Die SNB hat im Markt Vertrauen verloren

von Michael Rasch / 16.01.2015

Bankökonomen begrüßen zwar die Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen. Kritik gibt es aber an der Kommunikation und am Zeitpunkt. Die SNB hat Vertrauen verspielt, berichtet der Leiter der NZZ-Finanzredaktion Michael Rasch.

Auf die Frage „Hebt die SNB 2015 den Mindestkurs zum Euro auf?“ hätte man bis Donnerstagmorgen unisono eine klare Antwort bekommen: „Nein.“ Entsprechend wurden die Marktteilnehmer von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) am Donnerstag um 10.29 Uhr völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Die Entscheidung der SNB sei für alle sehr überraschend gekommen, bestätigte Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS. Ähnlich äußerten sich viele andere Ökonomen und Strategen von Banken gegenüber der NZZ, etwa auch Karsten Junius, Chefökonom von J. Safra Sarasin: Die Überraschung sei perfekt. Auffällig sei allerdings gewesen, dass die SNB im Dezember relativ früh negative Einlagenzinsen eingeführt habe, ohne vorher zu versuchen, die Untergrenze länger mit Devisenmarktinterventionen zu unterstützen.

Kapitulation der Krisenpolitik

Laut Kalt ist erwartet worden, dass die SNB zuerst die Negativzinsen weiter senkt oder die Freigrenze für Sichteinlagen heruntersetzt, bevor sie am Mindestkurs rüttelt. Bei der VP Bank meinte man, die SNB habe sich dem Marktdruck gebeugt, dabei aber einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit riskiert. Die Interventionen der letzten Wochen seien für die Währungshüter wohl zu viel gewesen. Gemäß Martin Jetzer hat die Maßnahme in der Schweiz zu den größten Turbulenzen seit vielen Jahren geführt. Daher sei es kein Wunder, dass nun Vertrauen verloren gegangen sei, urteilte der Chefökonom des Vermögensverwalters Bellecapital. Den Zeitpunkt der Aktion kann er so kurz vor den Wahlen in Griechenland und einer wahrscheinlichen quantitativen Lockerung in der Eurozone jedoch nicht nachvollziehen.

Begrüßt wird die Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen von fast allen Ökonomen, allerdings werden der Zeitpunkt und die Kommunikation oft kritisiert. Julius-Bär-Chefökonom Janwillem Acket vermutete, dass die SNB in den letzten Tagen stark am Devisenmarkt intervenieren musste, um die Kursgrenze zu halten. Daher wirke die Aktion nun wie eine Kapitulation. Martin Jetzer erinnerte zudem daran, dass der Franken bei der Anbindung schwächer gewesen sei als nun nach der Aufhebung der Bindung. Insofern scheine es, als habe die Krisenpolitik der SNB versagt. Es blieben eine aufgeblähte Bilanz und Buchverluste auf den Euro-Beständen. Ähnlich sieht es der unabhängige Ökonom Felix Zulauf, der sich schon bei der Einführung des Mindestkurses lieber dirigistische Maßnahmen von der SNB gewünscht hätte.

Auch laut Philipp Vorndran hätte die Grenze nie eingeführt werden sollen. Der frühere Chefstratege der Credit Suisse, der nun in Diensten des Vermögensverwalters Flossbach von Storch steht, sieht vier Gründe für die Kehrtwende: erstens das abnehmende Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit der SNB, den Mindestkurs zu verteidigen, zweitens die Rückkehr der Erkenntnis, dass der Markt mittelfristig die sinnvollsten Wechselkurse setzt, drittens die Tatsache, dass die hiesige Wirtschaft eine der wettbewerbsfähigsten der Welt ist und mit einer starken Währung leben kann, und viertens die Aufwertung der Währungen anderer Handelspartner (USA, China).

Schon erfolgte Interventionen?

Es gibt aber auch wohlwollende Stimmen: Bruno Gisler, Chefökonom der Aquila Group, meint, lieber jetzt in den sauren Apfel beißen als sich in eine noch schwierigere Situation manövrieren. Die Kosten des Ausstiegs wären später noch größer geworden. Er hätte sich aber gewünscht, dass die SNB mit tieferen Untergrenzen den Markt in der Findung des Gleichgewichts begleitet hätte. Es bleibe ein schaler Nachgeschmack, findet auch Karsten Junius. Künftig werde man Bestätigungen der SNB im Hinblick auf eine bestimmte Strategie mit mehr Vorsicht genießen.

Hinsichtlich möglicher Alternativen sind viele Ökonomen skeptisch. Ein Mindestkurs gegenüber einem Währungskorb wäre in der Umsetzung kompliziert und undurchsichtig gewesen, meint etwa Daniel Kalt. Einen Währungskorb hält auch Acket für problematisch, da alle Referenzwährungen zum Franken in die gleiche Richtung laufen würden. Die SNB wird nach Meinung der Experten gefordert bleiben. Laut UBS hat es bereits am Donnerstag so ausgesehen, als ob die SNB versuche, mit Interventionen am Devisenmarkt den Euro-Franken-Kurs nahe der Parität zu stabilisieren.