Brennan Linsley / AP

Symposium

Die ruhige Hand der Janet Yellen

von Martin Mayr / 27.08.2016

In Jackson Hole wird über die Zukunft der Geldpolitik debattiert. Die US-Zentralbank lässt sich nicht wirklich in die Karten blicken, fühlt sich aber insgesamt gut gerüstet.

Eigentlich ist es paradox: Die USA erleben eine der am längsten anhaltenden, wenn auch schwächsten Wachstumsperioden seit dem Zweiten Weltkrieg, und die ganze Welt wartet auf die zweite Leitzinserhöhung seit vergangenem Dezember. Die Vorsitzende der US-Notenbank Fed ging darauf am Freitag auch tatsächlich ein. Den Hauptteil ihres Auftritts am diesjährigen Symposium von Jackson Hole widmete Janet Yellen aber der Frage, ob ihre Institution in der Lage wäre, auf einen künftigen wirtschaftlichen Abschwung zu reagieren.

Rücksicht auf Wahlen

Eindeutige Signale zu möglichen Zinsschritten in der näheren Zukunft gab Yellen nicht. Sie sagte, dass die Argumente für eine Erhöhung der Leitzinsen in den vergangenen Monaten stärker geworden seien. Selbst wenn der Arbeitsmarktbericht für den Monat August, dessen Veröffentlichung kommenden Freitag ansteht, erneut gut ausfallen sollte, ist aber nicht gegeben, dass der geldpolitische Ausschuss schon an seiner nächsten Sitzung vom 21./22. September aktiv wird. Denn am Freitag bestätigte das behördliche US-Büro für Wirtschaftsanalyse, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal nur um aufs Jahr hochgerechnete 1,1% gewachsen ist.

Zwar zeigen vorlaufende Indikatoren eine Beschleunigung im laufenden dritten Quartal. Die Echtzeitschätzungen der Federal-Reserve-Banken von Atlanta und New York etwa gehen derzeit von einem Wachstum von rund 3% aus. Die erste amtliche Schätzung folgt aber erst Ende Oktober, und die Notenbank dürfte geneigt sein, eine Bestätigung abzuwarten, dass die US-Wirtschaft tatsächlich gut unterwegs ist. Umso mehr, als sich das Fed mitten im US-Wahlkampf kaum unnötig mit einem angreifbaren Zinsentscheid exponieren möchte. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass eine Zinserhöhung erst im Dezember erfolgen wird. Yellen wies in ihrer Rede einmal mehr darauf hin, dass geldpolitische Entscheide von Entwicklungen der Datenlage abhingen und dass die US-Geldpolitik nicht einem vorgegebenen Pfad folge. Um diese Unwägbarkeiten und die Schwierigkeit, die Entwicklung der Leitzinsen vorherzusagen, zu illustrieren, erwähnte Yellen Berechnungen, wonach derzeit eine 70%ige Wahrscheinlichkeit bestehe, dass der Leitzins Ende 2017 zwischen 0 und 3,5% und Ende 2018 zwischen 0 und 4,5% liegen werde. Diese grosse Spanne erklärte Yellen mit der Regelmässigkeit von Schocks, welche die Wirtschaft heimsuchten. Die Geldpolitik müsse auf solche Schocks reagieren können, weshalb Zentralbanken über geeignete Instrumente verfügen müssten. Diesbezüglich scheint sich Yellen derzeit aber relativ wohl zu fühlen.

Festhalten an Bewährtem

Jedenfalls versuchte die seit 2014 amtierende Notenbankchefin Zweifel zu zerstreuen, ob das Fed am Ende der Fahnenstange angelangt sei und nicht auf eine neuerliche Rezession reagieren könnte. Sollte die Wirtschaft ins Stocken geraten, könne der geldpolitische Ausschuss die Leitzinsen wieder ganz auf null senken, den Erwerb von Anleihen wiederaufnehmen und seine Absicht kundtun, die Leitzinsen so lange bei null zu halten, bis sich die Bedingungen merklich verbesserten, sagte Yellen.

Die als Reaktion auf die Finanzkrise und die schwere Rezession eingesetzten neuen Instrumente – die Käufe von Wertpapieren und das Versprechen anhaltend niedriger Leitzinsen – betrachtet Yellen aber nicht als Allheilmittel. Sie regte deshalb an, zusätzliche wirtschaftspolitische Optionen zu prüfen. Für die Geldpolitik könne das beispielsweise heissen, Wertpapierkäufe zu prüfen, die über den Erwerb von Anleihen herausgingen. Yellen erwähnte auch die Vorschläge von „Beobachtern“, welche ein höheres Inflationsziel als die gegenwärtigen 2% oder gar eine Abkehr vom Konzept der Inflationssteuerung empfehlen. In ihrer Rede stellte sie aber klar, dass die US-Notenbank solche Optionen nicht aktiv in Betracht ziehe.

Yellens Zurückhaltung ist positiv zu werten. Sie bedeutet einerseits, dass das Risiko einer Rezession als gering eingeschätzt wird, und andererseits, dass sich die US-Zentralbank nicht als allzeit bereiter Stimulator vom Dienst versteht.