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„Helikopter-Geld“

Die riskante Phantasie vom Geldregen

von Claudia Aebersold Szalay / 21.03.2016

Gratisgeld fürs Volk: Was einst als akademisches Gedankenspiel gedacht war, wird heute als realpolitische Option präsentiert. Für das Vertrauen in die Geldpolitik verheißt das nichts Gutes.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bisher keinen Aufwand gescheut, um die Teuerung in der Währungsunion wieder anzukurbeln. Doch bisher scheinen alle ihre Bemühungen vergebens zu sein. Bei den Leitzinsen könnte sie an einer Art natürlichen Untergrenze angelangt sein. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 0 Prozent, und der Einlagesatz hat laut EZB-Chef Mario Draghi mit –0,4 Prozent ein Niveau erreicht, bei dem zusätzliche Ermäßigungen nicht mehr ohne Kollateralschäden für Europas Banken vorzunehmen wären. Die Aktiva-Kaufprogramme der Notenbank werden auf über 1,5 Billionen Euro geschätzt, doch auch diese gigantischen Volumina schaffen es nicht, die Preisdynamik in der Eurozone wieder in Schwung zu bringen.

Sparen statt ausgeben

Die verschiedenen Aktionen der EZB erreichen die Realwirtschaft (noch) nicht. Vielmehr scheinen sie bei den Banken und an den Finanzmärkten zu verpuffen, sodass trotz großangelegter Interventionen weder die europäischen Konsumenten mehr konsumieren noch die Unternehmen mehr investieren. In den Diskussionen darüber, was die Zentralbank jetzt noch tun könnte, taucht immer wieder die Idee des Helikopter-Geldes auf. Die Uridee stammt von Nobelpreisträger Milton Friedman und ist schnell skizziert. Damit eine expansive Geldpolitik die Inflation ankurbelt, soll die Notenbank Zentralbankgeld direkt an die Bürger ausschütten. Wenn ein Helikopter Banknoten über der Bevölkerung herablässt, wird diese das Geld für zusätzlichen Konsum verwenden. Dadurch wird nicht nur die Konjunktur angeschoben, sondern auch die Teuerung, denn Inflation ist bei Friedman ein rein monetäres Phänomen.

Der frühere Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, verhalf der Idee vor gut einem Jahrzehnt zu einem Revival. Friedmans rein akademisches Gedankenspiel wurde durch Bernanke quasi zu einer Empfehlung für Japan, das damals in der Deflation verharrte. Die Parallelen zwischen dem Japan von damals und der Eurozone von heute sind offensichtlich. In beiden Fällen stagniert die Wirtschaft nach einer schweren Krise und die Zentralbank vermag es trotz riesiger Anstrengung nicht, die Konjunktur und die Teuerung anzukurbeln.

Für einige Ökonomen ist in dieser Situation Friedmans „Helikopter-Geld“ die einzige Lösung. Ob Friedmans Idee einem Realitätstest allerdings standhalten würde, ist umstritten, denn sie ist eine rein akademische Übung, umgesetzt wurde sie in dieser Reinform noch nie. Ihre Wirkung ist umstritten, denn die Reaktion der Bürger, die unter dem Geldregen stünden, ist schwer abzuschätzen. Gut denkbar, dass sie derart verwirrt ab dem Geschenk und dem damit verbundenen Richtungswechsel „ihrer“ Notenbank wären, dass sie das Geld aus Angst sparen statt ausgeben würden.

Akt der Hilflosigkeit

Doch nicht nur sind die praktisch-technischen Hürden für diesen Geldregen hoch und dessen Wirkung umstritten. Für viele Ökonomen wäre er sogar gefährlich, gerade in der Eurozone mit ihrer speziellen Konstruktionsform. In der Form, in der ihn Bernanke propagierte, ist er eine Mischform aus Geld- und Fiskalpolitik. So sollte die Regierung im weitesten Sinne monetär finanzierte Konjunkturprogramme lancieren, um die Deflation zu bekämpfen und die Konjunktur anzukurbeln – tendenziell also das, was in den USA nach der Subprime-Krise tatsächlich geschehen ist.

In der Eurozone wäre diese Vermischung von Geld- und Fiskalpolitik nicht rechtens, die monetäre Staatsfinanzierung ist verboten. Das weiß auch die EZB, die die Idee als akademische Übung abtut und sie laut Aussagen von Draghi auch nicht im Rahmen ihrer Sitzung diskutiert. So muss die Tatsache, dass Friedmans „Helikopter-Geld“ in akademischen Kreisen wieder salonfähig geworden ist, weniger als eine realpolitische Option gewertet werden. Vielmehr muss sie als trauriges Zeichen dafür gesehen werden, dass immer mehr Beobachter fürchten, die EZB sei mit ihrem Latein am Ende.