Die Schweiz nabelt sich vom Euro ab

von Thomas Fuster / 15.01.2015

Völlig unerwartet hebt die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs gegenüber dem Euro auf. Die Reaktionen am Aktien- und Devisenmarkt sind massiv.

Gänzlich überraschend hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstagmorgen den Mindestkurs von 1,20 Franken gegenüber dem Euro per sofort aufgehoben. Der Schritt erfolgt eine Woche vor der erwarteten Bekanntgabe eines umfassenden Programms zum Kauf von Staatsanleihen (Quantitative Easing, QE) durch die Europäische Zentralbank (EZB) – eine Maßnahme, die den Aufwertungsdruck gegenüber dem Schweizer Franken weiter verstärkt und die Verteidigung des Mindestkurses entsprechend erschwert hätte.

Verschiebung des Zielbandes

Zeitgleich mit der Aufhebung des Mindestkurses senkt die SNB den Zins für Guthaben auf Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, um 0,5 Prozentpunkte auf –0,75 Prozent. Das Zielband für den Dreimonats-Libor verschiebt sich zudem weiter in den negativen Bereich, und zwar auf –1,25 bis –0,25 Prozent, von bisher –0,75 bis 0,25 Prozent. Diese Maßnahmen sollen laut der SNB dazu beitragen, dass die Aufhebung des Mindestkurses nicht zu einer unangemessenen Straffung der monetären Rahmenbedingungen führt.

Die Reaktionen des Devisenmarktes auf den zu diesem Zeitpunkt völlig unerwarteten Schritt fielen erwartungsgemäß massiv aus. Kurz nach Bekanntgabe der Maßnahme sackte der Euro in Relation zum Franken deutlich ab, und zwar unter die Parität von einem Franken pro Euro. Die Schweizer Börse stürzte zudem nach Maßgabe des SMI um über sechs Prozent ein. In der Einschätzung der SNB hat sich die Überbewertung des Frankens seit der Einführung des Mindestkurses im September 2011 indes insgesamt reduziert. Die Wirtschaft habe diese Phase nutzen können, um sich auf die neue Situation einzustellen.

Bereitschaft zu Interventionen

Wie die SNB in einer Medienmitteilung schreibt, haben sich die Unterschiede in der geldpolitischen Ausrichtung der großen Währungsräume in jüngster Vergangenheit markant verstärkt, wobei davon ausgegangen wird, dass sich dieser Trend noch akzentuieren wird. Da die amerikanische Notenbank den Ausstieg aus ihrer QE-Politik bereits lanciert hat und auch über eine Anhebung der Leitzinsen debattiert, zieht der Dollar in Erwartung einer anhaltenden Aufwertung seit Monaten Investorengelder an. Der Euro hat sich gegenüber dem Dollar denn auch abgewertet, und im Schlepptau dazu der Franken.

Angesichts dieser Verschiebungen kommt die SNB laut Mitteilung zum Schluss, dass die Durchsetzung und die Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses nicht mehr gerechtfertigt sind. Es ist dabei ein offenes Geheimnis, dass die Schweizer Währungshüter in jüngerer Vergangenheit wiederholt am Devisenmarkt intervenieren mussten, um den im Zug der Rubel-Krise zusehends unter Druck geratenen Mindestkurs zu verteidigen. Um den Franken für internationale Anleger weniger attraktiv zu machen, wurde Mitte Dezember zudem die Einführung von Negativzinsen angekündigt.

Weitere Interventionen am Devisenmarkt werden von der SNB auch nach der Aufgabe des Mindestkurses nicht ausgeschlossen. So werde man man bei der Ausgestaltung der Geldpolitik weiterhin die Wechselkurspolitik sorgfältig beobachten und bei Bedarf auch am Devisenmarkt aktiv werden. Die SNB will die Medien heute um 13.15 Uhr näher über die Hintergründe und die Begründung des Entscheides informieren.