Keystone/Seth Wenig

Ein Finanzplatz der besonderen Art

Die Rolle der Bahamas ist nicht zu durchschauen

von Martin Meyer / 22.09.2016

Unter dem Schlagwort „Bahamas-Leaks“ nimmt das Journalistenkonsortium ICIJ die Offshore-Praktiken auf den Bahamas unter die Lupe. Schweizer Banken stehen dabei besonders im Fokus.

Das sogenannte Bahamas-Datenleck trifft den nur eine Flugstunde von Miami gelegenen Inselstaat zu einem Zeitpunkt, wo er wirtschaftlich sonst schon zu kämpfen hat. Laut den Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IMF) schrumpft die bahamische Wirtschaft seit drei Jahren. Der Haupterwerbszweig, der Tourismus, läuft mässig. Querelen um die Fertigstellung und Eröffnung eines neuen Mega-Resorts mit Nahmen Baha Mar sorgten jüngst für zusätzliche Unsicherheit.

Ein Sektor auf dem Rückzug

Mehr als der Tourismus dürfte unter allfälligen negative Folgen der Daten-Affäre aber zweifellos das zweite wirtschaftliche Standbein, die Finanzdienstleistungen und damit verbundene Aktivitäten, leiden. Die Finanzdienstleistungen trugen 2014 laut IMF immerhin rund 10% zum Bruttoinlandprodukt bei, wobei die Tendenz aber bereits seit Jahren rückläufig ist. Das gilt auch für die Beschäftigung: Inzwischen arbeiten nur noch 2,7% aller Beschäftigten in dem Bereich. Die Zentralbank von Bahamas setzt den Beitrag des Finanzsektors optimistischer auf 15% des BIP an und spricht von rund 400 aktiven Finanzinstituten mit 6500 Beschäftigten.

Stutzig macht vor allem die Grösse des bahamischen Finanzsektors gemessen an den Aktiven der Banken. Laut der IMF-Analyse machten diese 2014 ungefähr das 23-fache des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus. Zum Vergleich: In der Schweiz machten die Bilanzsummen der Banken selbst zu den „besten“ Zeiten von UBS und Credit Suisse weniger als das Zehnfache des BIP aus.

Aktiven von sage und schreibe 2200% des BIP werden alleine Offshore-Banken, also den grenzüberschreitend tätigen Finanzinstituten, zugeschrieben. Beschäftigt im Offshore-Geschäft sind allerdings nur gerade 0,6% des Totals. Das verbleibende „traditionelle“ Inlandgeschäft mit Aktiven von 113% der Wirtschaftsleistung weist dagegen immerhin einen Beschäftigungsanteil von 2,1% auf.

Drehscheibe für Bankkonzerne

Wie erklärt sich dieses Ungleichgewicht? Sind auf den Bahamas also tatsächlich Unmengen ausländischen Vermögens versteckt? Der IMF führt die überdimensionierte Grösse des Offshore-Sektors zu einem grossen Teil auf die konzerninternen Finanzierungsoperationen von internationalen Grossbanken zurück. Ein Beispiel dafür ist, wenn eine aus steuerlichen Gründen auf den Bahamas domizilierte Filiale einer Grossbank für das Mutterhaus Kapital beschafft.

In einem IMF-Bericht von Anfang 2013 werden allerdings die Aktiven, die auf Offshore-Vermögensverwaltungsaktivitäten dieser Banken zurückgehen, per März 2012 doch auch auf 29 Mrd. $ geschätzt. Das wären immer noch 400% des BIP der Bahamas. Der IMF schreibt denn auch dazu: „Eine bedeutende Vermögensverwaltungsbranche bedient anspruchsvolle Vermögende und Ultra-Reiche aus aller Welt.“ Zum Vergleich: In der Schweiz sind laut Boston Consulting Group rund 2500 Mrd. $, also fast das Hundertfache der Bahamas, an Offshore-Vermögen gebucht. Für die Schweiz entspricht diese Summe auch etwa dem Vierfachen des BIP.

Was tun die IBCs?

Unklar ist, welche Rolle dabei die im Datenleck erwähnten 175 000 Gesellschaften spielen. Die Zentralbank von Bahamas bestätigt in ihrem Finanzstabilitätsbericht die Existenz von 174 161 sogenannten International Business Companies, rund 14 000 mehr als etwa in den Jahren 2009-2010. Diese Gesellschaften werden dort wie die Versicherungsgesellschaften dem Finanzsektor zugeordnet. Über deren Aktivitäten und allfällige via solche Vehikel angelegte oder verschobene Vermögen sind aber im Bericht keine Informationen zu finden.

Werden via solche Vehikel aber tatsächlich Gelder verschoben, braucht es eine Bankverbindung. Dabei gelten auch auf den Bahamas Bestimmungen, um den Missbrauch – sprich Geldwäscherei, Terrorismusfinanzierung, Steuerumgehung – zu bekämpfen. Hier bestehen allerdings tatsächlich noch Lücken, wie jüngst eine Prüfung durch die Caribbean Financial Action Task Force (CFATF) aufzeigte. Zur Zeit geht das Gremium noch einmal über die Bücher, um im weiteren Verlauf des Jahres einschlägige Erfahrungen an die Adresse der Bahamas abzugeben.

Amerikaner bleiben fern

Wie schon im Falle der Panama Papers dürften auch im Rahmen des Bahamas-Lecks nur wenige US-Namen auftauchen. Ein Grund ist, dass man nicht in die Bahamas gehen muss, um Geld zu verstecken, wenn es angeblich einfacher ist, das in den USA selber zu tun. Die USA haben aber jüngst die für US-Finanzinstitute geltenden Sorgfaltspflichten verschärft, und gerade die Transaktionen von Strohfirmen stehen zunehmend unter Beobachtung.

Darüber hinaus hat das US-Justizdepartement in den vergangenen Jahren mehrere US-Bürger, welche die Dienste der UBS auf den Bahamas in Anspruch genommen hatten, strafrechtlich verfolgt. (Verweis) Der bekannteste Fall ist Igor Olenicoff. Das – zusammen mit einem generell härteren Vorgehen der US-Behörden gegen Offshore-Steuersünder – dürfte abschreckende Wirkung entfaltet haben. Seit September 2015 liefern die Bahamas zudem auch Bankdaten an die USA im Rahmen des Foreign Account Tax Compliance Act (Fatca). Auf den Bahamas domizilierte Banken müssen demnach der US-Steuerbehörde IRS Informationen zu Konten von US-Steuerpflichtigen melden, wollen die Finanzinstitute nicht eine „Strafsteuer“ von 30% zahlen.

Die Bahamas haben sich überdies auch dem automatischen Informationsaustausch im Rahmen des OECD-Standards verpflichtet. Hier wird aber kritisiert, dass die Bahamas nicht die multilaterale Konvention unterzeichnet hätten, sondern sich für die Umsetzung der Datenlieferungen auf bilaterale Abkommen stützten. Laut der Zeitschrift The Economist haben die Bahamas bisher nur 26 solche Abkommen abgeschlossen, wovon nur zwei mit lateinamerikanischen Ländern. Letztere gelten im Offshore-Geschäft der Bahamas als die wichtigsten Kunden.