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Technologie und Autos

Die Silicon-Valley-Riesen bestimmen den Kurs

von Elisabeth Oberndorfer / 13.10.2016

Google und Apple zwingen traditionelle Autobauer zu Innovation und Kooperation. Dadurch entsteht ein gespanntes Verhältnis zwischen der neuen und alten Industrie, ein Kampf um Talente und ein technologiegetriebener Zukunftsmarkt. Wer mit wem welche Fahrtechnologie baut – ein Überblick.

NZZ.at widmet sich in einer Serie in den kommenden Wochen den Chancen, Innovationen und Disruptionen auf dem Automarkt. Lesen Sie jeden Donnerstag, welche Megatrends das Fahren verändern, wie  innovative heimische Zulieferer darauf reagieren und welche Unternehmer und Start-ups versuchen, bei den Veränderungen mitzumischen.

E-Mobilität, autonomes Fahren und Ridesharing

„Die Zukunft passiert jetzt“, sagte Sebastian Thrun, Gründer der Lernplattform Udacity, vor einigen Wochen in Bezug auf selbstfahrende Autos. Er muss es wissen: Schon vor mehr als zehn Jahren arbeitete der Robotics-Experte an der Entwicklung eines autonomen Fahrzeugs. Bevor Thrun sein eigenes Start-up gründete, leitete er die Self-Driving-Car-Abteilung bei Google. Dass sich Autokonzerne Technologieunternehmen annähern, ist vor allem sein Verdienst. Nebenbei entstand 2003 im Silicon Valley ein Start-up für Elektroautos: Tesla – einer der bekanntesten Herausforderer der traditionellen Autoriesen.

Heute sind die härtesten Konkurrenten der Autobauer nicht mehr andere Marktteilnehmer, sondern die großen Player der Technologiebranche. Sowohl Konzerne als auch Start-ups wagen sich in die Automobilindustrie – und das nicht nur mit selbstfahrenden Autos. Es geht den Innovatoren nicht darum, Pkws neu zu erfinden, sondern den Verkehr insgesamt. Ridesharing-Modelle, alternative Antriebsformen und vernetzte Software im Auto sind weitere Felder, die Silicon Valley und andere Tech Hubs beschäftigen. Geht es nach Vordenker Thrun, müssen wir uns in naher Zukunft nicht mehr über fehlende Parkplätze ärgern, sondern werden von einem Roboterauto am gewünschten Ort abgesetzt. Es sind Theorien wie diese, die Konzerne aus aller Welt ins Silicon Valley gelockt haben. Hier eröffnen sie eigene Forschungsabteilungen, kooperieren mit Tech-Start-ups oder werben ihre Mitarbeiter ab.

Streit um Daten und Fachkräfte

„It’s complicated“, könnte man über die Beziehung zwischen den Autobauern und Tech-Riesen sagen. Einerseits kooperieren sie, andererseits versuchen alle, ihre eigenen Produkte durchzusetzen. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist die geplatzte Kooperation zwischen Apple, Daimler und BMW: Apple suchte Unterstützung bei der Entwicklung eines Fahrzeuges, forderte dabei aber die Datenhoheit. Die deutschen Autobauer wollten jedoch im Sinne des Datenschutzes handeln und stoppten deshalb die Verhandlungen. Dafür soll der österreichische Autozulieferer Magna bereits für Apple arbeiten.

BMW entwickelt jetzt ohne Apple, dafür aber mit Intel und dem Sensorenhersteller Mobileye ein selbstfahrendes Auto, das 2021 auf den Markt kommen soll. In Europa hat der deutsche Konzern weniger Bedenken beim Teilen von Daten. Mit Daimler und Audi hat BMW vergangenes Jahr den Kartendienst „Here“ von Nokia übernommen. Ab nächstem Jahr beliefern die Eigentümer das Navigationssystem mit Daten ihrer Autos. Bremsen, Scheibenwischer, Scheinwerfer und weitere Sensoren sollen „Here“ mit Echtzeitinformationen über die Verkehrssituation und Beschaffenheit der Straßen liefern. Das Unternehmen will diese Daten nicht nur von seinen Partnern einspeisen, sondern auch von externen Automarken.

Währenddessen strauchelt Apples „Project Titan“, bei dem ein Elektroauto entstehen soll. Die Autoabteilung hat Insidern zufolge mittlerweile mehr als 1.000 Mitarbeiter, viele davon seien kürzlich aber entlassen worden. Intern denkt man über einen Strategiewechsel nach. Möglich wäre, dass Apple doch keinen eigenen Pkw, sondern eine Technologie für selbstfahrende Autos baut. Die Fachkräfte holt sich der Konzern jedenfalls von BMW und Mercedes. Volkswagen hat einen Top-Manager des Apple Cars allerdings schon wieder abgeworben. Johann Jungwirth ist jetzt Chief Digital Officer des krisengebeutelten Automobilriesen. Von dem Abgasskandal versucht VW mit einer Elektroauto-Offensive abzulenken, der I.D. soll ab 2020 verkauft werden.

Bild: Volkswagen

Volkswagen will das Elektroauto I.D. ab 2020 verkaufen. (Bild: Volkswagen)

Gemeinsames Lobbying für selbstfahrende Autos ohne Besitzer

Während Apple das, was auch immer beim „Project Titan“ entsteht, bis zur offiziellen Präsentation geheim halten wird, gibt sich Google bei seinen Versuchen, den Straßenverkehr zu revolutionieren, offener. „Wir bauen nicht ein Auto, sondern einen Fahrer“, betont Dmitri Dolgov, Software-Chef für die autonome Fahrtechnologie. Die Tochter des Internetkonzerns Alphabet hat für das Google Car unter anderem mit Fiat Chrysler und Volvo zusammengearbeitet. Mit dem Taxi-Start-up Uber, dessen Konkurrent Lyft und dem US-Autobauer Ford hat Google im Frühling eine Lobbying-Vereinigung für selbstfahrende Autos ins Leben gerufen. Der nächste Konzern, der mit dem Silicon-Valley-Pionier kooperieren will, ist Hyundai. Ford konzentriert sich indes auf die Produktion eigener Roboter-Pkws und verabschiedet sich dabei von der Idee, dass Autos weiterhin in Privatbesitz sein werden. Stattdessen will das Unternehmen das neue Modell über einen Ridesharing-Dienst anbieten.

Auch Uber verabschiedet sich langsam vom menschlichen Chaffeur. Das mit mehr als 60 Milliarden US-Dollar bewertete Start-up testet seit September eine selbstfahrende Flotte. Neben dem Personentransport steigt Uber zudem mit der Übernahme von Otto ins Speditionsgeschäft ein. Otto ist ein wenige Monate altes Start-up, das einen selbstfahrenden Lkw entwickelt. Dessen Gründer haben zuvor beim Google Car mitgewirkt. General Motors hat sich im März die Kompetenz ebenfalls zugekauft, statt mit Technologieunternehmen zu koopieren. Für Cruise hat GM eine Milliarde Dollar gezahlt, das autonome Fahrsystem wird in das mit E-Motor betriebene Chevrolet-Modell Bolt eingebaut.

Bild: Ford

Ford bringt seine ersten selbstfahrenden Modelle als Taxis auf die Straßen. (Bild: Ford)

Konkurrenz für Tesla aus Österreich

Tesla will all diese Trends der Automobilbranche in den nächsten Jahren vereinigen. In seinem „Master Plan Part Deux“ schreibt CEO Elon Musk von selbstfahrenden Tesla-Wagen, die Passagiere nach Bedarf abholen und absetzen. Wer mit seinem Tesla Geld verdienen will, könne diesen in Zukunft auch über eine App vermieten, lautet Musks Vision. Weiters sollen die Laufzeit der Akkus erhöht und die Preise für die Pkws verringert werden. Zumindest bei der Batterielaufzeit hat Tesla einen kleinen, österreichischen Herausforderer. Kreisel Electric aus Freistadt behauptet, einen leistungsstärkeren Akku als die Automarke des Silicon Valleys entwickelt zu haben.  Die Erfindung soll Manager aller großen Autokonzerne anziehen, konkrete Geschäftspartner nennt Kreisel noch nicht.

Weil jedenfalls alle Technologie- und Automobilunternehmen nach Fachkräften suchen, hat Pionier Thrun bei seinem Start-up Udacity im Herbst ein Weiterbildungsprogramm für „Self-Driving Car Engineers“ gestartet. 11.000 Interessenten haben sich dafür beworben, nur 250 dürfen am ersten Jahrgang teilnehmen. Die Finanzierung für den Kurs kommt von Mercedes Benz, Otto, Nvidia und dem chinesischen Uber-Partner Didi Chuxing. Neue Technologien werden laut dem ehemaligen Google-Manager nicht nur das Verkehrswesen auf den Kopf stellen, sondern auch den Handel und die Versicherungsbranche. Denn die Befürworter von selbstfahrenden Autos rechnen mit weniger Unfällen, was für Versicherungen einen Umsatzeinbruch bedeuten könnte. Und: „Wir brauchen weniger Ärzte.“

Neben Kreisel Electric und Magna mischen auch andere österreichische Zulieferer und Auto-Experten im Silicon Valley mit. Mehr dazu lesen Sie in den nächsten Wochen auf NZZ.at.