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Konjunktur

Die Türkei nach dem Putschversuch: Bauen gegen den Abschwung

von Marco Kauffmann Bossart / 22.08.2016

Die politische Instabilität hat die türkische Wirtschaft nicht aus der Bahn geworfen. Staatspräsident Erdogan treibt das Wachstum mit Megaprojekten und billigem Geld voran.

Die Finanzmärkte haben den Umsturzversuch vom 15. Juli schnell verdaut. Nach wenigen Tagen im Minus kehrte der Borsa-Istanbul-100-Index wieder auf das Vorkrisenniveau zurück. Auch die türkische Lira erholte sich gegenüber dem Dollar erstaunlich schnell. Ausländische Anleger zogen nach dem Aufstand, der 300 Menschenleben gefordert hat, zwar vorübergehend Kapital ab, sind inzwischen aber zurückgekehrt. Zuvor hatte bereits eine Serie von Anschlägen und innenpolitischen Verwerfungen den Tourismus hart getroffen, sonst aber keine dramatischen ökonomischen Erschütterungen verursacht.

Razzien gegen Firmen

Aus Sicht der türkischen Regierung befindet sich die Wirtschaft in robuster Verfassung. Im Gegensatz zu privaten Ökonomen sah sie nach dem gescheiterten Putsch davon ab, die Wachstumsprognose nach unten zu korrigieren. Erst am vergangenen Freitag erklärte der für Wirtschaftspolitik verantwortliche Vizeministerpräsident Mehmet Simsek, der angestrebte Zuwachs des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 4,5% für 2016 sei nicht länger realistisch. Eine neue Prognose gab Simsek zunächst keine ab.

Primär ortet die türkische Regierung ein Imageproblem, das sie mit PR-Kampagnen zu lösen gedenkt. Allerdings ist fraglich, ob die islamisch-konservative Führung ausländische Unternehmen zu beruhigen vermag, die sich um die Rechtsstaatlichkeit sorgen. In Reaktion auf die bewaffnete Rebellion hat Ankara eine rigorose Säuberungswelle verordnet. Dass sie nur Personen trifft, die direkt oder indirekt am Umsturzversuch beteiligt waren, muss bezweifelt werden. Vergangene Woche führte die Polizei bei der Bankenaufsicht sowie bei über zweihundert Unternehmen Razzien durch und nahm Dutzende Finanzinspektoren und Geschäftsleute fest; unter anderen den Chef des Textildetailhändlers Aydinli. Ihnen werden Verbindungen zum islamischen Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen. Der einstige Weggefährte Erdogans lebt im US-Exil und bestreitet jedwede Mitverantwortung für den Coup. Erdogan bekämpfte seinen Erzfeind schon vor dem blutigen Juliwochenende: So wurde die von Sympathisanten der religiösen Bewegung gegründete Asya-Bank 2015 unter Zwangsverwaltung gestellt. Wer Augenmass beim Kampf gegen angebliche Verschwörer einfordert, gerät schnell unter Verdacht, dem Feindeslager anzugehören, oder er wird als „antitürkisch“ gebrandmarkt.

Russland in der Hinterhand

Die türkische Regierung, die zunehmend ungehalten auf Kritik aus dem Westen reagiert und die Senkung der Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agentur Standard & Poor’s Ende Juli als ungerechtfertigt abkanzelte, setzt derweil Hoffnungen in die Aussöhnung mit Russland. Erdogan entschuldigte sich unlängst beim russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges im November 2015 und beendete damit eine wirtschaftliche Eiszeit, die zwei wichtige Standbeine der türkischen Wirtschaft bedrohte: Die Ankünfte von Touristen aus Russland – nach Deutschland das wichtigste Herkunftsland für den Fremdenverkehr – brachen im ersten Halbjahr 2016 um 87% ein. Zudem litten Agrarproduzenten und Bauunternehmer unter den russischen Sanktionen. Jetzt wollen die beiden Regionalmächte Energieprojekte fortführen, die wegen der politischen Spannungen blockiert waren. Im Vordergrund steht die Gasleitung „Turkish Stream“.

Präsident Erdogan, dem eine grosse Nähe zu Baumagnaten nachgesagt wird, betrachtet den Bausektor als eine zentrale Säule der heimischen Wirtschaft. In der Metropole Istanbul entsteht bis zum Jahr 2018 ein dritter Flughafen, der mit einem geplanten Aufkommen von jährlich 150 Mio. Passagieren zum grössten der Welt werden soll. Auch in entlegenen Provinzen werden Malls und Bürotürme errichtet, die den Stolz der von Erdogan propagierten „neuen Türkei“ repräsentieren. Einige Konzerne, deren Kerngeschäft darbt, diversifizieren in den Immobiliensektor. Die Anadolu Holding, die den Bierbrauer Efes kontrolliert, begründete ihren Vorstoss ins Immobiliengeschäft mit der hohen Besteuerung von Alkohol auf dem Heimmarkt und Absatzeinbussen in Russland. Wegen höherer Wachstumschancen steigt auch die im Tankstellengeschäft tätige Aksoy Holding in den Liegenschaftssektor ein.

Marktbeobachter warnen freilich vor einer Blasenbildung, zumal Erdogan trotz hartnäckig hohen Inflationswerten auf niedrigere Zinsen drängt. Ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum wird sich nach Einschätzung der meisten Ökonomen nur einstellen, wenn die Regierung endlich strukturelle Schwächen anpackt (starre Arbeitsmärkte, niedrige Sparquote, regulatorisches Dickicht, tiefe Beschäftigungsquote von Frauen). Derzeit setzt Ankara aber offenkundig andere Prioritäten.