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Analyse

Die Schwarzmalerei mit dem Ölpreis

von Lukas Sustala / 29.01.2016

Lässt der Ölpreis auch die Weltwirtschaft ausrutschen und sorgt für eine neue Finanzkrise? Viele Investoren scheinen es so zu sehen. Wie günstiges Öl zu einer Krise beitragen könnte und wie es um die Weltwirtschaft aktuell bestellt ist.

Verkaufen Sie alles!

„Ratschlag“ von RBS-Analysten

Die Lust am Untergang ist aktuell besonders ausgeprägt. Analysten und Ökonomen überbieten sich angesichts des regelrechten Zerfalls des Ölpreises mit Untergangsszenarien: Für die Fracking-Industrie, für die Ölmultis, für Länder wie Venezuela oder gleich die gesamte globale Konjunktur. Vergleiche mit 2008 kommen nicht nur dem Hedgefondsmanager George Soros über die Lippen: Wenn einmal Bankanalysten, etwa von der Royal Bank of Scotland, bloß noch sagen „Verkaufen Sie alles!“, ist es zur Panik nicht mehr weit.

Vom Öl- zum Wirtschaftscrash in drei Schritten

Doch wie sollen Ölpreise zu einem Aktien- und Wirtschaftscrash führen? Ein günstiger Ölpreis gilt an und für sich als eher positiv. Ist Energie billig, müssen Importländer und Industriekonzerne weniger ausgeben, für sie wirkt es wie eine Steuersenkung. So viel zu den positiven Effekten: Industrieunternehmen in Österreich, Autofahrer in den USA oder Importländer wie die Türkei profitieren vom günstigeren Öl.

Aber davon ist im Moment nichts zu spüren. Der Ölpreis fällt, und mit ihm sind auch die wichtigsten Aktienmärkte gefallen.

Hohe Korrelation: Öl zieht den Aktienmarkt mit
Hohe Korrelation: Öl zieht den Aktienmarkt mit
Korrelation von 1: Ölmarkt zieht Aktienmarkt mit. Korrelation von 0: Öl und Aktien hängen nicht zusammen. Korrelation von -1: Aktien steigen, wenn der Ölpreis fällt.

Drei besonders negative Effekte des Ölpreises sorgen aber aktuell für Unsicherheit:

1. Ölproduktion

Bei den Produzenten aber kommt der schmerzhafte Ölpreisverfall schnell an. Der österreichische Mineralölkonzern OMV etwa hat am Freitag angekündigt, im vierten Quartal eine Abschreibung von 1,5 Milliarden Euro vorzunehmen. Dazu kommen noch weitere 300 Millionen Euro, die an Rückstellungen gebildet werden müssen. Insgesamt haben Erdölkonzerne weltweit rund 380 Milliarden Euro an Investitionsvorhaben auf Eis gelegt.

OMV schreibt nach dem Ölpreisschock Milliarden ab
OMV schreibt nach dem Ölpreisschock Milliarden ab

Credits: Reuters/Bader

Und das spüren die Volkswirtschaften mit den Ölvorkommen dieser Erde sofort. Der Investitionsstau in der Ölbranche wird in den Wirtschaftsdaten sofort sichtbar, wenn plötzlich keine Maschinen, kein Equipment und keine Experten für die Exploration neuer Ölvorkommen benötigt werden.

Die positive Effekte des günstigen Öls, etwa für den Konsum, werden aber erst mit der Zeit spürbar. „Man kann sich die Entwicklung wie eine J-förmige Kurve vorstellen“, sagt Tim Hayes, globaler Investmentstratege beim unabhängigen US-Finanzdienstleister Ned Davis Research im NZZ.at-Gespräch. Zuerst kommt der Einbruch, in Form sinkender Ölinvestitionen, aber allmählich setzen sich die positiven Effekte auf die Wirtschaftsleistung durch. „Wir sehen allmählich, dass auch die Konsumenten etwas von den günstigeren Energiepreisen haben, aber vorerst sind die Unternehmen zuerst betroffen, und das eben sehr negativ.“ Denn nicht nur die Energiekonzerne selbst schrauben ihre Investitionen zurück, auch die Zulieferer und Maschinenhersteller für die Branche müssen ihre Ausgaben senken.

2. Finanzkrise 2.0?

Abschreibungen wie bei der OMV oder Investitionskürzungen sind aber nur ein Teil der Gleichung. Weil gerade im Energiesektor in den vergangenen Jahren neue Explorationen weitgehend auf Pump finanziert waren, fürchten Investoren massenhaft Pleiten. Sie leihen den Ölkonzernen Geld nur noch zu deutlich schlechteren Bedingungen. Ganze Länder könnten angesichts des Ölpreisverfalls pleitegehen. Bei Venezuela etwa sei es nur noch eine Frage des „Wann“, nicht des „Ob“, betont Investor Russ Dallen von Latinvest. Das sozialistische Land hat bereits den „Wirtschaftsnotstand“ ausgerufen.

Natürlich wird es die Bank of Oklahoma treffen. Aber das Gerede von einer landesweiten Kreditkrise ist übertrieben.

Tim Hayes, NDR

Wird also der Ölpreis ähnlich wie die Kreditkrise von 2008 zu Bankenpleiten und einer globalen Finanzkrise führen? „Es kommt immer noch stark darauf an, wie nah man am Epizentrum sitzt“, gibt Hayes zu bedenken. Bei der Immobilienblase 2008 waren alle Banken dabei. „Jetzt geht es noch um einige wenige Player. Schauen wir uns etwa die Fracking-Industrie in North Dakota an. Natürlich ist die Bank of Oklahoma etwa betroffen. Aber das Gerede von einer landesweiten Kreditkrise ist übertrieben.“

US-Unternehmensschulden sind kräftig gestiegen
US-Unternehmensschulden sind kräftig gestiegen
Mittlerweile sind bereits 4,7 Billionen Dollar an Unternehmensanleihen in den USA ausstehend.
Credits: Haver Analytics, Federal Reserve

Besonders ängstlich ist man aktuell in Sachen Hochzinsanleihen. Diese Anlageklasse hat auch weniger schöne Namen wie „Junk Bonds“, also Ramschanleihen. Dass sie durchaus riskant sein können, sollte also kein Geheimnis sein. Aber erst kürzlich sind die Renditen dieser Papiere als Risikosignal kräftg gestiegen. Aber der Hochzinsanleihenmarkt 2016 sei nicht mit dem Hypothekenmarkt 2008 zu vergleichen, betont Friedrich Strasser, Chief Investment Officer bei der Bank Gutmann in Wien. „Das betroffene Marktvolumen ist deutlich kleiner und die Investoren sind weitgehend ,long-only‘, also nicht mit Fremdkapital unterwegs. Hochzinsanleihen sind einfach nicht dasselbe wie die Kreditmärkte für Immobilienpapiere 2008.“

3. Kaufen. Verkaufen.

Drittens sorgt der Ölpreis wohl noch über einen anderen Kanal für die dramatische Kurskorrektur an den Aktienmärkten. Denn in den vergangenen Jahren haben vor allem die ölexportierenden Staaten riesige Staatsfonds angehäuft, die an den Finanzmärkten zu großen Spielern aufgestiegen sind. Die Fremdwährungsreserven in Ländern wie Saudi-Arabien, Russland oder dem Iran wurden oft genug wieder an den Kapitalmärkten veranlagt: in Anleihen und Aktien der Industrieländer oder in Immobilienmärkte in Europa und den USA. Weil die Staatsfonds aber jetzt benötigt werden, um die eigenen Volkswirtschaften zu stützen, werden die Beteiligungen zu einem Teil versilbert – und tragen so zu fallenden Kursen bei. Die Reserven in Saudi-Arabien etwa sind auch seit kurzem auf dem Sinkflug.

Auch die Länder, die Öl importieren, könnten ironischerweise unter dem niedrigen Ölpreis leiden. Wie etwa der Chefanalyst für Schwellenländer, David Lubin, bei der US-Großbank Citigroup meint: „If capital flows are threatened by a declining availability of Petrodollars, that would constitute a threat to growth.“ Wenn also die Petrodollars wegen des fallenden Ölpreises plötzlich nicht mehr da sind, um die angehäuften Auslandsschulden, ob nun in der Türkei oder Indonesien, zu refinanzieren, dann geraten auch diese Länder in Bedrängnis.

„Kein Anzeichen für eine Rezession“

Diese drei Ängste sorgen derzeit für eine seltsame Situation für Investor Strasser: „Es ist skurril. An sich ist der Ölpreis ein Geschenk für alle, die Öl importieren. Aber die Krisenpropheten feiern aktuell fröhliche Urständ’.“

Das hängt auch damit zusammen, wie der Ölpreis von Investoren gesehen wird, betont Hayes. „Die Haltung von Investoren zum Ölpreis hat sich dramatisch gewandelt. Seit 2009 gilt der Ölpreis als Kompass für die Wachstumsaussichten.“

In gewisser Weise wird der Preis für Rohöl als Vorlaufindikator für die Weltwirtschaft gesehen. Fällt der Ölpreis, wird das als schlechtes Omen für die Weltwirtschaft – und die Aktienmärkte – gedeutet. Diesen Ruf als schlechtes Omen erfüllt der Ölpreis auch, wenn er fallende Ölnachfrage anzeigt. Aber so ist es aktuell nicht.

Aktuell ist kein konjunkturbedingter Nachfragecrash, sondern eine Angebotsflut für den Ölpreis verantwortlich. Denn nicht nur sind die USA zum größten Ölproduzenten aufgestiegen und die flexiblen, kleinen Produzenten von Schieferöl haben zudem die größte Volkswirtschaft der Erde wieder zu einem Exporteur von Energie gemacht. Dazu kommt auch noch, dass sich der Iran und Saudi-Arabien ein geopolitisches Duell liefern, das auch mit einem hohen Ölfördervolumen einhergeht. Ganz abgesehen davon, dass Länder wie Venezuela finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen und momentan kaum das Angebot drosseln wollen.

„Der niedrige Ölpreis ist schlicht noch kein Nachfragethema“, sagt Hayes. „Solange das nicht der Fall ist, ist der niedrige Ölpreis eigentlich mittelfristig ein Segen.“

Schweinezyklus voraus

Der niedrige Ölpreis liefert bereits die Saat für die kommenden Kapazitätsengpässe, solange sich die Welt nicht zügig von den fossilen Brennstoffen verabschiedet. „Der aktuelle Ölpreisrückgang und die damit verbundenen Investitionskürzungen werden erst in der Fördermenge 2021 spürbar sein“, betont Strasser. Dann könnte der Schweinezyklus von vorne einsetzen, die Ölpreise stark steigen und Konzerne wie die OMV könnten kräftig in neue Kapazitäten investieren.

Gerade in dieser Zeit wird wieder die Saat für neue Überkapazitäten und Milliardenabschreibungen gelegt.