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Bargeld

Die teure Abschaffung des 500ers

von Michael Rasch / 09.04.2016

Die geplante Abschaffung der 500-Euro-Note wäre angeblich sehr teuer. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommt die EZB in einer internen Schätzung auf einen Betrag von „weit mehr als 500 Millionen Euro“. Die Kosten entstünden vor allem durch den Druck von alternativen Scheinen. Welchen Plan die Kämpfer gegen die großen Scheine überhaupt haben, weiß NZZ-Wirtschaftskorrespondent Michael Rasch.

Die Europäische Zentralbank (EZB) erwägt, den 500-Euro-Schein zu eliminieren – also ihn langsam aus dem Verkehr zu ziehen oder seine Gültigkeit als Zahlungsmittel auf ein bestimmtes Datum hin abzuschaffen. Das steht im Gegensatz zur Nutzung dieser Note. Die Verbreitung des 500ers befindet sich nämlich auf einem Rekordniveau. Im Februar waren knapp 606 Millionen dieser Scheine im Umlauf. Der Rekord datiert vom Dezember 2015, als über 613 Millionen der violetten Noten mit den stilisierten Bauwerken moderner Architektur im Umlauf waren. Die Scheine erfreuen sich also – ebenso wie auch viele andere Banknoten mit kleinerem Wert – einer hohen Beliebtheit und Verbreitung.

Versicherung gegen Krisen

Ähnliches gilt für die 200er-Note. Auch ihr Umlauf liegt auf Rekordniveau. Im Februar waren 207 Millionen dieser Scheine ausstehend. In der Schweiz lässt sich ebenfalls eine hohe Nachfrage nach großen Geldscheinen beobachten. Im Dezember 2015 befanden sich laut Statistik der Schweizerischen Nationalbank rund 45 Millionen 1.000er-Noten im Umlauf – ebenfalls ein Rekord. Im Jahr 2000 sind es lediglich rund 17 Millionen gewesen.

EZB-Präsident Mario Draghi argumentiert mit der Reduktion von Kriminalität, denn der 500-Euro-Schein werde auch und zunehmend für kriminelle Zwecke gebraucht. Sparen könnten die Menschen auch mit der 200er-Note. In der Tat sind die großen Scheine bei Kriminellen gefragt, denn sie eignen sich besonders gut zur platzsparenden Aufbewahrung großer Summen. Doch auch bei ehrlichen Menschen sind die Scheine zur Wertaufbewahrung sehr beliebt. Zudem betrachten viele Bürger sie als Versicherung gegen Unsicherheit: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise stieg die Nachfrage nach großen Scheinen massiv. Der Umlauf der 500er-Note kletterte von August bis Dezember 2008 um 13 Prozent und bis Dezember 2009 sogar um 20 Prozent auf damals 563 Millionen. Ähnliches war bei der 200er-Note zu beobachten. Der 1.000-Franken-Schein verzeichnete sogar einen noch größeren Nachfrageschub. Von August bis Dezember 2008 stieg der Umlauf um 27 Prozent.

Beliebteste Zahlungsmethode

Zu den Vorkämpfern gegen die großen Scheine gehört der amerikanische Wirtschaftsprofessor Kenneth Rogoff, der sogar ganz für die Abschaffung von Bargeld plädiert. Papiergeld sei sehr privat, und Transfers könnten vorgenommen werden, ohne Spuren zu hinterlassen. Zudem wüssten viele Zentralbanken nicht, wo große Teile der Banknotenbestände seien, argumentiert er unter anderen. Doch ist das wirklich so schlimm, und ist die Privatheit nicht gerade einer der großen Vorteile von Bargeld zum Schutz gegen den (Überwachungs-)Staat? Auch Rogoff führt ins Feld, dass Kriminelle und Drogendealer immer wieder mit großen Mengen an 500ern erwischt würden, weil die Lagerung kleiner Scheine schwieriger sei. Forderungen nach einer Abschaffung der großen Scheine kommen entsprechend oft auch von Strafverfolgern und Korruptionsbekämpfern.

Bei den Bürgern ist das Bargeld allerdings äusserst beliebt. In Deutschland werden 79 Prozent aller Transaktionen und 53 Prozent der Umsätze mit Bargeld vorgenommen bzw. erzielt. Es ist auch in vielen anderen Ländern sehr beliebt, so gelten etwa die Spanier als Fans von Barzahlungen. Selbst in den USA, dem angeblichen Land der Kreditkarte, ist Bargeld mit einem Anteil von 40 Prozent die populärste Zahlungsmethode bei Einkäufen. Erst danach folgen mit 25 Prozent die Bankkarte (Debitkarte), mit 17 Prozent die Kreditkarte und mit 7 Prozent elektronische Zahlungsmethoden, wie eine Studie der US-Notenbank-Filiale von San Francisco ergeben hat.

Im derzeitigen Umfeld sollte die Debatte um die großen Banknoten jedoch nicht unter dem Aspekt der angeblichen Kriminalitätsbekämpfung gesehen werden. Der Wind weht von der Geldpolitik her. Notenbanken sind mit ihren Negativzinsen an Grenzen gestoßen. Werden die negativen Sätze nämlich weiter erhöht, droht ein Bank-Run in der Form, dass Sparer und Privatanleger, aber auch institutionelle Investoren ihr Geld von der Bank holen und an einem sicheren Ort horten. So sieht es auch der bekannte deutsche Ökonom und frühere Chef des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn. Die EZB wolle den Banken die Möglichkeit nehmen, Bargeld zu lagern, um sie zu zwingen, negative Einlagenzinsen zu zahlen, sagt Sinn. Dies laufe darauf hinaus, dass auch Sparer wohl irgendwann Strafzinsen zahlen müssten. Die Mehrheit der deutschen Ökonomen ist ebenfalls gegen die Abschaffung des 500ers, wie das Ökonomen-Panel von Ifo-Institut und FAZ laut einer Mitteilung ergeben hat.

Kampagne gegen das Bargeld

In welche Richtung der Zug langfristig fährt, zeigen die USA. Dort wird inzwischen über die Abschaffung der 100-Dollar-Note diskutiert. Einer der führenden Vertreter ist Peter Sands, ehemaliger Chef der britischen Großbank Standard Chartered. Er will die größeren Noten nicht unmittelbar ungültig machen, sondern zuerst ihre Ausgabe stoppen. Danach soll die Nutzung in öffentlichen Kampagnen madig gemacht werden, um die Scheine schließlich ohne großen Widerstand einziehen zu können. Im Hinblick auf die Euro-Zone erklärte Rogoff in einem Interview, zuerst komme der 500er, dann irgendwann später der Rest.

Mario Draghi behauptet, die Überlegungen zum 500-Euro-Schein hätten nichts mit der Reduzierung von Bargeld zu tun. Rein formal ist für die Abschaffung auch ein Beschluss des 25-köpfigen EZB-Rates notwendig. Zumindest in der Schweiz ist die Abschaffung des 1000ers kein Thema. Die Schweizerische Nationalbank scheint fest zur wertvollsten Note der Welt zu stehen.