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Die subversiven Guten vom Roten Kreuz

von Martin Woker / 12.04.2016

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verwaltet ein Rekordbudget. Trotz wachsender Spendenabhängigkeit muss es seine Grundprinzipien von Unabhängigkeit und Gleichheit bewahren.

Er sah sich stets als Anwalt der Verdammten dieser Erde, und er stand während Jahren als Delegierter im Sold des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Im Krieg in Afghanistan, so erzählt er mit stiller Genugtuung, habe sein Einsatz ein sichtbares Resultat erzielt. Dort versorgte er sämtliche Kriegsparteien mit Bandagen und Wundverbänden. Am Ende hatte jeder Kämpfer sein persönliches Erste-Hilfe-Set und darin als Beilage ein mit rotem Kreuz und rotem Halbmond gezeichnetes Piktogramm mit den Grundregeln der Genfer Konventionen. Wenn jeweils nach Gefechten Tote und Verletzte geborgen und Gefangene abtransportiert wurden, so erzählt der Delegierte, bediente sich Freund und Feind der identischen Erste-Hilfe-Sets. Das habe viele Kämpfer überrascht, zu eigenem Denken angeregt und damit die Absichten der Kriegshetzer durchkreuzt. Was der Gute aus Genf tat, war subversiv – im besten Wortsinn.

Anhaltendes Wachstum

Verwundete Soldaten verdienen die Hilfe einer humanitären Organisation, deren Neutralität von allen Kriegsparteien anerkannt wird. Henry Dunants im Juni 1859 auf dem Schlachtfeld von Solferino begründete Idee mündete in die vier Genfer Konventionen, die das Rote Kreuz zu einer weltumspannenden Institution wachsen ließen, mit 190 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften, 17 Millionen freiwilligen Helfern, der in Genf ansässigen Dachorganisation all dieser nationalen Gesellschaften und dem ebenda domizilierten Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Gründerorganisation der gesamten Bewegung. Ihm obliegt es, in Krisen- und Kriegsgebieten die Einhaltung der Genfer Konventionen und deren Zusatzprotokolle zum Schutz von Zivilpersonen einzufordern und nötigenfalls mit eigenem Personal Kriegsopfer zu versorgen oder sich für deren Schutz einzusetzen. In seiner Aufgabe legitimiert wird das IKRK durch die von allen Staaten unterzeichneten Genfer Konventionen, welche der Organisation einen Auftrag geben: Besuche von Kriegs- und Sicherheitsgefangenen, medizinische und materielle Versorgung von Konfliktopfern, Schutz von Zivilisten in Kriegsregionen und in militärisch besetztem Gebiet.

Im Unterschied zu allen andern humanitären Akteuren, wie UNO-Hilfswerke, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und Einzelinitiativen zugunsten von Konfliktopfern oft bezeichnet werden, ist der Auftrag des IKRK völkerrechtlich definiert. Sein Mandat erfordert diplomatischen Druck und damit einhergehende Diskretion. Darum etwa sind die von IKRK-Delegierten verfassten Berichte über die Behandlung von Kriegsgefangenen vertraulich und an die zuständigen Behörden der jeweiligen Konfliktparteien adressiert.

Im Zuge der Dekolonialisierung begann sich die Genfer Organisation vor vier Jahrzehnten mit Nahrungsmittelspenden, Feldspitälern, sauberem Trinkwasser und Prothesenwerkstätten aktiv an der Hilfe für Kriegsopfer zu beteiligen. Die Operationen zugunsten der Kambodscha-Flüchtlinge, der Hungernden in Äthiopien und das Engagement nach dem Zerfall der Sowjetunion lösten beim IKRK einen Wachstumsschub aus, der die verschwiegene Organisation unter die Global Player im humanitären Geschäft katapultierte, was bereits vor zwanzig Jahren Kritik auslöste. Seither hat sich das Budget verdoppelt. Im laufenden Jahr wird mit Ausgaben von über 1,7 Milliarden Franken gerechnet. Es erhielten jene recht, die das IKRK den Marktgesetzen ausgesetzt sehen: Nur Große überleben. Wer aber bezahlt das Wachstum?

Der Aufwand des IKRK wird primär mit staatlichen Beiträgen gedeckt. Die maßgeblichen Geber im Vorjahr waren die USA, vor Großbritannien, der Schweiz, der Europäischen Kommission, Kanada, den Niederlanden, Schweden, Deutschland, Norwegen, Australien und Japan. Die Zahlungsbereitschaft wohlhabender Staaten in der islamischen Welt ist bescheiden. Aber auch China und Russland tun sich mit substanziellen Beiträgen an das IKRK schwer. Ihnen sind die Guten aus Genf nicht geheuer, weil sie in ihren unruhigen Hinterhöfen fremde Einmischung befürchten und für sich in Anspruch nehmen, mit „Terroristen“ selbst fertig zu werden.

Gleiches gilt auch für die Türkei, wo sich das IKRK seit Jahrzehnten um Zugang in die chronisch unruhigen Kurdengebiete bemüht. Auch in Syrien war das IKRK lange Zeit nur knapp toleriert; seinen Delegierten blieben Besuche in Assads Foltergefängnissen verwehrt. Erst seit Ausbruch des offenen Kriegs erlaubt das Regime der Genfer Organisation umfangreiche Hilfeleistung, die in Kooperation mit dem Syrischen Roten Halbmond erfolgt. Im laufenden Jahr sind dafür 150 Millionen Franken budgetiert. Bilanz: Das IKRK ist und bleibt eine vom „Westen“ alimentierte Organisation.

Zur Finanzierung ihrer rekordhohen Ausgaben bemüht sich die Genfer Organisation um die Erschließung neuer Quellen. „In unserer von Gewalt erschütterten Welt ist der Einsatz des IKRK wichtiger denn je“, steht in einer unlängst an die 4,2 Millionen Schweizer Haushalte versandten Broschüre. Der sich auf den Syrien-Krieg beziehende, präzedenzlose Spendenaufruf wird angesichts des anhaltenden Elends zweifellos Beachtung finden. Allerdings figuriert das IKRK nicht unter den in der Schweiz zertifizierten Hilfswerken mit Zewo-Gütesiegel. Ist die Genfer Organisation dazu bereit, ihre Ausgaben in Syrien den Privatspendern gegenüber transparent zu machen? Ihnen wird man nicht im Detail erläutern können, wie sich das IKRK um operationelle Kontakte zu allen Kriegsparteien in Syrien bemüht, um seinen Auftrag neutral und unabhängig zu erfüllen. Sie werden nie erfahren, mit welch großem Aufwand etwa radikalislamische Warlords vom Sinn der Rotkreuzarbeit überzeugt werden müssen. Diskretion und Überzeugungsarbeit sind Brot und Butter ihrer humanitären Diplomatie. Ohne Einwilligung aller Kriegsparteien riskieren Rotkreuzhelfer ihr Leben.

Lässt sich die Effizienz humanitärer Hilfe überhaupt messen? Der IKRK-Präsident Peter Maurer lancierte am diesjährigen WEF in Davos sogenannte humanitäre Anleihen (humanitarian impact bonds) zur Finanzierung der Wiedereingliederung von Kriegsverletzten. Das Vorhaben bezweckt, Großfirmen, Stiftungen und vermögende Privatpersonen als Donatoren zu gewinnen. Gesucht werden aufgeklärte Investoren, die aus Eigeninteresse zur Umsetzung humanitärer Grundsätze beitragen. So wird es ihnen versprochen.

Ein bankrotter Visionär

Wie sähe das Henry Dunant? Auch er war ein Investor, wenn auch ein vom Pech verfolgter. Vier Jahre nach der Gründung des IKRK ging er bankrott, erfuhr deswegen im calvinistischen Genf gesellschaftliche Ächtung und verbrachte seinen Lebensabend im appenzellischen Luftkurort Heiden in Armut und Vergessenheit. Neun Jahre vor seinem Tod wurde ihm 1901 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises späte Ehre zuteil. Das Rote Kreuz als sein Lebenswerk bleibt mit seinem Namen verbunden. Und nun soll ausgerechnet die Vision eines gescheiterten Geschäftsmanns für andere Businessleute Vorbildcharakter haben?

Die Brillanz von Dunants Idee besteht darin, in Kriegen und bewaffneten Konflikten alle daran Beteiligten gleichermaßen in die humanitäre Pflicht zu nehmen: Soldaten, Rebellen, Generäle, Kriegsherren und Polizisten. Sie alle gleichwertig einzustufen, nämlich als Bewaffnete mit dem Auftrag zu töten, ist ein subversiver Gedanke. Er widerspricht dem Ordnungsprinzip, wonach nur der Stärkste überlebt. Wer einzig an diesen Leitsatz glaubt, wird der von Dunant für den Kriegsfall postulierten Gleichwertigkeit aller stets skeptisch gegenüberstehen und humanitäre Helfer als idealistische Weltverbesserer sehen. Es ist deswegen nötiger denn je, dass die Guten aus Genf auf dem humanitären Markt ihre Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit zu wahren vermögen und vor allem eines nicht vergessen: subversiv zu wirken.