Blick auf die Schweizerische Nationalbank, wo just die Pressekonferenz mit SNB-Präsident Thomas Jordan zur Aufhebung des Mindestkurses über die Bühne ging.

Die Schweizer Industrie hadert mit dem Entscheid der SNB

von Giorgio V. Müller / 16.01.2015

Vertreter der Industrie zeigen wenig Verständnis für die Aufhebung des Mindestkurses. Am meisten sind exportorientierte KMU betroffen, deren Kosten in Franken anfallen. Die Währungsverluste bei der Umrechnung werden jedoch alle spüren, schreibt NZZ-Wirtschaftsredakteur Giorgio V. Müller. 

Für die Industrievertreter kommt die Aufhebung des Euro-Mindestkurses nicht nur völlig überraschend, sondern sie wird auch von kaum jemandem befürwortet. Am schlimmsten trifft es kleine exportorientierte Unternehmen, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Produktion in günstigere Währungsräume zu verlagern oder im Ausland Material und Halbwaren zuzukaufen. Der Direktor von Swissmechanic, Oliver Müller, spricht von einer „Katastrophe“.

Die Aktien der beiden Schweizer Uhrenhersteller Swatch Group und Richemont gehörten am Donnerstag zu denen, die am meisten unter Druck kamen. Das verwundert insofern nicht, als bei dieser Branche ein stärkerer Franken fast eins zu eins auf die Herstellungskosten durchschlägt. Während andere Industriezweige teilweise von verbilligten Importen von Vorprodukten profitieren, fertigt die Schweizer Uhrenindustrie fast ausschließlich im Inland.Gleichzeitig wird nur ein sehr kleiner Teil der Uhren in der Schweiz verkauft (rund fünf Prozent), und davon erst noch die meisten an Touristen. Entsprechend emotional fielen die Reaktionen aus der Branche aus: Für Swatch-Chef Nick Hayek ist der SNB-Entscheid ein „Tsunami, sowohl für die Exportindustrie wie auch für den Tourismus und schlussendlich für die ganze Schweiz“.

SNB solle Zinsen stärker senken

Kein Blatt vor den Mund nimmt auch Roland Abt, der Finanzchef des Schaffhauser Industriekonzerns Georg Fischer (GF). Es sei „kein Freudentag für den Werkplatz Schweiz“. Die Glaubwürdigkeit der SNB sei stark angekratzt, sagt er. Die Einführung von Negativzinsen sei an sich ein gutes Instrument, hingegen müssten sie viel höher angesetzt werden, um als flankierende Maßnahme Wirkung zu zeigen. „Was die SNB macht, sind homöopathische Dosen“, bemängelt Abt.

Die Folgen für GF sind aber bescheiden, denn die Firma versucht seit Jahren, ihre Währungsabhängigkeit zu reduzieren. Der GF-Finanzchef beziffert das Risiko auf nur noch 200 Millionen Franken oder fünf Prozent des Konzernumsatzes, 150 Millionen Franken davon gegenüber Dollarwährungen, die er ab und zu absichere, 50 Millionen Franken gegenüber dem Euro, der nie abgesichert werde. Ohne Euro-Untergrenze muss sich GF überlegen, „noch mehr im Euro-Raum einzukaufen und allenfalls noch mehr Schweizer Lieferanten durch solche im Ausland zu ersetzen“, erklärt Abt.

„Zum Glück sind wir keine Exporteure“, sagt Martin Zwyssig, der Finanzchef des Winterthurer Autozulieferers Autoneum. Weil nur eines der 45 Werke in der Schweiz stehe und vor Ort produziert werde, sei man weniger vom Wechselkurs abhängig. Nur zwei tschechische Fabriken, ein Werk in Polen und die beiden kanadischen Fabriken würden nicht in den Währungsraum verkaufen, in dem die Kosten anfielen. Sichtbar werden die Währungsverluste bei der Konsolidierung der Abschlüsse der Tochtergesellschaften: 2014 verlor Autoneum so 52 Mio. Franken.

Laut Beat Malacarne, dem Finanzchef der auf Zutritts- und Sicherheitstechnologie ausgerichteten Kaba, tangiert die Aufgabe des Mindestkurses die Gruppe verhältnismäßig wenig, weil sie kein klassischer Exporteur in den Euro-Raum ist. Die Einnahmen würden weitestgehend mit den Ausgaben in den gleichen Währungen anfallen, es bestehe also eine „natürliche“ Währungsabsicherung.