Anita Affentranger

Interview

„Die Server von Gmail sind sicherer als die der NZZ“

von Marco Metzler / 06.12.2015

Der Schweizer Urs Hölzle, Chef der Google-Infrastruktur, will mit Cloud-Computing Milliarden verdienen. Marco Metzler von der NZZ am Sonntag hat mit ihm über Werbeumsätze, die NSA und sichere Server gesprochen.

Wenn ein Schweizer Gmail, also den Mail-Dienst von Google nutzt – wo sind dann seine Daten abgelegt?

Urs Hölzle: Die meisten in Europa. Wir speichern Daten in der Nähe der Nutzer, damit die Dienste schneller laufen. Gewisse Daten sind aber global und lassen sich nicht einfach lokal isolieren. Viele Systeme wären eingeschränkt, wenn man nur innerhalb eines Kontinents kommunizieren könnte.

Können Firmenkunden verlangen, dass ihre Daten nur noch in Europa gespeichert werden?

Bei unserer Cloud-Plattform ist dies bereits vollständig umgesetzt. Dort wählen Sie selbst, wo Ihre Daten hinkommen. Sie haben die vollständige Kontrolle darüber.

Das Datenschutz-Abkommen zwischen EU und USA ist nicht mehr gültig. Wird Google ab Februar Daten nur noch in Europa speichern?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Wir hoffen, dass es bis Februar zu einer konstruktiven Einigung kommt, die es ermöglicht, den Betrieb gemäß den europäischen Richtlinien weiterzuführen. Davon sind über 4.000 Firmen betroffen.

Sie wollen bis 2020 mit Cloud-Lösungen mehr Umsatz machen als mit Werbung. Wie können Sie das schaffen?

Als Leiter des Bereichs ist es mein Ziel, dass Google bis 2020 stärker als Cloud- denn als Werbe-Firma wahrgenommen wird. Das ist keine genaue Vorhersage, sondern als Ambition gemeint. Aber es ist ein durchaus realistisches Ziel. Der globale IT-Markt ist weit über 1.000 Milliarden Dollar groß. Weil viel davon Verschwendung ist, die man mit der Benutzung von Cloud-Diensten beheben könnte, wird der Markt bis in zehn Jahren schrumpfen. Trotzdem sind es Wahnsinnszahlen, die sehr große Umsätze ermöglichen.

Ihr Ziel erreichten Sie auch, wenn der Werbeumsatz bis 2020 stark einbrechen würde …

Unser Chef Larry Page sagt immer, dass es zwei Wege zu meinem Ziel gebe. Ich meine aber den guten. Mit unseren Resultaten müssen wir uns nicht verstecken. Amazon hat einen Marktanteil von 29 Prozent. Wieso liegt Google mit 6 Prozent so stark zurück?Amazon hat früher angefangen. Was sie extern verkauft haben, haben wir intern gemacht. Aber der Vorsprung ist relativ. Nehmen Sie 2008: Das iPhone war gerade ein Jahr alt und 20 Millionen Mal verkauft. Android gab es noch gar nicht. Heute ist die Situation ähnlich: Auch Cloud-Plattformen sind eine völlig neue Produktekategorie, und 97 Prozent der Kunden haben noch keine Wahl getroffen. Wir nehmen uns also nicht gegenseitig Kunden weg, sondern es geht um ein riesiges neues Geschäftsfeld. Wie bei Smartphone-Systemen wird die Firma gewinnen, die das bessere, innovativere Produkt hat. Und vor allem das offenere. Wie bei Android setzen wir auf Open Source. Wir glauben, dass künftig ein großer Teil von Software auf offenen Schnittstellen geschrieben wird und nicht auf geschlossenen Systemen.

Schweizer Firmen wie Roche, Holcim, Tamedia oder Ringier setzen auf Dienste wie Gmail oder Google Docs. Verstehen Sie, dass sie deswegen kritisiert werden?

Wir haben starke Beweise dafür, dass Gmail und unsere Apps weltweit zu den allersichersten Anwendungen gehören. Hacker erhalten Belohnungen, wenn sie Fehler finden. Wenn die NZZ ihre E-Mail-Server selbst betreibt, kann ich absolut garantieren, dass sie schlechter dran ist als mit Gmail. Sicherheit zu gewährleisten, ist sehr schwierig: Ich habe über 500 IT-Sicherheitstechniker, die zu den Allerbesten gehören. Niemand muss sich für Gmail entschuldigen.

Google ist fürs Datensammeln bekannt. Vertrauen Ihnen Firmenkunden deshalb weniger?

Wir trennen das Geschäft für Firmenkunden rechtlich wie auch praktisch völlig von Suche oder Werbung. Viele Firmen setzen auf unsere Cloud-Lösungen – Facebook zum Beispiel auf Gmail. Niemand bei Google liest Ihre E-Mails. Wir könnten uns das gar nicht leisten. Es wäre illegal und das Ende unseres Geschäfts. Die Daten in der Cloud gehören den Kunden. Sie können diese mit ihrem eigenen Schlüssel verschlüsseln, den wir nicht kennen. Vor einer Woche haben wir angekündigt, dass wir das Cloud-Geschäft in einen separaten Bereich ausgliedern.

Verschlüsselung wird von der US-Regierung kritisiert. Muss sie unknackbar sein?

Ja. Auf den verschlüsselten Datenverkehr zwischen unseren Rechenzentren kann kein Geheimdienst zugreifen. Eine knackbare Verschlüsselung ist sinnlos, weil sie zu nichts mehr dient. Sie ist ein Widerspruch in sich.

Greift der Geheimdienst NSA nicht direkt auf Daten auf Google-Servern zu?

Das hat die NSA bei uns garantiert nie getan. Es ist technisch gar nicht möglich.

Selbst wenn es so wäre, könnten Sie es wegen der höchsten Geheimhaltung nicht zugeben.

Jein. Es war ja früher nicht einmal erlaubt zu sagen, ob man angefragt wurde. Das war unhaltbar und widersprach den Grundrechten. Nach einer Klage gegen die US-Regierung können wir nun immerhin die ungefähre Anzahl der betroffenen Konten nennen. Diese publizieren wir alle sechs Monate in unserem Transparenzbericht.

Am Donnerstag hat Google angekündigt, den Strom für Datencenter künftig zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie zu beziehen. Wie wollen Sie das erreichen?

Dies muss mittels neuer, noch nicht bestehender Energie geschehen. Strom-Zertifikate funktionieren nicht. Sie verändern die Buchhaltung, aber nicht die Stromversorgung. Deshalb kaufen wir über zwei GW Strom von noch nicht gebauten Wind- und Solarparks. Heute liegt unser Anteil an Erneuerbaren erst bei 37 Prozent, weil viele der Parks noch im Bau sind. In den nächsten drei Jahren wird er aber stark steigen. Beim Rest kompensieren wir das CO2 über Projekte, die etwa Methan in Abfallgruben abfangen.

Wann werden Sie 100 Prozent erreichen?

Das ist schwer zu sagen, weil wir auch in Südamerika und in Asien Rechenzentren haben. In Chile haben wir dazu beigetragen, dass die erste industrielle Solarfarm gebaut wird. Steht die Anlage, werden wir dort zu 100 Prozent erneuerbare Energien einsetzen.