ORF/Milenko Badzic

Die Start-up-Initiative des ORF: Zwischen Technologieförderung und Gesetzesbruch

von Elisabeth Oberndorfer / 19.06.2016

„Irgendwas mit Start-ups“, so lässt sich die neue Initiative des ORF zusammenfassen. Vergangene Woche stellte Finanzdirektor Richard Grasl das „futurelab.261“ vor und ließ dabei einige wesentliche Fragen offen. Das sorgt für Empörung bei der privaten Konkurrenz und Kritik von Medienrechtsexperten.

Beteiligung mit ungenutztem Werbeinventar und Cash

Hinter dem „futurelab.261“ steht die ORF-Tochter ORF Mediaservice Gmbh, bislang Technologiedienstleister und seit Beginn des Jahres die Heimat der Start-up-Offensive des Öffentlich-Rechtlichen. Ihr Geschäftsführer ist Gerald Reischl, zuvor Geschäftsführer und Chefredakteur des Kurier-Technologieportals Futurezone. Das Budget, das der neue Mitarbeiter für seine Stelle sowie Co-Geschäftsführer Werner Dujmovits und eine Halbtagsassistenz zur Verfügung hat, sorgte laut Standard bei den Stiftungsräten für Staunen: 316.000 Euro.

In den vergangenen Monaten hörte man unter Investoren und Gründern, dass der Rundfunk einen Weg sucht, in Jungunternehmen zu investieren. Denn Risiko-Investments sind nicht die Kernaufgabe eines gebührenfinanzierten Medienkonzerns. Wie der ORF diese Frage letztendlich geklärt hat, ist unklar. Denn nach der großen Ankündigung seiner Pläne beim Branchenmedium Trending Topics halten sich die Beteiligten mit weiteren Informationen zurück.

Geschäftsführer Reischl betont auf Anfrage von NZZ.at, dass keine Gebührengelder in die Beteiligungen fließen. Das „futurelab.261“ verfolgt ein „Media for Equity“-Modell, investiert also Mediabudget in die Unternehmen. Wie hoch dieser Wert bei den ersten beiden Beteiligungen, die Nachrichten-App Updatemi und den digitalen Autogrammkartenanbieter Greetzly, verrät Reischl nicht. Auch die Höhe des „kleinen Cash-Anteils“, den Grasl gegenüber Trending Topics erwähnt hat, will der Start-up-Manager nicht genauer definieren, nur so viel: „Sehr gering.“ Neben dem Einsatz von Werbung und Geldbeträgen will das „futurelab.261“ seine Start-ups mit Mentoren und Workshops ausbilden. Wer die Mentoren sein werden und wie der ORF über eine Beteiligung abstimmt, lässt Reischl auch unbeantwortet.

Das Startup Updatemi will sich ebenfalls noch nicht über die Zusammenarbeit mit dem neuen Investor äußern. Grasls offizielle Erklärung des Modells lautet so: „Die ORF-Mediaservice GmbH beteiligt sich (meist bis zu zehn Prozent) entweder via Media4Equity oder/und einem sehr kleinen Cash-Anteil an Start-ups; diese bekommen nicht verkaufte Werbeplätze – es wurde ein eigener Start-up-Tarif ins Leben gerufen – im TV und/oder Online. Der Cash-Anteil kommt entweder aus den kommerziellen Einnahmen des ORF oder stammt von Partnerunternehmen, mit denen man beim Start-up einsteigt.“ Bei den kommerziellen Einnahmen spielt Grasl auf die Tochter ORF Enterprise an, die als Werbevermarkter laut Jahresbericht 2015 369,1 Millionen Euro eingebracht hat.

Privatsender fordern Transparenz und Offenlegung

Der Verband österreichischer Privatsender (VÖP) bezeichnet das Vorhaben des ORF als „höchst problematisch“. Auch wenn die Ressourcen nicht direkt aus Gebührengeldern kommen, so bleibe weniger Geld für den eigentlichen Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen. Der „Media for Equity“-Ansatz empört die Privaten ebenfalls. Reischls Verteidigung: „Der ORF setzt dabei Werbeinventar ein, das er sonst nicht verkaufen würde, wir schaffen damit eine Win-win-Situation.“ Diese Aussage findet VÖP-Vorstandschef Ernst Swoboda nicht zufriedenstellend: „Wenn es tatsächlich so rasend viel ungenutztes Inventar gibt, dann muss man die Werbebeschränkungen überdenken. Vielleicht ist man da ja zu großzügig.“

Auch der VÖP weiß nicht, wie das Beteiligungsmodell im Detail aussieht und fordert Transparenz und eine Offenlegung darüber, wer was wofür bekommt. Swoboda bezeichnet das „futurelab.261“ jedenfalls als „Krakenmodell“ und kritisiert den natürlichen Feind: „Der ORF will überall seine Finger drin haben und alles abdecken mit der Stärke durch Gebührengelder.“ Die Gründerszene werde das wahrscheinlich anders sehen, aber für den VÖP-Sprecher ist die Angelegenheit ein „Gefälligkeitssumpf“. 

Der auf Medien und Start-ups spezialisierte Anwalt Wolfgang Renzl bewertet die Pläne des ORF gegenüber NZZ.at ebenfalls als kritisch. „Die Beteiligung an Start-ups ist höchst spekulativ. Solche Spekulationen macht man wegen Rendite und Technologieförderung. Beides ist nicht die Aufgabe des ORF“, erklärt Renzl. Unter Vermögensveranlagung, die dem Rundfunk eine Unternehmensbeteiligungen bis zu 25 Prozent erlaubt, falle die neue Initiative des ORF nicht mehr. Außerdem warnt der Anwalt davor, Werbung zu verschleudern. Wenn Start-up-Investments ein neuer Auftrag des ORF sein soll, dann müsse man dies öffentlich diskutieren und das Gesetz dementsprechend ändern, so Renzl. Er sieht das spekulative Geschäft nur argumentierbar, wenn in Rundfunk-Start-ups und damit in den Unternehmensgegenstand des ORF investiert wird.

Ob es sich mit den Aktivitäten des „futurelab.261“ tatsächlich um einen Gesetzesbruch handelt, könnte die zuständige Behörde KommAustria prüfen. Der VÖP werde intern über mögliche Maßnahmen diskutieren, kündigt Swoboda an. Der Stiftungsrat soll in den kommenden Wochen über die Details der ersten Startup-Beteiligungen informiert werden. Die nächsten Deals hat das Lab bereits in der Pipeline, berichtet der Standard: Bei „Xamoom“ handelt es sich um eine Technologie, die physische Objekte mit digitalen Inhalten vernetzt und „Inscouts“ ist eine Fußball-Bewertungs-App. Reischl sagt, dass er für die Start-up-Schmiede drei Kategorien bestimmt hat, für die passende Unternehmen gesucht werden: „Soziale Nachhaltigkeit, Media Literacy und Bildung“.

Anmerkung der Redaktion: Updatemi, eines der Startups, in die der ORF investiert, ist aktiver Geschäfts- und Kooperationspartner von NZZ.at.