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Brexit

Die Talfahrt des Pfunds erhöht das Inflationsrisiko

von Gerald Hosp / 17.08.2016

Die Inflationszahlen für Juli sind die ersten offiziellen Zahlen nach der britischen Volksabstimmung zum EU-Austritt. Die Herausforderung für die Zentralbank wächst.

Die Zahlen zur Inflationsrate haben in dieser Woche den Reigen der ersten „harten“ ökonomischen Daten nach der Brexit-Entscheidung Grossbritanniens eröffnet. Nach der Abstimmung am 23. Juni hatte es vorläufig nur „weiche“ Stimmungsbarometer gegeben, die den künftigen Weg der britischen Wirtschaft andeuteten.

Die Zahlen zur Jahresteuerung zeigen bereits – mehr oder weniger – die Auswirkungen eines schwächeren Pfunds nach der Brexit-Entscheidung auf die Preisentwicklung auf. Die Konsumentenpreise auf Jahresbasis sind im Juli um 0,6% gestiegen. Im Juni betrug die Jahresteuerung 0,5%. Was unscheinbar klingt, ist immerhin die höchste Inflationsrate seit Ende 2014. Besonders die Preise für Treibstoffe, alkoholische Getränke und Hotelzimmer haben die Inflationsrate angeheizt, die historisch gesehen aber immer noch auf kleiner Flamme köchelt. Eine höhere Inflation bedeutet in der Regel eine Einbusse bei den Realeinkommen, was zu einer Schwächung der Binnennachfrage und zu mehr Arbeitslosigkeit führt.

Wegen der Talfahrt des Pfunds war eine anziehende Teuerungsrate erwartet worden, weil durch einen schwächeren Aussenwert der Währung Importgüter teurer werden. Zudem sind die Beschaffungskosten der Unternehmen stärker angestiegen als die Konsumentenpreise. Britische Unternehmen zahlten im Juli für Güter zur Weiterverarbeitung um 4,3% mehr als im Vorjahr. Dabei sind vor allem importierte Metalle, Lebensmittel und Treibstoffe teurer geworden. Ein Teil des Anstiegs geht auf das Konto der höheren Erdölpreise. Die gestiegenen Beschaffungskosten schlagen sich auch in höheren Erzeugerpreisen nieder: Diese sind im Juli um 0,3% gegenüber dem Vormonat gestiegen.

Auch wenn sich in den Julizahlen bei den Konsumentenpreisen noch kein starker Teuerungsanstieg enthüllt hat, gehen die Erwartungen in Richtung mehr Inflation. Die Bank of England (BoE) geht in ihrer jüngsten Einschätzung davon aus, dass Ende nächsten Jahres die Teuerungsrate den von ihr angestrebten Zielwert von 2% überschreiten wird. Manche Marktbeobachter sehen einen steileren Anstieg der Inflation voraus. Die BoE hat jedoch bereits Anfang Monat mit einem umfassenden Stimulierungspaket klargestellt, dass sie das Inflationsrisiko als geringer erachtet als die Gefahr einer sich abkühlenden Konjunktur. Über das Inflationsziel wird die BoE offenbar nonchalant hinwegsehen. Vor zwei Wochen senkten die Währungshüter den Leitzins von 0,5% auf 0,25%, weiteten das Programm zum Aufkauf von Anleihen aus und wollen den Banken weitere Mittel zur Kreditvergabe zur Verfügung stellen. Eine weitere Zinssenkung in diesem Jahr wird nicht ausgeschlossen. Nach der Veröffentlichung der Inflationszahlen wurde das Pfund gegenüber dem Dollar aber stärker. Am Markt wird wohl angenommen, dass eine Zinssenkung wegen der Erwartungen einer höheren Inflation weniger wahrscheinlich wird.

Die Zentralbank schoss bereits aus allen Rohren, um das Abgleiten der britischen Wirtschaft in eine Rezession zu verhindern. Zahlen zum Arbeitsmarkt, die am Mittwoch veröffentlicht werden, sowie die Statistik zum Einzelhandel, die am Donnerstag erwartet wird, könnten weiteren Aufschluss darüber geben, inwieweit sich das Verhalten der Konsumenten und der Unternehmen nach der Brexit-Entscheidung tatsächlich verändert hat. Dabei ist es höchst umstritten, ob die Politik der Notenbank in einem Umfeld der ohnehin niedrigen Zinsen noch wirksam ist. Die BoE hatte zudem in der vergangenen Woche Probleme bekundet, im Rahmen ihres Kaufprogramms für Anleihen überhaupt Verkäufer von langfristigen Staatsobligationen zu finden. Am Dienstag hingegen wurden der Zentralbank mehr Papiere angedient, als sie beabsichtigt hatte zu kaufen. Die Verkäufer waren durch gestiegene Obligationenkurse angezogen worden.

Mit der Zentralbankpolitik kann sich Grossbritannien, wenn überhaupt, nur Zeit erkaufen. Die zentrale Unsicherheit, die auf der Wirtschaft lastet, ist die Frage nach der zukünftigen Beziehung des Landes zur EU und zum Rest der Welt. Bis jetzt zeichnet sich London in dieser Frage eher durch kleinliches Kompetenzgerangel als durch ein beherztes Vorgehen aus. Dadurch verlängert sich die Phase der Unsicherheit.