Chef der Nichtregierungsorganisation Climate Bonds Initiative. Nach seiner Ansicht könne es nur von Vorteil sein, wenn kapitalkräftige Unternehmen wie die grossen Energiefirmen in klimaschonende Projekte und Technologien investieren.

„Aber auch auf den ersten Blick klimafreundliche Massnahmen haben oft ungewollte Nebenwirkungen“, sagt Kristina Rüter von der Nachhaltigkeits-Rating-Agentur Oekom Research. Oekom analysiert unter anderem Green Bonds und gibt Zweitmeinungen („Second Party Opinions“) ab. Diese zählen seit kurzem zu den Mindestanforderungen, die in den sich immer mehr als Marktstandard durchsetzenden „Green Bond Principles“ festgehalten sind.

Würde man nur auf die Minimierung der Treibhausgase fokussieren, könne man selbst Atomstrom als grün deklarieren, so Rüter. Oder bei grundsätzlich begrüssenswerten Wasserkraftprojekten seien ab einer gewissen Grösse die sozialen (etwa die Umsiedlung von Anwohnern) und ökologischen Auswirkungen genau zu analysieren. Auch die Papiere chinesischer Emittenten müsse man genau unter die Lupe nehmen. In den lokalen Richtlinien kämen nämlich auch „Clean Coal“-Projekte vor, die Oekom nicht als Verwendungszweck für Green Bonds akzeptiert. Kraftwerke mit dieser Technologie werden zwar als weniger schädlich als alte Kohlekraftwerke angesehen, sie widersprechen jedoch der Idee von Green Bonds, die einen positiven Beitrag fordern.

Auch wenn der Markt für Green Bonds nicht mehr in den Kinderschuhen steckt, hat er noch ein gutes Stück Weg vor sich, bis er als „reif“ tituliert werden darf. Laut Experten wird dies mindestens noch zwei bis drei Jahre dauern.